Räumung eines linken Szeneladens in Berlin Frau Kreuzers Streuselkuchen kostet jetzt zwei Euro

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Um die Ecke, im Friseursalon „Bärenschnitt“ in der Hobrechtstraße, ist schon am frühen Morgen was los – und der Trouble vor der Tür Tagesgespräch. Frau Kreuzer und ihre Nachbarin sitzen Spiegel an Spiegel, die Farbe zieht ein, und sie erinnern sich an früher. Frau Kreuzer wohnt seit den 80ern hier, sie war Putzfrau, ist jetzt in Rente. Erst mit Mietpreisbindung, die gibt es jetzt nicht mehr. „Früher hab ich 250 Euro bezahlt, jetzt sind es 550“, sagt sie. „Rente hab ich unter 1000.“ Der Bäcker hat jetzt vegane Croissants, aber Frau Kreuzers Streuselkuchen kostet zwei Euro. Der Friseurbesuch ist Luxus. „Die jungen Leute, die jetzt hierherkommen“, sagt Frau Kreuzer, „die machen den Bezirk viel teurer als er war. Lauter junge Menschen, denen die Eltern Einzimmerwohnungen für 600 Euro bezahlen. Parterre! Denen ist das egal, Hauptsache, sie leben hier und machen Party.“

500 Polizisten sichern derweil mit Fahrzeugen und Sperren die Straße, vertreiben Journalisten und beginnen dann damit, die Blockierer wegzutragen. Es gibt teils heftiges Gerangel, auch am Rande. Menschen werden verletzt. Immer wieder rennen Sanitäter zu Demonstranten, die nach ihnen rufen. Aber Alarmismus und verschärfendes Gebrüll gehören auch zur Strategie der Protestierer. Nach kurzer Zeit ist die Blockade geräumt, unter dem wütenden Protest von Demonstranten links und rechts der Straße. Martina berichtet, sie sei einfach weggetragen worden. „Aber ich hab gesehen, wie Polizisten Leuten ins Gesicht schlugen und nachtraten.“ Auch Lukas Theune, Anwalt von Bewohnern im 1. Stock kritisiert den Einsatz: er habe Angriffe auf Blockierer gesehen, im Hinterhof seien zwei Menschen bewusstlos gewesen und verspätet behandelt worden. Die Polizei sagt, eine Person habe einen Schwächeanfall gehabt, sei aber bei Eintreffen der Rettungskräfte wohlauf gewesen.

Ein Türknauf unter Strom

Nach der Räumung kommt die Polizei nur langsam in den verbarrikadierten Laden - mit Kettensägen, einer Flex und riesigem Hammer. Die Anwälte der Bewohner behaupten, Menschen hätten sich an der Tür einbetoniert und seien nun gefährdet, was die mitregierende Linkspartei dazu veranlasst, den Abbruch der Räumaktion zu fordern. Als Beweis dienen Fotos auf dem linksradikalen Internetportal, deren Echtheit unklar ist. Die Haupttür zum Laden ist, wie später auf einem Polizeibild zu sehen, mit einer Barrikade aus Schrott und Beton verrammelt. Laut Polizei haben die Besetzer einen Türknauf unter Strom gesetzt: „Lebensgefahr für unsere Kollegen.“ Die Besetzer weisen die Darstellung zurück.

Die Berliner Polizei hat Routine mit solchen Einsätzen, seit Wochen geht es im Kampf von Kiezbewohnern gegen Investoren und Verdrängung in der Rigaer Straße wieder hoch her. Der Sommer könnte noch heiß werden. Auch in Neukölln ist die Friedelstraße nur eines von mehreren Häusern, die von anonymen Immobilienfirmen erworben wurden, um lukrativ vermarktet zu werden. Um 13.30 Uhr ist es so weit. Die Polizei übergibt die Räume an den Gerichtsvollzieher. Der wird sie der Eigentümerfirma übergeben. Was die damit vorhat, ist unklar. Ein Kiezladen wird es wohl nicht werden. „Denen ist doch das Viertel egal“, sagt Martina. „Meine Hauseigentümer sind ältere Herrschaften irgendwo aus Süddeutschland. Die sind bisher immer maßvoll. Aber wenn die sterben, ist mein Haus bestimmt auch dran.“