Radtour durch Belgien Ein Land zwischen Stoofvlees und Croque-Monsieur

Der Radweg in Richtung Brüssel. Belgien ist mit dem Rad leicht zu durchqueren. Die Wege sind gut ausgebaut und es gibt keine hohen Berge. Foto: Knut Krohn

Belgien ist ein gespaltenes Land. Die Gegensätze zeigen sich bisweilen auf wenigen Kilometern, wie eine Fahrt mit dem Rad quer durchs Land zeigt.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Belgien ist ein wundersames Land. Zwischen Nordsee und Ardennen drängen sich elf Millionen Flamen, Wallonen und ein paar Deutsche gefühlt auf der Größe eines Fußballfeldes. Die drei Volksgruppen sind sich von Natur aus spinnefeind und halten es doch seit der Staatsgründung vor fast 200 Jahren miteinander aus.

 

Diese Koexistenz funktioniert deshalb wohl auch so geräuschlos, weil sich die Menschen im Alltag überraschend strikt voneinander abtrennen – nicht nur, was die Sprache angeht. Touristen an der belgischen Küste werden sich auf Englisch problemloser verständigen können als auf Französisch und im wallonischen Teil sind praktisch keine Speisekarten auf Flämisch zu finden.

Eine Tour von Antwerpen nach Mons

Dabei ist Belgien so klein, dass es sich in einem Tag mit dem Rad durchqueren lässt. Auf der rund 150 Kilometer langen Fahrt von der Hafenstadt Antwerpen im Nordwesten des Landes nach Mons im Südosten an der Grenze zu Frankreich wird deutlich, wie scharf die Trennlinien zwischen den Volksgruppen verlaufen. Das gilt nicht nur für die Sprachen, sondern auch für die Architektur oder das Essen.

Antwerpen sielt in Belgien eine besondere Rolle. Die Millionenstadt an der Schelde ist die Herzkammer der belgischen Wirtschaft. Dort befindet sich der zweitgrößte Seehafen Europas und das weltweit wichtigste Zentrum für die Verarbeitung und den Handel von Diamanten – und es ist die Heimat des flämischen Barockmalers Peter Paul Rubens. Aber auch einer der Hauptumschlagplätze für Drogen, die von dort ihren Weg nach ganz Europa finden.

Das große Selbstbewusstsein der Flamen

Kommt in Antwerpen das Gespräch auf die Landsleute im Süden des Landes, schwingt oft ein gewisser Spott in der Stimme. Dieses an Überheblichkeit grenzende Selbstbewusstsein speist sich aus der eigenen wirtschaftlichen Stärke. „Wir bezahlen den Wallonen ihre Beamten, ihre Straßen und ihr nettes Leben“, sagt eine junge Frau, die im Rubenshaus Andenken verkauft. In Zahlen heißt das: im Jahr 2023 wurde aus Flandern die Rekordsumme von rund 8,5 Milliarden Euro an Wallonien überwiesen. Die Sache mit dem Finanzausgleich zwischen den belgischen Regionen ist natürlich komplizierter, doch werden die nackten Zahlen vor allem von der rechtsnationalistischen Partei Vlaams Belang als Argument für ihre Politik des radikalen Separatismus genutzt.

Die Vorurteile über die als französisch-hochnäsig geltenden Wallonen verstärken sich, je weiter man sich vom weltläufigen Antwerpen entfernt. Wobei es unmöglich ist, in Belgien eine Stadt hinter sich zu lassen. Vorbei am Flughafen geht es auf gut ausgebauten Radwegen in Richtung Süden, doch die Stadt findet kein Ende. Nun wird deutlich, was es heißt, dass Belgien mit fast 400 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Staaten zählt. Städtchen reiht sich nahtlos an Städtchen, Dorf an Dorf und die überschaubaren Flächen dazwischen sind bewirtschaftetes Grün. Dazu gehören oft kleine Gehöfte, die sich in rostbrauner Klinkerbauweise auf dem Boden ducken, als wollten sie dem ständig wehenden Wind keinen Widerstand bieten. Sie sind auch der Quell des süßlich-säuerlichen Geruchs, der häufig schwer über dem Land liegt. Der stammt von den Schweine- und Rindermastbetrieben, von denen es im Norden Belgiens unzählige gibt. Die sorgen auch dafür, dass es wegen der Gülle, von denen Millionen Tonnen auf die Felder gekippt werden, regelmäßig Ärger mit den EU-Umweltvorschriften gibt.

Das Problem mit der Sprache in Belgien

In der kleinen Stadt Hove, knapp 15 Kilometer von Antwerpen entfernt, stehen einige Handwerker an einem Imbiss und genehmigen sich eine Pause. Als Tagesgericht gibt es Stoofvlees (Rindergulasch) und die in Belgien unvermeidlichen Pommes. In der kleinen Runde herrscht Einigkeit, dass den Wallonen der Geldhahn zugedreht werden sollte. Französisch will keiner sprechen. „Ich hatte das in der Schule“, sagt einer der Männer, „habe aber alles vergessen.“ Die anderen nicken.

Ein Problem auf dem Weg zur Einheit ist, dass in Belgien eine nationale Identifikationsfigur fehlt. Es gibt keinen nationalen TV-Sender oder eine Zeitung, die in beiden Landesteilen gelesen wird. Kaum ein Flame käme auf die Idee, Urlaub in den Ardennen zu machen. Die einzige wirkliche Gemeinsamkeit ist die belgische Fußballnationalmannschaft – aber die wird von dem Deutschen Domenico Tedesco trainiert und spielt im Moment eher schlecht, macht also auch keine Freude.

Belgien ist ein tief gespaltenes Land

Schuld an dieser Zersplitterung des Landes trägt zum großen Teil die Politik. In den vergangenen 50 Jahren haben sechs Staatsreformen den einstigen Zentralstaat auch gesellschaftlich immer weiter filetiert. Nun gibt es drei Regionen, drei Sprachgemeinschaften, zehn Provinzen und 581 Kommunen. Das alles kostet den Staat sehr viel Geld und Spötter behaupten, Belgien werde nur noch durch die horrenden Schulden zusammengehalten.

Von all diesen Problemen ist in Mechelen, knapp 40 Kilometer von Antwerpen entfernt, nichts zu sehen. Das schmucke Städtchen trug einst den zweifelhaften Titel der „dreckigsten Stadt in Flandern“. Doch mit harter Hand und viel Geduld hat der Bürgermeister Bart Somers die Wende geschafft und ist zu einem Vorbild im ganzen Land geworden – selbst die Radwege sind Extraklasse.

Der Aufstieg des Städtchens Mechelen

An den Wochenenden treffen sich nicht mehr Drogendealer, sondern entspannte Menschen auf dem alten Marktplatz von Mechelen. Dort sitzen sie in schicken Bars vor aufwendig renovierten Giebelhäusern oder kaufen auf dem Wochenmarkt ausgesuchtes Biogemüse. Mechelen ist architektonisch flämisch geprägt, allerdings sind dort zum ersten Mal vermehrt französische Klänge zu hören, was auch mit der Nähe zu Brüssel zu tun hat. Wem die Hauptstadt zu laut und zu schmutzig geworden ist, der zieht nach Mechelen und pendelt in einer knappen Viertelstunde in die Millionenstadt.

„Wir haben uns in Brüssel nicht mehr wohlgefühlt“, erklärt ein Familienvater seine Beweggründe wegzuziehen. Fast jeden Tag gibt es Berichte von Schießereien zwischen Drogenbanden, die Polizei spricht dann von einem „règlement de comptes“. Zudem haben die vielen EU-Mitarbeiter die Mietpreise in den angesagten Vierteln geradezu explodieren lassen. Wer mit dem Rad die knapp 25 Kilometer von Mechelen nach Brüssel zurücklegt, passiert auf der Höhe des Städtchens Vilvoorde eine Art Ortsschild, das fast warnend kundtut, dass man nun Flandern verlässt und die Region Brüssel beginnt.

Radfahrer der Weltklasse aus Belgien

Auf der Tour durch Belgien wird ganz nebenbei auch die Frage beantwortet, weshalb so viele Weltklasseradfahrer aus dem kleinen Belgien kommen. Hunderttausende Jugendlichen auf dem Land radeln von klein auf viele Kilometer bei Wind und Wetter zur Schule. Das ist nicht nur eine tägliche Trainingseinheit, bei den kleinen Rennen, die sich vor allem die Jungs liefern, trennt sich schnell die sportliche Spreu vom Weizen. Das ist ein natürlicher Talentpool, aus dem die Vereine schöpfen können. Der Schulweg führt dann für einige auf dem direkten Weg in Richtung Tour de France.

Brüssel nimmt in Belgien eine Sonderstellung ein und gilt aus den unterschiedlichsten Gründen als Moloch. Für die einen ist es das Sinnbild einer undurchsichtigen, abgehobenen und verschwendungssüchtigen EU-Bürokratie. Für andere ist es Europas Terrorhauptstadt, denn aus dem Stadtteil Molenbeek kamen im Jahr 2015 viele der Paris-Attentäter. Der Radweg zwischen Antwerpen und Mons führt direkt an dem berühmt-berüchtigten, arabisch geprägten Viertel vorbei. Ein kurzer Abstecher bietet eine exotische Welt, die man so auch in jeder Stadt in Nordafrika finden würde. Die meisten Schilder in den wuseligen Geschäftsstraßen sind auf Arabisch, praktisch alle Frauen tragen einen Hidschab. Der Kontrast zwischen dem verschlossenen Molenbeek und dem Leben im weltoffenen Europaviertel, nur ein paar Steinwürfe entfernt, könnte größer nicht sein.

Brüssel zeigt sich von seiner hässlichen Seite

Die Stadt zeigt sich auf diesem Streckenabschnitt nicht von ihrer schönsten Seite. Im Norden säumen Lagerhallen, Schrottplätze und Baumärkte den breiten Radweg entlang des schnurgeraden Canal Bruxelles-Charleroi. Im Süden sind es Autozulieferer und Firmen, die Schotter und Sand auf Lastkähne verladen. Knapp 40 Kilometer nach Brüssel passiert die Strecke schließlich ein erstaunliches Werk moderner Ingenieurskunst: das Schiffshebewerk in Ronquières. Die großen Lastkähne überwinden hier mithilfe der Anlage wie auf einer Rolltreppe fast 70 Meter Höhenunterschied.

Nun geht es durch die Provinz Hennegau (Hainaut) die letzten Kilometer in Richtung Mons. Dort trifft man auch wieder auf die Schelde, die sich auf ihren ersten Kilometern durch Frankreich schlängelt, dann einmal Belgien durchquert und in Antwerpen in die Nordsee mündet. Auffallend ist, dass die Qualität der Radwege rapide abnimmt. Die Route mäandert über kleinere Straßen in Richtung Südwesten. Auf den Weiden stehen nicht mehr so häufig Kühe, dafür wird Weizen angebaut. Und in den Städtchen lädt nicht mehr die belgische Supermarktkette Delhaize zum Einkauf, sondern meist das französische Unternehmen Carrefour. Die Bars haben die für Frankreich typischen Zweiertische und den Gästen wird nicht mehr das rustikale Stoofvlees, sondern Croque-Monsieur serviert.

Der Hennegau ist das Sorgenkind Belgiens

Der Hennegau gehört zu den Sorgenkindern Belgiens. Die Region liegt mitten im nordfranzösischen Kohlerevier, war geprägt vom Bergbau und der Stahlindustrie und kämpft seit Jahrzehnten mit den Folgen des Strukturwandels. Auch die 100.000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt Mons stemmt sich gegen den Niedergang, tut diese allerdings mit französisch geprägtem Charme und viel Jugendstilarchitektur, die der Innenstadt eine angenehme Leichtigkeit verleiht.

Ein kleines Glück war es, dass das militärische Hauptquartier der Nato (Shape) nach Mons gelegt wurde und die Stadtväter bemühen sich, diese Internationalität zu befördern. Mons wirbt mit fünf Weltkulturerbe-Titeln, von denen einer dem 87 Meter hohen Belfried gebührt, von dem man einen guten Blick über die Region hat. Auch ein neuer Museumskomplex wurde eröffnet, der mit spektakulären Ausstellungen moderner Kunst die Besucher anlockt.

Mons scheint sich nach den Jahrzehnten der harten Arbeit in Kohlegruben, Baumwollspinnereien und Eisengießereien den schönen Dingen des Lebens zugewandt zu haben. Sollen die Flamen an der Nordsee doch das Bruttoinlandsprodukt steigern, in Mons richten sie im Gegenzug ein internationales Festival des Liebesfilmes aus.

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