Dass sich gleich mehrere Fragen auftun, gefällt dem Besitzer der Pflanzen
Dass sich gleich mehrere Fragen auftun, gefällt dem Besitzer der Pflanzen gut. Weder seinen Namen noch den Ort der Hauswand, an der sie wachsen, will er bekannt geben. Aber der betagte Fellbacher Gärtner, dem der Schalk im Nacken sitzt, gibt einen Tipp, mit dem sich sein Sommerrätsel, das gute Laune an verregneten Tagen bringen soll, lösen lässt. „Einfach mal mit offenen Augen durch die Straßen gehen, statt nur aufs Handy zu schauen.“ Und dann wird der Mann, den viele in Fellbach durchaus kennen dürften, noch ein bisschen genauer. So befindet sich die Hauswand, an der die Pflanzen auch dank seiner Pflege in die Höhe wachsen, vier Meter westlich des Stadtmuseums.
Anlässlich der 900-Jahr-Feier Fellbachs könnte damit eine bis jetzt nahezu unbekannte Pflanze vorgestellt werden. Und zwar keine Rose, sondern eine Winde, die aus der Familie der Convolvulaceae stammt. Diese sogenannten Windengewächse sind eine Pflanzenfamilie in der Ordnung der Nachtschattenartigen (Solanales). Typisch für die Vertreter dieser Familie sind die Blüten mit fünf trichterförmig verwachsenen Kronblättern und die meist windende Wuchsform. Die lokal bekannten Winden, auch die Weinbergwinden, zählen dazu.
Der Fellbacher Gärtner kümmert sich liebevoll um die Pflanzen
Der reifere Gärtner, der sich liebevoll um die Pflanzen kümmert und akribisch beobachtet, wer gerade vorne liegt, ist sich sicher, dass sein Winden-Findling aus tropischen Gebieten stammen muss. In der Fachliteratur wird diese Pflanze unter verschiedenen Namen erwähnt. Eine Besonderheit ist: sie blüht nur nachts – genauer zwischen 19 Uhr am Abend und 9 Uhr am anderen Morgen. Die fast kreisrunde, einfache Blüte wird etwa zehn bis zwölf Zentimeter groß. Erst erhielt sie vom Rätselerfinder den Namen Fellluna alba, was für weiße Fellbacher Mondwinde steht. Aber mittlerweile wurde sie umgetauft in Fellmo, also Fellbacher Mond. Die liegt übrigens gerade vorne beim Wettstreit, der senkrecht die Hauswand nach oben führt.
Die Attraktion, die zur Schlafenszeit blüht, ist was für Nachtschwärmer
Dass die Attraktion, die nur zur Schlafenszeit ihre volle Blütenpracht zeigt, etwas für Nachtschwärmer in lauen Sommernächten ist, wäre wunderbar, wenn es diese geben würde. Aber die schon herbstlich kalten Nächte halten wohl zum einen Besucher ab, zum anderen tun die Kälte und die Nässe auch den Pflanzen nicht gut. Der Regen und die Tatsache, dass eine der Pflanzen umgetopft werden musste, hat zu einer Blühpause geführt. Aber der anonyme Fellbacher mit dem grasgrünen Daumen ist sich sicher, dass die Pflanzen bald wieder um die Wette in Weiß und Rot erstrahlen werden.
Die Feuerbohne und die Mondwinde wachsen seit dem Umtopfen beständig auf altem Gärtnerboden auf der Westseite des Stadtmuseums in die Höhe, an extra dafür angebrachten Kokosseilen. Der leidenschaftliche Gärtner verspricht: er wird dafür sorgen, dass die Wettkampfbedingungen – also genügend Wasser und Fürsprache – bei beiden gleich sind. Die seltene Winde, die über fünf Meter hoch wachsen wird, ist die Kulturform einer wild wachsenden weißblütigen Winde, einer Wildpflanze, die aus Singapur stammt. „In Europa ist sie ganz selten und so gut wie unbekannt. Berühmt gewordenen ist sie eben durch die spezielle Eigenschaft, dass sie nur nachts blüht“, sagt der Pflanzenfreund. Dadurch sei sie für Nachtinsekten die einzige Tankstelle, und bei guter Pflege blühe sie jede Nacht.
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Aktuell sind die zwei grünen Ranken auf etwa sieben Meter empor gewachsen. Wenn sie das Dachzimmer erreicht haben, an dem die Seile befestigt sind, liegt die Höhe bei circa zehn Metern. Der Gärtner weiß wie wohl kein anderer, dass es darauf ankommt, die Bedürfnisse einer Pflanze zu erkennen und zu erfüllen, um ihr die beste Pflege angedeihen zu lassen. „Es gibt keine Pauschalempfehlung beim Gießen. Man muss es rausfinden.“ So sportliche Pflanzen wie die Mondwinde und die Feuerbohne brauchen wohl öfter mal eine Schlückchen mehr, um fit für den Wettstreit zu bleiben.