Radsport – Tour de France Warnstreik im Fahrerfeld

Auch Mitfavorit Primoz Roglic gehört zu den Sturzopfern bei der Tour. Foto: AFP/Benoit Tessier

Die Radprofis der Tour de France üben scharfe Kritik am Reglement und der Streckenführung der Veranstalter. Daher stehen die Räder zum Auftakt der vierten Etappe eine Minute fast still: „Wir müssen Lösungen finden“, sagt der FDJ-Teamchef Marc Madiot.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Fougère - Es kommt nicht allzu häufig vor, dass die „L’Equipe“ als größte Sportzeitung Frankreichs mit spitzer Feder am nationalen Heiligtum des Radsports rüttelt. Wer sägt schon gerne an dem Ast, auf dem er selbst sitzt. Schließlich gehören sowohl die Zeitung als auch die Amaury Sports Organisation (Aso), der Veranstalter der Tour de France, zur Amaury-Gruppe. Jenem mächtigen Pariser Medien- und Eventunternehmen also, das jährlich Umsätze im dreistelligen Millionenbereich generiert.

 

Diesmal allerdings gab auch „L’Equipe“, deren Vorgängerblatt „L’Auto“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Tour de France erfunden hatte, ihre Zurückhaltung auf. So schrieb die Zeitung mit Blick auf die wahre Sturzorgie während der dritten Etappe der Tour auf dem hügeligen Terrain der Bretagne ins Städtchen Pontivy süffisant von der „Weltmeisterschaft im Domino“.

Wie eine Rehaklinik in Radklamotten

Als sich die Hauptakteure des äußerst schmerzhaften Szenarios vom Vortag allerdings – sofern sie nicht im Krankenhaus gelandet waren – am nächsten Morgen im 9000-Seelen-Dörfchen Redon vom Teambus auf den Weg zur Startrampe machten, um sich wie üblich für den vierten von insgesamt 21 Streckenabschnitten der Grande Boucle einzuschreiben, da wurde der Ernst der Lage erstmals greifbar. Schließlich glichen Teile des Pelotons einer Rehaklinik in Radklamotten.

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Der Mitfavorit Primoz Roglic (Jumbo-Visma) etwa rollte dick bandagiert zum Start durch Redon, der 2018er-Toursieger Geraint Thomas (Ineos) mühte sich mit aus- und wieder eingekugelter Schulter aufs Rad – und auch der Star-Pedaleur Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe trug deutlich sichtbare Folgen seines Sturzes vom Vortag am Körper. Andere, wie der endschnelle Sprinterkönig Caleb Ewan (Team Lotto Soudal) oder der australische Gesamtsechste Jack Haig (Team Bahrain) etwa, die hatten das Rennen zu diesem Zeitpunkt bereits verletzt aufgeben müssen.

Routinier Tony Martin ist entsetzt

„Wir haben drei Mann im Krankenhaus. Unser Bus sieht aus wie ein Lazarett. Das ist eine Schande für den Radsport“, fasste der Jumbo-Routinier Tony Martin, der die Tour der Leidens immerhin schon 13-mal absolviert hat, das bizarre Szenario zusammen. Also setzten die Fahrer auch prompt ein Zeichen in Form eines Warnstreiks: Das Peloton stoppte kurz nach dem scharfen Start der vierten Etappe nach Fougères für knapp eine Minute. Anschließend wurden die ersten Kilometer in langsamer Geschwindigkeit absolviert.

Denn der sonst so allmächtige Veranstalter Aso sieht sich inzwischen auch vom Fahrerfeld heftiger Kritik ausgesetzt. Der entscheidende Grund hierfür ist die Streckenführung der dritten Etappe, welche die Fahrergewerkschaft CPA bereits im Vorfeld beanstandet und folglich auf eine Neutralisation des Rennens auf den letzten Kilometern gepocht hatte. Allerdings erfolglos.

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„Mir fehlen da echt die Worte, wie dieses Finale gestaltet worden ist. Es sah auf der Karte schon schlimm aus, aber live war es noch viel schlimmer“, sagte etwa der fassungslose Sprinter André Greipel, 38, der in seiner Karriere schon einiges erlebt hat. Auch für den Kölner Nils Politt war die Streckenführung im Finale über die engen bretonischen Straßen „einfach kriminell“. Ex-Weltmeister Michal Kwiatkowski sprach von „russischem Roulette“. Denn noch acht Kilometer vor dem Zielstrich gab es auf dem verwinkelten Kurs über Nebenstraßen eine Abfahrt, auf der bis zu 90 Stundenkilometer erreicht werden. Im hektischen Finale, in dem neben den Sprintern auch die Fahrer im Kampf um den Gesamtsieg mitmischten, wurde es dann letztlich zu eng.

Madiot: „Irgendwann wird es Tote geben“

Allerdings weiß die Aso ganz genau, dass die Radprofis gerade zu Beginn der Tour, wenn die Fahrer noch frisch sind und beim wichtigsten Rennen die ersten Etappensiege eingefahren werden sollen, bei Massenankünften draufhalten wie eine Bullenherde. „Wenn wir nichts ändern, wird es irgendwann Tote geben“, sagte daher der französische FDJ-Teamchef Marc Madiot. „Wir müssen Lösungen finden.“ Eine davon wäre, die Regel, wonach auf Flachetappen nur gestürzte Fahrer auf den letzten drei Kilometern keine Zeit verlieren, auf zehn Kilometer auszudehnen – und zudem für die Spitze von da an keine Zeitabstände zu messen.

Schließlich sind die meisten Sturzursachen hausgemacht – und somit anders gelagert als zum Tourauftakt am Samstag: Da hatte eine Zuschauerin mit ihrem Pappschild ein Drittel des Pelotons abgeräumt. Trotz intensiver Fahndung der Gendarmerie wurde die Frau bisher nicht gefasst. Mittlerweile wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet, der Zuschauerin drohen bis zu drei Monate Freiheitsstrafe und 15 000 Euro Geldbuße.

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