Radsport Florian Lipowitz – der Kopf ist wieder frei
Der Rummel war groß nach Platz drei bei der Tour de France, eine Auszeit nötig: Jetzt ist Florian Lipowitz zurück auf dem Rad – und steht erneut vor großen Herausforderungen.
Der Rummel war groß nach Platz drei bei der Tour de France, eine Auszeit nötig: Jetzt ist Florian Lipowitz zurück auf dem Rad – und steht erneut vor großen Herausforderungen.
Die Auszeit, die sich Florian Lipowitz verordnet hat, ist vorbei. Er sitzt wieder auf dem Rad. Und er spricht. Im TV-Studio bei „Sport im Dritten“, im Podcast „Tourfunk“, in einer Presserunde mit lokalen Reportern in Stuttgart. Interviewwünsche in dreistelliger Anzahl gab es nach der Tour de France, fast alle blieben liegen. Jetzt, drei Monate, nachdem er in Paris auf dem Podium stand, beantwortet Florian Lipowitz die Fragen. Freundlich, nett, in dem ihm eigenen Duktus. Oft lächelt er, und trotzdem ist zu spüren, dass er nicht gerne im Fokus steht. „Wer mich kennt“, sagt der Radprofi in jedem Mediengespräch, „der weiß, dass ich eine eher introvertierte Person bin.“ Für die Ruhephasen enorm wichtig sind.
Wie groß der Rummel sein kann, hat Florian Lipowitz (25) erfahren. Erst bei der Tour de France, als plötzlich alle auf den Neuling schauten, der Druck seines Teams Red Bull-Bora-hansgrohe auf ihm lastete, die Erwartungen immer größer wurden. Aber auch danach. Bei der Deutschland-Tour stand allein er im Rampenlicht, es gab Empfänge, Ehrungen, großen Enthusiasmus. Und ein unerwartetes Ende. Statt sich auf die Lombardei-Rundfahrt vorzubereiten, schloss Florian Lipowitz seine Saison vorzeitig ab. Er bezeichnete diesen Entschluss als „befreiend“. Für den Körper, der nicht mehr konnte. Aber auch für den Kopf. „Ihn freizubekommen“, sagt er, „ist enorm wichtig.“ Florian Lipowitz weiß, wovon er spricht.
Vier Jahre lang teilte er mit seinem großen Bruder Philipp das Zimmer im Skigymnasium Stams in Tirol, damals waren die beiden Schwaben aus Laichingen noch vielversprechende Nachwuchs-Biathleten. Der eine wechselte wegen seiner Knieprobleme aufs Rad, der andere wurde 2021 in der Loipe Junioren-Weltmeister – und zerbrach danach fast am Druck, eine der großen Hoffnungen im deutschen Biathlon zu sein. Die Leere, die folgte, endete in einer schweren Depression mit Suizid-Gedanken, Philipp Lipowitz musste sich lange klinisch behandeln lassen. Diese Zeit prägte auch seinen Bruder. „Im Leistungssport bewegt man sich immer im Grenzbereich. Aber wer so etwas in der Familie erlebt, bekommt einen anderen Blickwinkel“, sagt Florian Lipowitz, „man schaut nun mehr auf sich und versucht, nicht in einen solchen Strudel zu geraten.“
Auch deshalb hat der Radsportler die sechswöchige Auszeit ganz bewusst für Dinge genutzt, für die sonst kein Raum bleibt. Er war mit seiner Freundin Antonia Weeger (21), einer Profi-Mountainbikerin, im Kurzurlaub, gemeinsam haben sie die Wohnung im österreichischen Seefeld aufgeräumt und unter anderem das Weiße Trikot von der Tour in der Box verstaut, in der Florian Lipowitz wichtige Erinnerungsstücke aufbewahrt. Zudem unterzog er sich auch noch einer Operation an der Nasenscheidewand, verbunden mit der Hoffnung, künftig weniger oft von Infektionen betroffen zu sein. Jetzt? Ist die Zeit des Durchatmens vorbei: „Ich freue mich, wieder auf dem Rad zu sitzen.“ Auch wenn große Herausforderungen warten.
Wenn Florian Lipowitz über seine Trainingsfahrten auf der Schwäbischen Alb spricht („Es halten immer wieder Autofahrer an, die ein Foto wollen“), über den schwersten Anstieg in der Heimat („Die Hepsisauer Steige kennt jeder“), über die Regionen, die er aufgrund ihrer Verkehrsgefahren lieber meidet ( „Stuttgart und Göppingen“) oder über die Vorzüge schwäbischer Backkunst („Die Brezeln schmecken hier definitiv besser als in Österreich“), dann hat das durchaus Unterhaltungswert. Doch es gibt auch schwierigere Themen.
Schon bei der Tour de France 2025 tat sich das Team Red Bull-Bora-hansgrohe alles andere als leicht, die Hierarchien zu klären. Zeitweise sah es so aus, als wäre der slowenische Superstar Primoz Roglic lieber auf eigene Rechnung unterwegs, statt den stärkeren Florian Lipowitz zu unterstützen. Und nun stößt auch noch Radsport-Star Remco Evenepoel zu dem Duo. Der Doppel-Olympiasieger gilt in der Branche als Alphatier, der vor allem seine eigenen Interessen verfolgt, auch was große Auftritte in den Medien angeht. Damit, das ist klar, wird Florian Lipowitz kein Problem haben – er dürfte froh sein, wenn sich die Aufmerksamkeit auf andere richtet. Bei seinen sportlichen Ambitionen sieht es anders aus.
Anscheinend gibt es im Red Bull-Rennstall, dessen Fahrer sich zuletzt erstmals für ein paar Tage in Südtirol getroffen haben, noch keine genauen Einsatzpläne für die Saison 2026. Ansprüche aber sehr wohl. „Zur Tour will ich definitiv“, sagt Florian Lipowitz, „und das Team ist nicht abgeneigt, mich dorthin zu schicken.“ Fragt sich nur, in welcher Rolle: Als Helfer von Evenepoel? Als Teil einer Doppelspitze? Oder gar als Kapitän? „Ich denke, dass wir einen guten Weg finden“, sagt der Laichinger, „so dass kein Fahrer in irgendeiner Art und Weise benachteiligt wird.“
Was eines ganz klar zeigt: Auf drei Wochen Rummel im Juli 2026 hat Florian Lipowitz große Lust. Aller Introvertiertheit zum Trotz.