Radsport – WM auf der Straße Schachmann ist bereit zur Attacke

Von Jochen Klingovsky 

Der deutsche Radprofi Maximilian Schachmann gehört nicht zu den Top-Favoriten des WM-Rennens an diesem Sonntag in Imola, er selbst traut sich aber viel zu – sogar den Titel.

Voller Angriffslust: Maximilian Schachmann bei der Tour de France. Foto: imago/Jan De Meuleneir
Voller Angriffslust: Maximilian Schachmann bei der Tour de France. Foto: imago/Jan De Meuleneir

Imola/Stuttgart - Die Historie der Straßenrad-WM ist aus deutscher Sicht nicht gerade eine Erfolgsgeschichte. Das letzte Kapitel, das glorreich endete, schrieb Rudi Altig 1966 auf dem Nürburgring. Seither gab es keinen Profi-Weltmeister aus Deutschland mehr. Nun, vor dem 258 Kilometer langen Rennen auf dem Formel-1-Kurs im italienischen Imola an diesem Sonntag (10 Uhr), gibt Maximilian Schachmann Gas. Verbal. „Die Strecke liegt mir, ich bin der Mann fürs Finale“, sagt er, „mein Ziel ist Gold.“

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Logisch: Wer viel erreichen will, muss große Ambitionen haben. Erst recht im unwägbaren Radsport. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Favoriten auf der hügeligen 28,8-km-Runde, die über das berühmte „Autodromo Enzo e Dino Ferrari“ führt und zwei steile Rampen (bis zu 14 Prozent) aufweist, andere sind. Vorneweg Tadej Pogacar, der nach dem Gelben, Weißen und dem Berg-Trikot der Tour de France nun noch das Regenbogen-Trikot des Weltmeisters gewinnen will. Primoz Roglic natürlich, der zusammen mit Pogacar die slowenische Doppelspitze bildet. Und vor allem Wout van Aert, der belgische Alleskönner, der zuletzt in Frankreich als Kletterer, Sprinter und Zeitfahrer glänzte. Schachmann? Folgt in der zweiten Reihe. Es ist allerdings genau die Position, die er liebt. Weil sie Raum für die Attacke lässt. Und stark genug für einen Angriff fühlt er sich – wieder.

Auf das Auto einer Anwohnerin geprallt

Mitte März war Schachmann (26) in Top-Form. Er gewann die Fernfahrt Paris-Nizza, den letzten Wettbewerb vor der Corona-Auszeit. Dann stand alles still, mehr als vier Monate. Auch danach drehte der Profi aus dem deutschen Team Bora-hansgrohe wieder mit am großen Rad. Bis zur Lombardei-Rundfahrt. Er lag super im Rennen, als plötzlich eine verirrte Anwohnerin mit ihrem Auto die nicht abgesperrte Straße kreuzte. Der Radprofi krachte ihr ins Heck und zog sich beim Aufprall einen Schlüsselbeinbruch zu. Die Italienerin erhielt eine Strafe von 129 Euro, Schachmann kam der Fall teurer zu stehen: „Danach war die Form weg.“ Zwei Wochen später stand er trotzdem am Start der Tour – die für ihn zur Tortur wurde. Er quälte sich durch die erste Woche, erst danach stieg die Laune an. In den Bergen attackierte Schachmann anschließend immer wieder, zweimal hatte er die Chance auf einen Etappensieg, zweimal ging er leer aus. Aber er gewann Zuversicht. Auch für die WM. „Sie hat, obwohl nicht alle Top-Leute hier sind, für mich einen sehr hohen Stellenwert“, sagt Schachmann – dem auch Jens Zemke viel zutraut.

Der letzte deutsche Medaillen-Gewinner war André Greipel

Der Sportliche Leiter des deutschen Teams erhielt etliche Absagen, unter anderem von Tour-Etappensieger Lennard Kämna, Emanuel Buchmann, Nils Politt und Tony Martin. Und trotzdem ist Zemke überzeugt, dass eine Medaille möglich ist – es wäre die erste seit der Sprintentscheidung 2011, als André Greipel Dritter wurde. „Schachmann ist reif für die ganz großen Siege“, meint der Sportchef, „es ist Wahnsinn, mit was für einer Courage er die Tour gefahren ist. Für die WM ist er unsere große Hoffnung – die Frage ist nur, ob seine Beine mitspielen.“ Am Kopf, das ist sicher, wird es nicht scheitern.

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Schachmann gilt nicht nur als energiegeladener Kämpfer, sondern auch als intelligenter, eloquenter Bursche. Und er sagt, was er denkt. Egal, ob es um Doping geht („Natürlich ist das Mist – für den gesamten Sport“), um die schweren Stürze bei Radrennen („Beim Thema Sicherheit wälzt der Weltverband die Verantwortung ab“) oder die Corona-Schutzmaßnahmen („Ich sehe in meinem Leben keine großen Einschränkungen, es ist eh nicht von Partynächten geprägt“). Klar, sich während der Tour drei Wochen in einer Blase aufhalten zu müssen, sei kein Vergnügen gewesen. Aber eben notwendig. Danach weilte Schachmann einen Tag bei seiner Freundin in ihrer Schweizer Wahlheimat, ehe er in die Emilia Romagna aufbrach. Und dort gab es zur Begrüßung gleich die nächste Corona-Überprüfung.

Nun steht an diesem Sonntag ein Test der anderen Art an. Das Ergebnis wird zeigen, ob Schachmann tatsächlich gut genug ist, um der deutschen Radsport-Geschichte ein eigens Kapitel hinzuzufügen.

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