RAF-Podcast Gudrun Ensslin und Stammheim im Ohr

Im Mittelpunkt des Podcasts: die Geschichte von Gudrun Ensslin (Archiv). Foto: imago images/ZUMA/Keystone

Wie der StZ-Podcast „Gudrun Ensslin – Terror. Haft. Tod“ zum großen RAF-Prozess entstanden ist. Redakteurin und Host Lea Krug gibt einen Einblick hinter die Kulissen der Produktion.

Baden-Württemberg: Lea Krug (lkr)

Selbst im Kugelschreiber oder in einem Pfefferminzbonbon witterte man in Stammheim eine Gefahr. Im Mai 1975 begann in Stuttgart der größte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte: das Verfahren gegen die Rote Armee Fraktion (RAF). Auf der Anklagebank saßen die führenden Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe. Wer den Gerichtssaal betreten wollte, musste eine umfassende Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen. Hier wurden sogar die Kugelschreiber auseinandergeschraubt, erinnert sich Redakteur Werner Birkenmaier, der damals für die Stuttgarter Zeitung berichtet hat. „Man wurde auch als Journalist bis aufs Hemd untersucht. Das war eine irre Atmosphäre“, erzählt der heute 91-Jährige.

 

Während viele Menschen die Ereignisse von damals noch präsent haben, ist der RAF-Prozess für jüngere Generationen oft nur ein vager Schatten der Vergangenheit. Ein Team der Stuttgarter Zeitung hat sich deshalb erneut mit dem Prozess und den Geschehnissen befasst – und für einen Podcast neu aufgerollt. Aus der Redaktion haben sich Felix Frey, Maximilian Kroh, Katrin Maier-Sohn und ich über Monate in die späten 1960er und frühen 1970er Jahren eingearbeitet. Die Leitfragen: Was ist damals eigentlich passiert? Wie radikalisierten sich junge Menschen? Welche gesellschaftlichen, psychologischen und politischen Dynamiken führten dazu, dass Idealismus in brutale Gewalt umschlägt?

Ausgangspunkt der Recherche war eine Frau, deren Name untrennbar mit der Geschichte der RAF verbunden ist: Gudrun Ensslin. Aufgewachsen in Bartholomä auf der Schwäbischen Alb und in Bad Cannstatt als Tochter eines Pfarrers, Studentin in Tübingen und später eine zentrale Figur des linken Terrors in Deutschland – wie konnte es so weit kommen? Anhand ihrer Biografie erzählen wir, wie sich die Radikalisierung damals vollzogen hat.

Die Herangehensweise

Dafür haben wir uns über Monate mit Archivmaterial auseinandergesetzt, Zeitzeugen interviewt und ein umfangreiches Skript erarbeitet. Unser Ziel war es nicht nur, die historischen Fakten aufzuarbeiten, sondern auch eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen: Wie kann man ein so komplexes und belastetes Kapitel der deutschen Geschichte so präsentieren, dass es auch ein jüngeres Publikum erreicht – nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern durch packende Erzählungen, kritische Reflexionen und einen Perspektivwechsel? Auch der persönliche Blick bekommt deshalb immer wieder einen Platz. Denn Radikalisierung ist kein Relikt der Vergangenheit. Auch heute erwachsen aus Frust, Wut oder ideologischer Verblendung immer wieder neue Formen von Extremismus.

Wer also verstehen will, wie aus Protest Gewalt wird, der sollte auch zurückblicken: auf die 68er-Bewegung, auf die Entstehung der RAF, auf die Reaktionsmuster von Repression und Terror, was im „Deutschen Herbst“ 1977 förmlich explodiert ist.

Und auch Gudrun Ensslin selbst kommt zu Wort: Alte Tonbandaufnahmen verschaffen Einblicke in die Gedankenwelt der Terroristin sowie in das Geschehen vor Gericht. Denn wir wollen als Redaktion dazu beitragen, dass die Geschichte der RAF nicht als musealer Stoff im Schulbuch endet – sondern als Warnung verstanden wird und zur Diskussion anregt. Und das am besten auch spannend und in moderner Form zum Anhören, etwa während einer Bahnfahrt oder im Auto auf dem Weg zur Arbeit.

Lea Krug und Felix Frey im Studio. Foto: LICHTGUT

Der Podcast bringt nicht nur Stimmen aus einer vergangenen Zeit zu Gehör – etwa Werner Birkenmaier, der als früherer StZ-Redakteur nun als Zeitzeuge auftritt. Auch der damalige Staatsanwalt Klaus Pflieger, bekannt als „RAF-Jäger“, ordnet die Ereignisse rückblickend ein und spricht offen über Fehler und Versäumnisse der Justiz.

Uns als Redaktion war es dabei ein zentrales Anliegen, unterschiedlichen Perspektiven Raum zu geben. Deshalb kommen Aktivisten und Autoren wie Joe Bauer und Peter Grohmann zu Wort, ebenso wie der ehemalige Polizist Hans-Jörg Schalkowski oder der Unternehmer Hans Peter Stihl, den die RAF-Terroristen seinerzeit auch im Visier hatten. So entsteht das facettenreiches Bild einer Zeit, deren Rätsel und Fragen uns bis heute beschäftigen.

Der StZ-Podcast „Gudrun Ensslin – Terror. Haft. Tod“, bestehend aus insgesamt sechs Folgen, ist auf allen gängigen Plattformen (wie Spotify und Apple Podcasts) sowie auf www.stuttgarter-zeitung.de/raf-podcast kostenlos abrufbar.

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