Raidt schreibt Liebe S-Bahn!

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Immer mehr Fahrgäste glauben, dass die Deutsche Bahn unter einem akuten Oberleitungsschaden leidet. Nun hat sich die Bahn zu einer radikalen Reform entschlossen.

Die S-Bahn sorgt regelmäßig und derzeit mal wieder gehäuft für Unmut.  Foto: Lichtgut
Die S-Bahn sorgt regelmäßig und derzeit mal wieder gehäuft für Unmut. Foto: Lichtgut

Stuttgart - Immer mehr Fahrgäste glauben, dass die Deutsche Bahn unter einem akuten Oberleitungsschaden leidet. Nachdem in dieser Woche eine defekte Weiche den S-Bahn-Verkehr zwischen Vaihingen und der Schwabstraße zum Erliegen gebracht hat, hat sich die Bahn zu einer radikalen Reform entschlossen: Künftig werden im Stutt­garter S-Bahn-Netz keine Fahrpläne mehr veröffentlicht, stattdessen verteilen Mitarbeiter an den Haltestellen Wundertüten.

In den Tüten befinden sich Zettel mit mehreren Dutzend Abfahrtszeiten von S-Bahnen, die Passagiere dürfen sich daraus eine aussuchen. Anschließend stellen sie sich auf einen Bahnsteig ihrer Wahl und warten, ob etwas passiert, also beispielsweise eine S-Bahn kommt, die zufälligerweise in die richtige Richtung fährt.

Die Bahn verspricht, die Fahrgäste der S-Bahnen künftig lückenlos über jedes außerplanmäßige Ereignis zu informieren. Dazu zählen vor allem Fälle von unerwarteter Pünktlichkeit. Sollte eine S-Bahn tatsächlich zu einem Zeitpunkt fahren, der sich auf einem der Zettel in den Wundertüten befand, will die Bahn schnell und umfassend mit Durchsagen darauf aufmerksam machen, dass der Zug pünktlich fährt. Die Bahn sagt, sie wolle sich selbst dabei keine Ausreden und Schlampereien mehr durchgehen lassen – man sei es der Kundschaft schuldig, Pünktlichkeit zu melden, damit diese sich darauf einstellen könne.

Dasselbe gilt selbstverständlich für Verspätungen. Falls ein angekündigter Zug gar nicht in der Haltestelle auftaucht, erscheint künftig auf den Infomonitoren ein buntes Geisterbahnbild. Neu ist auch eine Warndurchsage, die darauf hinweist, dass die verspätete S-Bahn in einem „Stunnel“ stehe. Beim „Stunnel“ handelt es sich um das bisher nur aus dem Automobilverkehr bekannte Phänomen „Stau im Tunnel“. Die Bahn-Verantwortlichen haben sich nun überlegt, dass auch S-Bahnen in einen „Stunnel“ geraten könnten, beispielsweise, wenn Züge übermütig werden und wie bei einer Polonaise hintereinanderfahren.

Künftig könnte die Durchsage in einer S-Bahn-Station so lauten: „Liebe Fahrgäste, die für 17.12 Uhr in Ihrer Wundertüte angekündigte S 1 verspätet sich heute auf unbestimmte Zeit, sie steht gerade in einem Stunnel. Falls Sie Ihr Abendessen dabeihaben sollten, fühlen Sie sich bitte so frei, es auf dem Bahnsteig zu verzehren. Wir wünschen Ihnen guten Appetit!“

Taktvolle Grüße, Erik Raidt
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