Radsportler Eiko Berlitz Böblinger Mathelehrer fährt allen davon

Eiko Berlitz’ Etappensieg bei den „Race Days“ in Stuttgart-Vaihingen. Foto: gringo-59

Wenn Eiko Berlitz nicht am Böblinger Max-Planck-Gymnasium unterrichtet, fährt er als Amateur-Radsportler regelmäßig Siege ein. Was reizt den Mathelehrer an der Tortur Radsport?

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Eine komplexe mathematische Gleichung voller Variablen lösen oder mit sich dem Fahrrad einen steilen Berg hochquälen? Für Normalsterbliche wäre dies wahrscheinlich die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera. Nicht aber für Eiko Berlitz. Er ist ambitionierte Radsportler und Mathematiklehrer zugleich und somit mit beiden Herausforderungen bestens vertraut. Jüngst gewann er die Gesamtwertung der „Race Days Stuttgart“ – ein hiesiges Straßenradrennen, das zuletzt mit der Schlussetappe in Magstadt im Kreis Böblingen Station machte.

 

Seit zwei Jahren unterrichtet der 27-Jährige am Böblinger Max-Planck-Gymnasium. Seiner Leidenschaft, dem Radsport, geht Berlitz aber schon viel länger nach. „Ich bin mit elf Jahren zum Radsport gekommen, weil ich in der Schule an einer Triathlon-AG teilnahm. Weil Radfahren eine der drei Disziplinen ist und mir das Spaß gemacht hat, bin ich dabei geblieben.“ Eiko Berlitz strampelt das ganze Jahr unzählige Kilometer ab, um mitfahren zu können bei den Wettbewerben der Region. „Ich fahre jeden Tag. Nicht nur aus Trainingsgründen, sondern auch um runterzukommen“, erklärt der Lehrer.

Fast jedes Wochenende wird irgendwo um den Sieg geradelt

Und so fährt der Wahl-Böblinger rund 30 Rennen im Jahr. „Ich nehme praktisch jedes Wochenenden irgendwo teil. Ohne Vorbereitung lässt sich eine viertägige Rundfahrt wie die Race Days nicht fahren“, sagt der 27-Jährige, dessen Stärken als Allrounder im Fahren um den Gesamtsieg liegen – ähnlich wie der bisher einzige deutsche Tour-de-France-Gewinner Jan Ullrich. In den vergangenen Jahren legte der für die RSV Stuttgart-Vaihingen fahrende Sportler seinen Fokus jedoch auf Sprints – und das aus gutem Grund: „Um solche Rennen zu gewinnen, muss man Sprints gewinnen können.“

Eiko Berlitz in Montur seines Teams. Foto:  /Lukas Kegel

Bei den „Race Days Stuttgart“ vom 19. bis zum 22. Juni gelang das dem Pädagogen in gleich drei von vier Etappen: in Filderstadt-Plattenhardt, Stuttgart-Vaihingen und Magstadt. Wie bei den Profis sind solche Siege nicht ohne Training, Talent und Leidensfähigkeit möglich. „Das tut manchmal schon weh. Man muss sich quälen können. Das gehört einfach dazu“, erläutert Berlitz. Den Gesamtsieg hat Eiko Berlitz nicht nur seinen Ausnahmefähigkeiten auf dem Rennrad zu verdanken, auch sein Team habe einen großen Beitrag geleistet. „Ohne ein Team, das einen unterstützt, bei Sprints an-, bei Bergetappen vorfährt oder einen mitzieht, wenn es hapert, gehts nicht.“ Auch deshalb würden Preisgelder selbstverständlich im Team aufgeteilt.

Stars wie Tadej Pogacar oder Jonas Vinegaard, aktuell Topfavoriten auf den Tour-de-France-Sieg, kennt Eiko Berlitz nur aus dem Fernsehen. „Ich bin als Lehrer an die Schulferien gebunden. Deshalb war ich noch nie live bei der Tour. Dafür bin ich aber selbst auf die berühmten Tour-Gipfel Alpe d’Huez und Mont Ventoux gefahren“, sagt Berlitz. Jedes Jahr hängt auch der Böblinger vor dem Fernseher, um etwas von der Faszination des größten Radrennens der Welt mitzubekommen.

Die goldenen Zeiten des deutschen Radsports mit Jan Ullrich oder Erik Zabel, die sich im Laufe der 2000er-Jahre als Zeit des systematischen Dopings herausstellten, hat Berlitz nicht bewusst erlebt. Wohl auch deshalb habe er nie ein Idol gehabt, dem er nachzueifern versuchte.

Das Image des Radsports hat sich nicht überall verbessert

Auch wenn der Radsport sich weiterentwickelt und die Skandaljahre der 1990er und 2000er-Jahre hinter sich gelassen hat – so ganz ablegen konnte der Sport das negative Image nie. „Ich finde das auch bei Fahrern wie Pogacar nicht gerecht, gleich die Dopingkeule zu schwingen. Es gibt Gründe, warum die Fahrer besser geworden sind. Im Profibereich gibt es ein engmaschiges Dopingnetz. Dennoch glaube ich, dass Graubereiche ausgenutzt werden“, sagt Berlitz. „Als Juniorenfahrer wurde man explizit auf verbotene Mittel hingewiesen, bei den Amateuren dagegen bin ich in all den Jahren nur ein einziges Mal kontrolliert worden.“

Und noch etwas macht den Radsportler wütend. „Immer öfter erlebe ich, wie Passanten oder andere Verkehrsteilnehmer pauschal eine Wut an uns Radfahrern ausleben. Ich habe einige gefährliche Situationen erlebt. So etwas kann auch tödlich ausgehen, wenn man bedrängt wird oder Wischwasser ins Gesicht gespritzt bekommt.“ Auch seine Zunft müsse rücksichtsvoll fahren und auf Verkehrsregeln achten, pauschal aber für mögliche Vergehen anderer Radfahrer attackiert zu werden, dafür hat Berlitz kein Verständnis. „Ich wünsche mir, dass Menschen keinen Hass auf Radfahrer projizieren und ausüben.“

Eine Sportklasse betreut der 27-Jährige derzeit nicht. Würde er dies tun und die Anerkennung seines bayrischen Lehramtsabschlusses vom zuständigen Regierungspräsidium Stuttgart bestätigt bekommen, hätte er bereits eine Idee, wie das Rad Eingang in den Schulalltag finden könnte. „Im regulären Schulsport ist das schwierig. Ich möchte aber auf jeden Fall eine AG gründen, so wie ich damals als Fünftklässler den Radsport kennengelernt habe.“ Vielleicht entwickelt sich daraus ja eine neue deutsche Radsporthoffnung.

Radrennen „Race Days“

Idee
Die „Race Days“ sind ein von mehreren Vereinen durchgeführtes Radsportrennen südlich von Stuttgart. Sie richten sich an Nachwuchs- und Amateurradsportler.

Altersklassen
Von 15 Jahren an können Mädchen und Jungen an den Rennen teilnehmen. Die höchste Rennklasse sind die „Elite-Amateure“ wie Eiko Berlitz.

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