Raidt schreibt Liebes Filderkraut!

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Das Spitzkraut soll künftig mit einem EU-Siegel geschmückt werden. StZ-Kolumnist Erik Raidt findet das Filderkrautfest ebenso preisverdächtig.

Für einen ist es Kraut, für die anderen ein Kultgegenstand. Foto: Archiv
Für einen ist es Kraut, für die anderen ein Kultgegenstand. Foto: Archiv

Stuttgart - Wo sonst als auf den Fildern träumt Stuttgart von der großen weiten Welt? Eskapaden und Eskapismus sind nur einen Charterflug entfernt. Während ein früher Herbst mit klammen Schritten über den fruchtbaren Filderlößlehm voranschreitet, muss man nur die Autoscheibe heruntergleiten lassen, um jenen großartigen Duft einzuatmen: Der durchdringende Geruch des Filderkrauts erinnert an ein schweres Parfum im bürgerlichen Landhausstil.

Allein dieser Geruch ist ein Alleinstellungsmerkmal, aber das genügt der „Interessengemeinschaft Filderkraut“ noch nicht. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, dass die Europäische Union das Spitzkraut in die Liste der geografisch geschützten Produkte aufnimmt. Dem Vernehmen nach steht die Krönung des Filderspitzkrauts nun unmittelbar bevor.

Beschwörungsformeln und Tänze

Jeder, der sich darüber lustig macht, war noch nie auf dem Filderkrautfest. Dort geben sich nicht nur die Eingeborenen immer im Oktober ureigenen Riten hin. Die Ernte des Spitzkrauts wird dabei von magischen Beschwörungsformeln und Tänzen begleitet: In den Scheuern bewegen sich Bauern, Messegäste und andere Krautjünger ekstatisch zu aktuellen Sommerhits. Eine Faustregel besagt: Je verwegener die Musik, desto besser die Qualität des Filderkrauts.

Vor einigen Jahren wurden auf den Fildern Rekordköpfe geerntet, als die Festbesucher zu einem Song mit dem Refrain „Ma-ia-hii, Ma-ia-huu, Ma-ia-hoo, Ma-ia-hahaaaa“ um den goldenen Krautkopf tanzten. Anschließend machten keltische Mengen an Alkohol die Runde – wer sich noch auf seinen Krautstampfern aufrecht halten konnte, prostete dem Nebenmann mit seinem Trinkhorn zu. Nach diesem Voodoozauber aus den dunklen Abgründen von L.E. bildete das Spitzkraut jene Angsttriebe aus, die besonders süß schmecken und bei Feinschmeckern sehr beliebt sind.

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die EU diesen Teil unserer Volkskultur mit einem Siegel schützen will. Vor lauter Vorfreude könnte man Tanzen. Einen ­Brezel-Tango vielleicht  oder womöglich einen  Filderkraut-Mambo   Number 5.

Mit krautigen Grüßen, Erik Raidt
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