Das mit antik anmutenden Säulen umrandete und mit gedämpften Licht erleuchtete Forum der Frankfurter Buchmesse hat es jüngst wieder offenkundig gemacht: Beim offiziellen Italien der bestenfalls „ultrakonservativ“ zu nennenden Meloni-Regierung bestand auf der Buchmesse wenig Bedürfnis, das Image des Landes über La Dolce Vita und die Hochkultur des römischen Imperiums und der Renaissance hinaus auszudifferenzieren.
Immerhin waren namhafte Autorinnen und Autoren des Landes nicht darauf angewiesen, auf der offiziellen Gästeliste der italienischen Delegation zu landen. Francesca Melandri, Antonio Scurati und Roberto Saviano hatten trotzdem viel Gelegenheit, über die dunklen Seiten des historischen und modernen Italiens zu sprechen: Über die Verstrickungen des faschistischen Italiens, die blühenden Geschäfte der Mafia sowie den schleichenden Druck und die offene Stimmungsmache auf unliebsame Stimmen der italienischen Intellektuellen.
Auch Italien hat seine Juden verfolgt und vernichtet
Raffaela Romagnolos jüngst erschienenes Buch „Die Sterne ordnen“ befasst sich mit dem auch in Italien nur fürchterlich zu nennenden Kapitel der Judenverfolgung. Denn die hat auch dort stattgefunden, und nicht erst, nachdem Nazi-Deutschland den abgefallenen Verbündeten 1943 besetzt hatte.
Die erzählte Zeit von „Die Sterne ordnen“ umfasst die Jahre 1938 bis 1946 und handelt von der Begegnung der jungen Lehrerin Gilla mit der traumatisierten Schülerin Francesca, die offensichtlich intelligent ist und beim Unterricht in einer in Kriegstrümmern notdürftig betriebenen Schule gut mithält, aber nicht spricht. Ganz allmählich nähert sich die Lehrerin der Schülerin, um das misstrauische und verängstigte Kind aus seiner Isolation zu holen.
Im Wechsel erzählt Romagnolo, welche Schicksale Gilla und Francesca zusammengebracht haben. Gilla hat sich irgendwann dem Widerstand angeschlossen und dort in den letzten Tagen des Krieges ihre Liebe verloren, Francesca ist tatsächlich jüdischer Herkunft, hieß einmal Ester Sacerdoti, über die Jahre musste ihre Familie immer mehr Verbote und Einschränkungen hinnehmen, bis dann schließlich die Transporte in die Vernichtungslager im Osten begannen...
Manchmal erhebt sich der pädagogische Zeigefinger
Für das italienische Publikum, das mit der Aufarbeitung dieses Kapitels noch zu tun zu haben scheint, mag es sinnvoll sein, die Erzählung regelmäßig mit kurzen Einschüben zu unterbrechen, in denen einer Chronik gleich die verschiedenen Stufen der Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Mensch notiert sind, und auch sonst hat Romagnolos erzählerische Konstruktion einen spürbaren pädagogischen Impetus.
Die Mechanismen der Vernichtung indes sind überall ähnlich perfide und grausam gewesen, deshalb erfährt der am Thema interessierte deutsche Leser vordergründig zunächst nur Dinge, die er schon woanders gelesen hat, auch wenn das Einzelschicksal der Familie Sacerdoti das Herz einmal mehr vor Empörung bluten lässt.
Ein Sonnensystem als Metapher für zertrümmerte Existenzen
Lesenswert macht „Die Sterne ordnen“ Raffaela Romagnolos poetische Sprache, die etwa den von der Moderne längst hinter sich gelassenen Stoffladen von Großvater Sacerdoti ebenso lebendig werden lässt wie die Schlupfwinkel der Partisanen in den Bergen des Piemont. Das mechanische Modell des Sonnensystems, das die Lehrerin Gilla über Monate nach und nach rekonstruiert, steht metaphorisch einerseits aufdringlich ostentativ für die zertrümmerte Welt der Menschen in den Jahren nach dem Krieg, ist aber von Romagnolo andererseits so fein ausgeleuchtet, dass dann doch passt.
Und losgelöst vom historischen Hintergrund der Shoa und des Zweiten Weltkriegs ist „Die Sterne ordnen“ auch ein Entwicklungsroman über ein kleines jüdisches Mädchen, dessen Leben aus den Fugen gerät und das auf seine Weise zurückfindet.
Raffaela Romagnolo: Die Sterne ordnen. Roman. Diogenes Zürich 2024. Gebunden mit Schutzumschlag, 445 Seiten, 25 Euro.