Rahel Merks aus Lauchheim Schönste Bestatterin im Land

„Der Beruf des Bestatters erwacht“, sagt Rahel Merks. Foto: fotolia
„Der Beruf des Bestatters erwacht“, sagt Rahel Merks. Foto: fotolia

Rahel Merks aus Lauchheim trägt den Titel „Deutschlands schönste Bestatterin“. Was wie ein Werbegag wirkt, hat einen ernsthaften Hintergrund.

Region: Verena Mayer (ena)
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Lauchheim - Zu ihrer eigenen Überraschung ist Rahel Merks unheimlich bekannt geworden. Die Zeitung „Die Welt“ schrieb von ihrer „lebensfrohen Ausstrahlung“. Im Magazin „Focus“ konnte man lesen, dass Rahel Merks meist über das ganze Gesicht strahlt, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Die „Dattelner Morgenpost“ würdigte ihre großen Augen. Das Radio war da, die „Bild am Sonntag“ schickte einen Reporter, und für die kommenden Tage hat sich auch noch das Fernsehen angekündigt. Man kann vermuten, dass es fast niemanden in der Republik gibt, der noch nicht von Rahel Merks aus dem schwäbischen Lauchheim gehört oder gelesen hat oder zumindest nicht von dem Titel, den sie gewonnen hat und der sie nun so begehrt macht: Rahel Merks, 36, ist die schönste Bestatterin Deutschlands. Wer es knackiger mag, darf Rahel Merks auch „Miss Abschied“ nennen. Ganz offiziell.

Miss Abschied? Ist das schwarzer Humor? Nein, versichert der Miss-Abschied-Erfinder, der ein Onlineportal betreibt, das in der Hauptsache bei der Suche nach dem günstigsten Bestatter behilflich ist, vielmehr wolle man die Branche in ein helleres Licht rücken. Wozu? Gestorben wird doch immer. Nach einem Besuch bei Miss Abschied weiß man: gestorben wird immer. Die Frage muss lauten: Wie?

Rahel Merks fährt in ihrem silberfarbenen Viano am frischen Grab von Elsa Schön*, Jahrgang 1934, vor. Aus dem Laderaum trägt sie zwei kleine Bäume zu Elsa Schöns Ruhestätte. Eine Staffelei, auf die sie ein großes gerahmtes Foto der Verstorben stellt, ein hohes Metalltischchen für die Urne, die Rahel Merks natürlich auch dabeihat, und ihr Kornett und die Notenblätter. Als die Angehörigen eintreffen, beginnt Rahel Merks, darauf zu spielen. „Meine Zei-heit steht in deinen Hä-änden. Nun kann ich ruhig sein, ru-uhig in dir.“ Die Personen vor dem Grab schluchzen leise. Sechs Männer und Frauen sind zur Beisetzung auf den Aalener Waldfriedhof gekommen, der engste Kreis. „Wir haben uns hier zusammengefunden, um Abschied zu nehmen und um uns dankbar an Elsa Schön zu erinnern“, sagt Rahel Merks und erinnert an Elsa Schön. Zehn Minuten spricht sie über die Bescheidenheit und Großzügigkeit der Mutter und Großmutter und über die Liebe Gottes, die die Angehörigen in Person von Elsa Schön erfahren durften. Bevor die Urne in die Erde gleitet und von Rosenblättern bedeckt wird, spielt Rahel Merks auf ihrem Kornett „Amazing Grace“. Als die Angehörigen das Grab verlassen, lächeln sie.

Kann man sagen, eine Beerdigung ist schön?

Den Beruf des Bestatters gibt es erst, seit anno 1810 die Gewerbefreiheit eingeführt wurde, also jeder den Beruf ausüben konnte, den er wollte. Nun mussten die Angehörigen nicht mehr extra den Pfarrer informieren, beim Standesamt Urkunden beantragen, die Leichenpflegerin verständigen und den Totengräber beauftragen. Ein einziger Gang zum Bestatter genügte. Häufig boten Schreiner oder Fuhrunternehmer dieses Geschäft als zusätzliche Dienstleistung an. Probleme mit dem, was man heute Image nennt, kannten die Unternehmer von damals nicht. Die Schwierigkeiten kamen erst mit der Auflösung der engen Großfamilienbande und den beiden Weltkriegen. Das Sterben verschwand aus dem alltäglichen Leben, und es war mit grauenvollen Bildern besetzt. Der Tod wurde zum Tabuthema, und der Bestatter ein Tabuberuf.

Erst lernte sie Kindergärtnerin

Kurzer Halt beim Krematorium. Die Asche von Eduard Alt abholen. Am nächsten Tag ist die Beisetzung. „Haben wir noch jemand hier“, überlegt Rahel Merks laut, als sie die Urne entgegennimmt. Nein. Gut. Papiere unterschreiben. Und auf Wiedersehen.

Rahel Merks hat einen Kindergarten in der Schweiz geleitet, bevor sie Bestatterin wurde. Als sie ihren heutigen Mann Stefan kennenlernte, ließ sie Beruf und Heimat hinter sich, zog nach Lauchheim, lernte alles, was man wissen muss, um als Gärtnerin und Floristin den Familienbetrieb in ein blühendes Unternehmen zu verwandeln. Eines Tages stand der Lauchheimer Bestatter im Laden. Er sagte, er wolle sich bald zur Ruhe setzen und fragte, ob die Merks seine Geschäfte übernehmen wollten. Merks waren baff: Bestattungen?

Die Eheleute zögerten. Nicht, weil sie sich davor ekelten, verkohlte Unfallopfer von den Straßen zu klauben oder weil sie keine Ahnung hatten, wie man mit einem Drogentoten umgeht, der vier Tage bei sengender Hitze unbemerkt in der Wohnung lag. Ihre Bedenkzeit zog sich auch nicht deshalb zwölf Monate hin, weil sie wussten, dass sie viele schreckliche Dinge sehen, riechen und fühlen würden. Oder weil sie nicht wussten, ob sie es ertragen würden, der Frau, der sie neulich noch einen Brautstrauß gezaubert haben, wenige Wochen später einen Witwenstrauß binden zu müssen.

Wenn die Merks’ auch in Bestattungen machen, dann wollen sie es richtig machen. Nur, wie geht richtig?

In jenem Jahr 2003 ist Bestatter noch kein Lehrberuf. Es gibt keine Schule, wo man lernen kann, wie man Leichen professionell wäscht und ankleidet oder wie man halb verweste Tote für einen letzten Blick ansehnlich gestaltet. Oder wie man verzweifelten Angehörigen begegnet. Bestattungsunternehmer kann im Prinzip jeder werden.




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