Herr Lorz, so früh in der Saison konnten Sie sich noch nie zurücklehnen.
Es ist ungewohnt, in den vergangenen Jahren waren der April und der Mai immer die Zeit der großen Entscheidungen. Zu meinem Leidwesen ist das diesmal nicht der Fall.
In beiden Wettbewerben.
Ja. Das frühe Aus im WFV-Pokal-Achtelfinale gegen den SGV Freiberg war sehr, sehr ärgerlich. In der Liga ist es zwar noch etwas zu früh für eine endgültige Analyse, aber wir waren trotz einer spielerischen Fortentwicklung einfach zu unbeständig. Wir haben zu viele Punkte liegen gelassen, und nach der Niederlage in Hoffenheim war die Luft raus. Was nicht heißt, dass wir die Saison jetzt auslaufen lassen dürfen.
Die Kickers liegen 17 Punkte hinter dem Spitzenreiter. Woran liegt das nicht zufriedenstellende Abschneiden?
Es waren sicherlich mehrere Gründe, wobei die Zusammensetzung des Kaders schon eine gewisse Rolle spielt. Wir waren nicht widerstandsfähig genug. Du brauchst in der Regionalliga gewisse Spielertypen, um bestehen zu können. Spielerisch besser zu sein reicht nicht.
Vor allem, wenn die Durchschlagskraft im letzten Drittel fehlt. Ist es nicht fahrlässig, dass nun schon einige Transferperioden verstrichen sind und seit dem Abgang von Mijo Tunjic kein Torjäger verpflichtet wurde?
Wir sind eine Mannschaft, die statistisch mit am meisten Chancen herausspielt, nur du musst sie eben auch verwerten. Wenn du aufsteigen willst, brauchst du diesen Mann mit Knipserqualitäten, keine Frage. Den hatten wir früher zum Beispiel mit Marco Grüttner, und auch Mijo Tunjic brachte diesen Torriecher mit. Unser Sport-Geschäftsführer Lutz Siebrecht ist sehr erfahren und umtriebig, er hat klare Vorstellungen, was es braucht, um erfolgreich zu sein. Er arbeitet auch daran, dass wir solch einen Torjäger wieder bekommen.
Er muss aber auch noch andere Aufräumarbeiten tätigen. Wie ärgerlich sind Transferflops wie von nicht gerade günstigen Spielern wie Vico Meien und auch Brian Behrendt, der seit Dezember keine Rolle mehr spielt? Auch von Meris Skenderovic hat man sich mehr versprochen.
Von Transferflops würde ich nicht sprechen. Ohnehin hat man bei Transfers nie eine hundertprozentige Trefferquote. Grundsätzlich ist es natürlich nicht positiv, wenn wesentliche Dinge auf Schlüsselpositionen nicht funktionieren.
„Wir müssen Kaderkosten reduzieren“
Auflösungsverträge kosten Geld. Wie sehr schränkt das die Verpflichtung von Neuzugängen ein? Wie groß sind die Sparzwänge für die neue Saison?
Wir mussten in der vergangenen Saison, als die Mannschaft lange auf Platz eins stand, viele Prämien bezahlen. Das war in dieser Saison nicht in dem Maße der Fall. Dafür waren die Kaderkosten höher, was im zweiten Jahr nach dem Aufstieg nicht untypisch ist, zumal wir auch in den Kader investiert haben. Um in der kommenden Spielzeit bei den derzeitigen Rahmenbedingungen ein ausgeglichenes Budget zu erreichen, müssten wir die aktuellen Kaderkosten in der Tat um mindestens zehn Prozent reduzieren.
Von unter drei Millionen Euro auf rund 2,5 Millionen Euro?
Zahlen werden wir nicht bestätigen. Wir versuchen aber etatmäßig noch nachzubessern. Wir sind deswegen in guten und aussichtsreichen Gesprächen mit unseren Sponsoren und Unterstützern, die wir von unserem Konzept überzeugen müssen. Sehr positiv wird es hierbei gesehen, dass wir drei Eigengewächse wie Leon Neaime, Mario Borac und Nevio Schembri in der ersten Mannschaft etabliert haben und weitere junge Spieler aufschließen können. Das ist unser Weg. Wir brauchen Spieler, die nach der dritten Liga lechzen. Und dieses Ziel mit uns erreichen wollen.
Nur mit jungen, hungrigen Spielern ist ein Aufstieg aber illusorisch, und eine Zielsetzung Platz fünf bis zehn dürfte nicht der Anspruch und auch schwer vermittelbar sein?
Das ist der schwierige Spagat, den wir hinbekommen müssen. Jeder weiß, dass eine gesunde Mischung im Kader wichtig ist, sonst erreichst du deine Ziele nicht. Die neue Saison mit möglichen Absteigern wie SV Sandhausen, Waldhof Mannheim oder VfB II wird extrem schwer, dazu kommen hochambitionierte Clubs wie Offenbach und Homburg.
Die Erwartungshaltung . . .
. . . ist bei einem Verein wie den Stuttgarter Kickers immer da, aber man muss auch realistisch sein. 2022 und 2023 sind Clubs wie Waldhof oder Saarbrücken nach längerem Anlauf mit Etats in die dritte Liga aufgestiegen, die weit über drei Millionen Euro lagen. Und 2024 und 2025 waren es zweite Mannschaften von Bundesligisten, die ohnehin andere Voraussetzungen haben.
„Das tut noch lange weh“
Die große Gunst der Stunde, aus dieser Liga rauszukommen, haben Sie in der vergangenen Saison verpasst.
Das tut uns noch lange weh, ist aber Schnee von gestern.
Aufstiegstrainer Mustafa Ünal haben Sie als Vizemeister entlassen, mit seinem Nachfolger Marco Wildersinn gehen Sie als aktuell Fünfter definitiv in die neue Saison?
Unser Sport-Geschäftsführer hat sich dazu klar geäußert, das muss ich nicht wiederholen. Es wäre falsch, Marco Wildersinn an der vorausgegangenen Vizemeisterschaft zu messen. Wir sehen uns mit ihm auf dem richtigen Weg. Wir hatten in dieser Saison im Ergebnis zu viel Breite im Kader, wir brauchen aber Qualität und Mentalität in der Spitze, auf den Schlüsselpositionen.
Sie selbst hatten bei der Mitgliederversammlung vergangenen November angekündigt, vorzeitig aufzuhören. Machen Sie vielleicht nicht doch die gesamte Amtsperiode bis 2027 zu Ende?
Nein, die gesamte Amtsperiode ganz sicher nicht. Ich habe aber immer betont, dass mir ein guter und sauberer Übergang wichtig ist. Ich stehe insbesondere mit unserem Aufsichtsratschef (Anm. d. Red.: Christian Steinle) im engen Austausch, wie wir einen solchen Übergang hinbekommen.
Zur Person
Karriere
Rainer Lorz wurde am 14. Dezember 1962 in Darmstadt geboren. Er ist in Berlin aufgewachsen und lebt seit 1995 in Stuttgart. Lorz spielte Fußball beim FV Wannsee Berlin und für die DJK Konstanz. 2005 kam er in den Aufsichtsrat der Kickers, seit 2010 ist er Präsident. Er ist Anwalt in Degerloch und Honorarprofessor an der Universität Stuttgart.
Persönliches
Lorz wohnt in Stuttgart. Seine Hobbys sind Golf und Literatur. (jüf)