Accra/Stuttgart - Als die Meisterschaft einen Spieltag vor Saisonende perfekt war, begannen die Feierlichkeiten schon auf dem Spielfeld und später in der Kabine. Zum Takt der Bongotrommeln klatschten, sangen und tanzten die im Schnitt knapp 20 Jahre jungen Spieler der Accra Lions. Mittendrin im Siegestaumel: Rainer Kraft, 58, Fußballlehrer aus Stuttgart. „Die Lebensfreude in diesem Land ist faszinierend“, sagt der Mann, der den Verein als Trainer und Sportdirektor in die erste Liga in Ghana führte. Es war der größte Erfolg seiner Karriere, in der er viel auf Achse war und die keiner Norm entspricht.
Kraft lernte Sport- und Gymnastiklehrer, war Physiotherapeut mit drei eigenen Praxen, fungierte nebenbei als Rehatrainer beim VfB Stuttgart von 1997 bis 2001. 2005 entschloss er sich, voll auf die Karte Fußball zu setzen. Er arbeitete unter anderem als Co-Trainer beim VfR Aalen unter Frank Wormuth und Edgar „Euro-Eddy“ Schmitt, der ihn später auch zu den Stuttgarter Kickers holte, wo er von April bis Juni 2009 als Interimschefcoach fungierte. Nach dem Abstieg aus der dritten Liga wurde sein Vertrag bei den Blauen nicht verlängert. Es sollte der Startschuss für zahlreiche Auslandsstationen sein.
Grenzwertige Bedingungen im Iran
„Ich las eines Morgens im ‚Kicker‘, dass im Iran bei Esteghlal Teheran ein Co-Trainer gesucht wird, und keine fünf Minuten später rief mich der Chefcoach Erich Rutemöller an und fragte, ob ich mir das vorstellen kann. Das war absolute Gedankenübertragung“, erinnert sich Kraft, der den ehemaligen Ausbildungsleiter des Deutschen Fußballbundes (DFB) vom Fußballlehrerlehrgang kannte. Ein Jahr blieb er in Iran. Ihn begeistern bis heute die extreme Fußballbegeisterung der Perser – zum Derby gegen Persepolis kamen 110 000 Zuschauer – sowie die enorme technische Qualität der Spieler und die Intelligenz der jungen Bevölkerung (70 Prozent sind unter 30 Jahre alt). Doch die Begleiterscheinung waren mehr als grenzwertig: „Man durfte bei sengender Hitze auch als Mann nicht in kurzen Hosen in die Stadt, Frauen in den Stadion waren verboten, Besuche von meiner eigenen Frau Doris gestalteten sich extrem schwierig.“
Lust auf neue Kulturen
Der Reiz des Abenteuers, die Lust aufs Kennenlernen neuer Kulturen ließ ihn dennoch nicht mehr los. Kraft übernahm für den DFB Aufgaben in Aserbaidschan, wo der Familienvater (heute sind seine Kinder 30, 27 und 26) mit Schrecken auch beobachtete, dass etwa russischstämmigen Trainern gegenüber dem Nachwuchs schon mal die Hand ausrutschte. Im Zuge des Ausbaus internationaler Beziehungen arbeitete Kraft für Nachwuchsprojekte von Schalke 04 und dem VfL Wolfsburg, für den er auch in Mexiko aktiv war.
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Weiter ging es für den Weltenbummler nach China. Vor allem über die Mentalität im Reich der Mitte macht er sich heute noch viele Gedanken. „Die jungen Menschen in China sind extrem willig, sie werden aus 2000 oder 3000 Kilometer Entfernung nach Peking gebracht und mit stundenlangen Wiederholungen gedrillt, unter dieser Gleichförmigkeit leidet die Kreativität“, hat Kraft festgestellt. Was in Individualsportarten wie Tischtennis oder Turnen vielleicht funktioniert, könne deshalb nicht auf den Fußball übertragen werden. „Das verstehen viele Eltern nicht, die bei Elternabenden fast auf dich losgehen, weil ihnen das Training zu kurz und zu lasch vorkommt.“
Bernhard Lippert technischer Direktor
Eine ganz andere Welt ist nun Afrika. Über sein gutes Auslandsnetzwerk begann er im September 2019 in Ghana, im Süden des Landes, direkt am Atlantik, in der 2,3 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt, wo auch Bernhard Lippert (früher Eintracht Frankfurt) als Technischer Direktor des Verbands sein Büro hat. Der Verein Accra Lions wurde erst vor fünf Jahren gegründet. „Es ist eine Mischung aus Fußballclub und sozialem Projekt“, erklärt Kraft. Es besteht eine strategische Partnerschaft zu einer deutschen Agentur in Hanau. Der Talentepool sei riesig, es gibt Straßenfußballer, die von morgens bis abends kicken. Kraft: „So wie wir uns das in Deutschland zurückwünschen.“
Über den Fußball wollen die Asse von morgen den sozialen Aufstieg schaffen. „Es gibt wenige unfassbar reiche Menschen, fast keine Mittelschicht und sehr viel Armut, ein Lehrer verdient 80 Euro im Monat, ein Arzt als Topverdiener 300 Euro.“ Die Leute hätten deshalb auch ganz andere Probleme, als sich mit dem Thema Corona zu beschäftigen. „Das interessiert hier keinen, darüber spricht hier keiner, wobei die Inzidenzwerte ohnehin verschwindend gering sind.“
Tiefe Schlaglöcher
Eines ist ihm aber noch wichtig zu sagen: Zwar dauert eine Rückfahrt von 200 Kilometer entfernten Auswärtsspielen nachts schon mal fünf Stunden, weil auf den Straßen regelmäßig bis zu einem halben Meter tiefe Schlaglöcher auftauchen, doch insgesamt gehe es den Menschen in Ghana vergleichsweise gut. „Das Land ist demokratisch und seit 70 Jahren kriegsfrei, die Kriminalitätsrate ist sehr gering und die Vegetation Wahnsinn, alles total grün“, schwärmt Kraft. Bleibt die Frage, ob er über sein Vertragsende im Dezember hinaus bei den Accra Lions bleibt, die ersten positiven Gespräche sind geführt. „Mich reizt weiterhin die ganze Welt, aber ich kann mir auch gut vorstellen, wieder bei einem deutschen Verein zu arbeiten“, sagt Kraft. Aus persönlichen Gründen am liebsten in der Region Stuttgart. Sein Vater ist 89 Jahre alt und lebt allein in Stuttgart-Vaihingen.
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