In Stuttgart geht vielen Jüngeren das Auto geradewegs am Heck vorbei. StZ-Kolumnist Erik Raidt wundert sich über dieses Missvergnügen.

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Das Statistische Amt hat in dieser Woche erschreckende Fakten enthüllt: Immer häufiger stellen Eltern ihren Kindern nach dem Abitur keine Autos mehr vor die Tür. Dieser viele Jahrzehnte lang liebevoll gehegte Brauch scheint inzwischen aus der Mode gekommen zu sein: Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der jungen Fahrzeughalter in Stuttgart um 63 Prozent gesunken.

Die Folgen dieser Entwicklung sind noch nicht abzusehen: Wird die Unesco Stuttgart den Titel als Welt-Autohauptstadt wieder aberkennen? Was bedeutet das für unseren Ruf als Feinstaub-Metropole? Wie wird sich dieser Trend langfristig auf die kultische Verehrung des Automobils und den zwanghaften Drang zur Reinigung des Fetischs auswirken?

Von Staufachzeitschriften lobend erwähnt

Bei all diesen offenen Fragen muss die Ursachenforschung an erster Stelle stehen: Wie konnte eine derart Auto-autonome Jugendbewegung überhaupt entstehen?

Stuttgart bietet doch geradezu paradiesische Verhältnisse für Autofahrer aller Altersklassen: Zahlreiche Straßen der Stadt werden in renommierten Staufachzeitschriften prominent erwähnt. Am Pragsattel, auf der Weinsteige und auf der A 8 sind einige der schönsten Stop-and-go-Strecken der ganzen Republik eingerichtet, die leider von Stuttgart Marketing nur unzureichend vermarktet werden. Von einer geradezu philosophischen Aussagekraft ist die sogenannte Automeile an der Heilbronner Straße – dort können die im Stau stehenden Autofahrer jene Neuwagen bewundern, mit denen sie künftig an gleicher Stelle ebenfalls im Stau stehen könnten.

Es geht ihnen geradewegs am Heck vorbei

All dies macht überdeutlich, welches Paradies Stuttgart auch für junge Autofahrer sein könnte: Erst ein wenig im Stau chillen, dann das Monatsbudget an der Tankstelle auf den Kopf hauen und anschließend das dreidimensionale Konsolensuchspiel „Park & cry“.

Aber diese unbegrenzten Möglichkeiten gehen den jungen Leuten geradewegs am Heck vorbei. Deshalb muss die Politik dringend gegensteuern: Was wir nach der Abwrackprämie nun brauchen, ist die „Ein Schwabe-ein-Auto-Politik“. Sonst müssen wir uns nicht mehr wundern, wenn immer mehr Limousinen nach Shanghai oder an die Copacabana auswandern und immer mehr Doppelgaragen den Blues haben. So ein Auto steht nicht gern allein.

Grüße aus der Stadtbahn,Erik Raidt