Raidt schreibt Liebes Volksfest!

Am Freitag beginnt das Volksfest – dann hat das Grauen wieder eine Heimat. Foto: dpa
Am Freitag beginnt das Volksfest – dann hat das Grauen wieder eine Heimat. Foto: dpa

Die Bundestagswahl ist ausgestanden. Gut so, findet StZ-Kolumnist Erik Raidt. Ab Freitag an regiert das Grauen endlich wieder dort, wo es hingehört: auf dem traditionellen Volksfest in Stuttgart, dem Cannstatter Wasen.

Leben: Erik Raidt (era)
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Stuttgart - Endlich ist der Spuk vorbei. In den vergangenen Wochen hat sich die Stadt in eine Geisterbahn verwandelt. Vor allem auf Wochenmärkten und entlang der Hauptstraßen musste man ­jederzeit mit übernatürlichen Phänomenen rechnen. Auf magische Weise well­ten    sich Wahlplakate unseres „Und Du?“-Kumpels Cem Özdemir, der dreinblickte, als sei er zu heiß gewaschen worden. Geradezu gespenstisch muteten die Plakate von Ute Vogt an, die lange vor den ersten Hochrechnungen ganz gelb im Gesicht aussah.

So plötzlich wie all die Erschrecker, Schießbudenfiguren und Wahrsager in der Stadt aufgetaucht sind, sind die meisten von ihnen schon wieder verschwunden. Von Freitag an regiert das Grauen dort, wo es hingehört: auf dem Cannstatter Wasen, wo Albträume immer und überall Gestalt annahmen können – nicht nur in der Geisterbahn. Wer während des Wasens Stadtbahn fährt, weiß: Wahnsinn ist machbar. Beispielsweise rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof, wo sich in den nächsten Wochen die vereinigten Volksstämme aus Bempflingen, Börtlingen oder Gammelshausen einfinden werden, um in ihren Lederhosen-Uniformen das Volksfest zu erobern.

Möge die Tracht mit euch sein!

Wenn der Wasen tobt, liegt Stuttgart zweieinhalb Wochen lang in Absurdistan, bedröhnt sich mit schwäbisch-bayerischer Gemütlichkeit und folgt dem Leitspruch: Möge die Tracht mit euch sein! In den Festzelten gibt es Wadln und Madln, dass Rainer Brüderle seine helle Freude daran hätte. Das Volksfest ist handfester Liberalismus, der Freiheit mit Freizügigkeit verbindet – und manchmal auch mit freiem Verkehr. Dabei verkauft sich der Wasen als optisches und kulinarisches Gegenprogramm zu Renate Künast – wer in einem der Festzelte mit seinem gedopten Hendl erst die Grundlage für die dritte bis vierte Maß geschaffen hat, ahnt: der Veggie-Day hat fertig in diesem Land.

So wird auf dem Wasen nach dem ­morgigen Fassanstich neu und wieder vereinigt, was möglicherweise zusammengehört. Und auch die Stefan-Kaufmann-Groupies werden ihren Erfolg bis zur Neige auskosten. Wer weiß schon, wie es mit der modernen Großstadtpartei CDU bei den Kommunalwahlen im ­nächsten Jahr bestellt sein wird. Spielend werden viele Wasenhasis dabei auf mehr als 0,5 Promille kommen. Doch Vorsicht, das Grauen kehrt spätestens am nächsten Morgen mit einem gewaltigen Schädelweh zurück. Dann werden sich manche Besucher des Volksfests nur noch dieses wünschen: Von Cannstatter Boden darf nie wieder ein Bier ausgehen!

Gruselige Grüße, Erik Raidt



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