Regionalrat Michael Knödler hat in Ditzingen unerfreuliche Erfahrungen gemacht: Auf der Suche nach einem Leihrad, so hat er jüngst im Wirtschaftsausschuss der Region erzählt, habe er zwar rund zehn Regio-Rad-Räder entdeckt. Knödler: „Aber kein einziges war einsatzbereit!“ Mit solchen Klagen ist er nicht allein. Und es gibt noch andere Probleme: Etliche Kommunen in der Region haben den Vertrag mit dem von einer Bahn-Tochter betriebenen interkommunalen Fahrrad-, Pedelec- und E-Lastenrad-Verleihsystem Regio-Rad Stuttgart (RRS) gekündigt, weil zu wenige Menschen das Angebot nutzen – und die Kosten pro Fahrt deshalb zu hoch sind. Befindet sich Regio-Rad in einer Krise? Oder droht gar das Ende des Projekts? Wir haben nachgefragt.
Was ist der aktuelle Stand?
Regio-Rad Stuttgart wurde 2018 in Stuttgart und weiteren 19 Kommunen der Region eingeführt. Aktuell können rund 1000 Fahrräder, 700 Pedelecs und 35 Lastenpedelecs an knapp 250 Stationen in 47 Städten und Gemeinden ausgeliehen werden. Allein in Stuttgart gibt es 120 RRS-Stationen.
Wie oft wird Regio-Rad genutzt?
Im ersten Halbjahr haben rund 40 000 Menschen ein Regio-Rad ausgeliehen. Das entspricht der Zahl aus dem ersten Halbjahr 2022. Allerdings war damals wegen der Coronapandemie und wegen erheblicher Probleme beim Service sowie durch mutwillige Beschädigungen ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.
Welche Städte sind ausgestiegen?
Insgesamt zwölf Kommunen haben zum 30. April von der einmaligen Kündigungsoption Gebrauch gemacht. So werden Backnang, Hochdorf, Kirchheim am Neckar, Marbach am Neckar, Rechberghausen, Renningen, Schorndorf, Steinheim an der Murr, Urbach, Vaihingen an der Enz, Weil der Stadt und Winterbach aussteigen. Regio-Rad befindet sich also auf einem Schlingerkurs. Die Stationen werden spätestens zum Jahresende 2023 abgebaut. In Weil der Stadt und Winterbach ist das schon geschehen. Bereits 2022 hatten Weinstadt und Wolfschlugen eine Station sowie Freiberg am Neckar zwei Stationen gekündigt. Die Station am Freiberger Bahnhof wurde jedoch von einem anderen RRS-Partner übernommen und bleibt bestehen.
Sind weitere Schließungen denkbar?
Bis zum Ende des Projekts im November 2026 sind keine Kündigungsmöglichkeiten vorgesehen. Deshalb geht Ralf Maier-Geißer, der Gesamtkoordinator von Regio-Rad davon aus, dass es keine weiteren Schließungen mehr geben wird.
Kommen neue Stationen hinzu?
Verschiedene Städte verdichten ihr Angebot, als letzte neue Kommune wird zudem Weissach im laufenden Jahr Stationen errichten. Außerdem werden weitere Kooperationspartner, etwa das Klinikum Stuttgart, ihr Angebot ausbauen. Langfristig werden, so Maier-Geißer, rund 245 Regio-Radstationen in knapp 40 Kommunen zur Verfügung stehen. Damit bleibt Regio-Rad das bundesweit mit Abstand größte öffentliche Verleihsystem.
Wo ist die Nachfrage nach Leihrädern groß?
„Besonders gut angenommen wird Regio-Rad in Städten, die ihr Angebot über die Jahre nachverdichtet haben und mittlerweile über ein gutes innerstädtisches Stationsnetz verfügen“, sagt Ralf Maier-Geißer. Stationen an wichtigen Mobilitätsknotenpunkten wie Bahnhöfen, in der Innenstadt, vor Hochschulen sowie vor größeren Arbeitgebern steigerten die Attraktivität, denn dort seien so genannte Oneway-Fahrten möglich. Neben Stuttgart sei dies vor allem in Ludwigsburg, Plochingen, Bietigheim-Bissingen, Sindelfingen, Böblingen, Leinfelden-Echterdingen und Schwäbisch Gmünd der Fall.
Und wo gibt es Probleme?
Die Vermutung, dass die Größe der Kommune einen Einfluss auf das Nutzungsverhalten habe, stimme so nicht ganz, sagt Ralf Maier-Geißer. Letztlich entscheidend sei die Struktur der Gemeinden und die Zahl der vorhandenen Stationen und Fahrräder. Maier-Geißer: „Im Idealfall sollte eine Kommune mindestens vier Stationen errichten, damit das Angebot vor Ort attraktiv und tatsächlich die letzte Meile abgedeckt ist.“
Bleibt Regio-Rad ein Zuschussgeschäft?
Bei diesem Punkt wird Ralf Maier-Geißer deutlich. Zwar habe er Verständnis dafür, dass manche Gemeinde den Gürtel etwas enger schnallen müsse. Aber allen sei von Anfang an bewusst gewesen, dass sich „Regio-Rad als flexible Anschlussmobilität zu Bus und Bahn und als klimafreundliche Alternative zum Auto nur mit einem öffentlichen Zuschuss realisieren lässt“.
Kann der Service verbessert werden?
Akuter Personalmangel im Fahrradservice, eingeschränkte Räderverfügbarkeit, technische Probleme und lokal teils massiver Vandalismus, sowie Lieferschwierigkeiten bei Ersatzteilen haben sich zuletzt negativ auf die Ausleihzahlen und auf das Regio-Rad-Image ausgewirkt. Regio-Rad erwartet aber zeitnah eine deutliche Verbesserung der Servicesituation. Der Personalmangel seit weitgehend behoben, der Service an Rädern und den Stationen soll demnächst wieder zuverlässiger funktionieren. In diesem Punkt fordert auch der Verband Region Stuttgart, der den Aufbau von Stationen finanziell fördert, ein stärkeres Engagement der Bahn. Der für den ÖPNV in der Region zuständige Direktor Jürgen Wurmthaler formuliert es so: „Zuletzt gab es nicht die Performance, die wir uns erwartet haben.“
Gesellschaftlicher Wandel beeinflusst Regio-Rad
Perspektive
Der Dienstleistungsvertrag mit der Deutschen Bahn Connect Gesellschaft endet am 30. November 2026. Für die Jahre 2027 und folgende ist eine Neuausschreibung des interkommunalen öffentlichen Verleihsystems geplant. Diese Ausschreibung soll Ende 2025 erfolgen. Die Neuausschreibung soll mit den aktuell beteiligten sowie interessierten Kommunen und Partnern in der Region Stuttgart und darüber hinaus vorbereitet werden.
Verhaltensänderung
Das Mobilitätsverhalten hat sich infolge der Pandemie gravierend verändert. Wegen Homeoffice und den Einschränkungen des öffentlichen Lebens während der Lockdowns sind zahlreiche ÖPNV-Pendelnde weggefallen, die Regio-Rad-Räder bislang als Anschlussmobilität genutzt hatten. Auch der private Pedelec-/E-Bike-Boom hat wohl dazu geführt, dass frühere Regio-Rad-Kunden jetzt vermehrt auf das eigene Rad umgestiegen sind. Das wachsende Interesse an E-Scootern hingegen habe, so die Regio-Rad-Beobachtung, nur in geringem Ausmaß Auswirkungen auf die Nachfrage von Regio-Rad. hol