Der Verdacht lautete auf Waffen- und Anabolikaschmuggel. Also stürmt ein Sondereinsatzkommando der Polizei nachts die Wohnung einer Stuttgarter Familie. Diese versteht die Welt nicht mehr.

Eislingen/Stuttgart - Ein Zeuge beschuldigt eine Frau und ihren Ehemann, Waffen und Anabolika mit Reisebussen aus Bosnien nach Stuttgart zu schmuggeln. Kaum 24 Stunden später stürmt ein Sondereinsatzkommando der Polizei mitten in der Nacht mit gezogenen Waffen die Wohnung der schwangeren Frau und die ihrer Eltern. Die unbescholtene Familie, die aus Serbien stammt, aber seit mehr als 40 Jahren in Eislingen lebt, ist schockiert. „Ich hätte nie gedacht, das so etwas in Deutschland passieren kann“, sagt die 61-jährige Mutter.

Die Ermittler haben bei den Durchsuchungen zwar rein gar nichts gefunden, halten aber noch an ihrem Verdacht fest. Gegründet ist er allein auf die Aussage des Zeugen, der von sich aus zur Polizei gegangen ist. Was es mit diesem Zeugen auf sich hat, warum seine Aussage offenbar so überzeugend ist, dass sie mehrere große Einsätze nach sich zieht, all das behält die Polizei aus „ermittlungstaktischen Gründen“ für sich. Das Vorgehen der Polizei und der SEK-Einsatz seien angemessen gewesen, sagen die Ermittler.

Busfahrer ebenfalls im Visier

Die Familie sieht das anders und holt sich jetzt einen Anwalt zu Hilfe. Ebenso wie ein bosnischer Busunternehmer: zwei seiner Busfahrer wurden vor den Augen der Passagiere am Stuttgarter Busbahnhof in Obertürkheim von einem Sondereinsatzkommando der Polizei in Handschellen abgeführt. Auch in dem Reisebus fanden die Ermittler – nichts.

Wie in einem Actionfilm hat sich die 36-jährige Schwangere bei dem Polizeieinsatz Mitte der vergangenen Woche gefühlt: Um fünf Uhr am frühen Morgen wurde die Wohnungstür der gebürtigen Eislingerin, die jetzt in Stuttgart-Heslach lebt, aufgebrochen, und schwarz gekleidete Männer mit Sturmhauben und Helmen stürmten mit vorgehaltenen Pistolen in die Wohnung, in der die Frau mit ihrem Mann und der dreijährigen Tochter im Ehebett schlief. Die neunjährige Tochter wachte auf und schaute in einen Gewehrlauf. SEK-Leute schleppten den Ehemann in die Küche und fesselten ihn auf dem Boden. Frau und Kinder hielten sie im Bett fest. Dann durchsuchten Beamte die Wohnung und ließen sich die Schlüssel zum Arbeitsplatz der Frau bei einem serbischen Busunternehmen geben, um ihren Schreibtisch zu überprüfen. Ihre Firma arbeitet manchmal mit dem genannten bosnischen Unternehmen zusammen.

Was die Frau zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: fast zur selben Zeit hatten weitere SEK-Polizisten den Reisebus am Stuttgarter Busbahnhof in Obertürkheim und die Wohnung ihrer Eltern in Eislingen gestürmt. Die Mutter war bereits arbeiten, der Vater lag noch schlafend im Bett. Er wurde von blendendem Licht, das ihm ins Gesicht strahlte, und Schreien geweckt.

Zu viel für den 63-jährigen Vater

„Auf den Boden legen“, hörte er, dann wurde er aus dem Bett gerissen, in das Esszimmer geschleift und gefesselt. Der 63-Jährige leidet an Bluthochdruck. Die Situation setzte ihm dermaßen zu, dass er kaum noch Luft bekam. Die Polizei musste einen Rettungswagen rufen. Sanitäter legten ihn an einen Tropf – immer noch in Unterhosen und Handschellen. Auch in Eislingen durchsuchten Polizisten Wohnung, Keller, Garage und Auto.

Der Stuttgarter Polizeisprecher Olef Petersen erklärt das massive Vorgehen damit, dass man vorher nie wissen könne, worauf man stoße. „Die Ermittler mussten davon ausgehen, dass die Beschuldigten Schusswaffen haben“ – deswegen habe man zur Eigensicherung ein SEK gebraucht. Im Nachhinein sei es immer leicht, einen Einsatz als überzogen zu kritisieren. „Für Unschuldige, die in eine solche Sache hineingeraten, ist das natürlich bedauerlich.“ Der Sprecher der Bereitschaftspolizei in Göppingen, wo das SEK angesiedelt ist, sagt, das man stets „konsequent“ vorgehe. Die Mitarbeiter seien darauf trainiert, Gegenwehr erst gar nicht zuzulassen.

Wer ist der unbekannte Feind der Frau?

Die Staatsanwaltschaft in Freiburg, die für Ermittlungen bei Anabolika-Delikten zuständig ist, will nichts zum konkreten Vorgehen der Polizei sagen. Der Sprecher Wolfgang Maier berichtet allerdings, die Ermittler hätten sich nicht die Zeit nehmen können, das nähere Umfeld der Beschuldigten zu untersuchen, denn der Zeuge habe berichtet, dass am nächsten Tag eine Waffenlieferung per Bus aus Bosnien in Stuttgart eintreffe. Deswegen sei man unter Zeitdruck gewesen.

„Ich frage mich die ganze Zeit, wer mich so hasst, dass er solche Anschuldigungen gegen mich erhebt“, sagt die junge Frau. Sie hat sich einen Anwalt genommen, um Einsicht in die Ermittlungsakten zu bekommen. Dann wird sich zeigen, wer ihr unbekannter Feind ist.

Der Busunternehmer wiederum will „alle juristischen Mittel“ ausschöpfen, um wegen Geschäftsschädigung gegen die Ermittler und den Zeugen vorzugehen. „Ich habe kein Problem damit, wenn unsere Busse kontrolliert werden. Das ist ganz normal. Aber das war völlig überzogen. Für mich ist das unerklärlich“, sagt er.