Rainer Schnell liebt Käfer Tolle Tierchen

Rainer Schnell inmitten seiner Tiere Foto: Carolin Albers

Für die meisten Menschen sind sie lästiges Zeugs, das man abstreift, wenn es an einem herumkrabbelt. Für Rainer Schnell sind sie das Größte. Er sucht in der ganzen Welt nach Käfern. Vier Arten sind schon nach ihm benannt.

Rottenburg - Auch das kann ein Beitrag sein, die Natur zu bewahren: ein männliches Geschlechtsteil aus dem Leib zu reißen. Ist übrigens gar nicht so einfach. Sehr ruhige Hände braucht man dazu. Und eine feine Nadel, an der Spitze leicht gebogen. Die bohrt man in den Unterleib, ruckt ein bisschen – und hat dann ein millimetergroßes Etwas, das aussieht wie dunkler Staub: den Penis eines Käfers.

 

Das klingt nach sehr randständigen Begierden, ist aber ein Blick in eine seriöse Gelehrtenstube. In seinem Rottenburger Studierzimmer sitzt Rainer Schnell vor einem Vergrößerungsgerät und untersucht einen gerade mal zentimetergroßen Käfer. Einen, den die Welt vielleicht noch nicht gesehen hat, eine vielleicht unentdeckte Art, namenlos und von ganz eigener Gestalt. Deshalb muss man genau hingucken auf die Unterschiede zu schon bekannten Käfern – immerhin gibt es rund 350 000 Arten, die sich oft auch noch ziemlich ähnlich sind. Stark spezialisiert haben sich die Käfer aber mit ihren Geschlechtsorganen: komplex und artspezifisch erlauben sie genaue Bestimmungen.

Käfer. Das sind nicht die imposanten Big Five des Tierreiches. Keine Schmusetiere. Und in der Regel machen sie auch keinen Appetit. Für die meisten Menschen sind sie lästiges Zeugs, das man abstreift, wenn es an einem herumkrabbelt.

In letzter Zeit aber haben Käfer und Insekten eine bessere Presse. Weil der Verdacht besteht, dass der Mensch selbst dieser größten Biomasse auf der Erde einen beschleunigten Abgang verschafft. Im Wichtigkeits-Ranking sind die Insekten enorm gestiegen. Nicht bei Rainer Schnell. Insekten sind schon lange sein Leben. Eigentlich wollte er Ende der 60er Jahre Medizin studieren, aber die Numerus-Clausus-Hürde war zu hoch. Die Wartezeit konnte man zu seiner Zeit mit einem anderen Studium überbrücken, beliebt war Biologie, weil man da schon Scheine sammeln konnte.

„Je mehr ich weiß, desto mehr will ich wissen“

So machte es auch Rainer Schnell, irgendwann hatte er seinen Medizin-Studienplatz, nahm ihn aber nicht an, sondern blieb bei der Biologie. Das Studium hatte ihn gepackt, und ganz besonders ein Dozent, der zwar fordernd war, aber auch faszinierende Lehrveranstaltungen bot: Gerhard Mickoleit. Ein Zoologe und vor allem Entomologe, also ein Insektenkundler (mit beeindruckender Veröffentlichungsliste über die Genitalorgane der Insekten). 1971 gab er einen Insektenkundekurs, und Rainer Schnells Leben nahm eine Wendung: „Seitdem sammle ich Insekten. Sie haben mir eine ganz andere Welt aufgetan. Wenn man erst mal erkennt, wie schön die sind, wie filigran in der Form, wie vielfältig die Farben . . .“

Dazu kam wissenschaftliche Neugier: „Da ist noch viel zu erforschen. Je mehr ich da weiß, desto mehr will ich noch wissen.“ Beruflich hatte sich Schnell als Lehrer für Biologie und Sport am Tübinger Uhland-Gymnasium abgesichert, die Ferien boten viel Zeit für die Feldforschung.

Die hat Rainer Schnell weidlich genutzt. In seiner Sammlung liegt vieles, das er von seinen Expeditionen mitgebracht hat: ein mumifizierter Krokodilschädel, der basketballgroße Samen der Seychellennuss, eine Riesenkrabbe und vor allem Insekten. Den entscheidenden Schritt zum wissenschaftlichen Forscher brachte vor 15 Jahren eine Exkursion mit dem Tropenökologen Friedhelm Göltenboth von der Universität Hohenheim. Sie ging auf die Philippinen, die als ein Galapagos hoch zehn gelten. In keinem anderen Land gibt es pro Hektar Naturfläche eine vergleichbare Artenvielfalt.

Joghurtbecher als Fallen

In dieser Inselwelt müsste die Evolution auf jeder Insel spezielle Käferarten hervorgebracht haben, war sich Rainer Schnell sicher: „Auf den Philippinen gibt es bestimmt Hunderte von Käfern, die noch nicht bestimmt worden sind“, sagt er. Und so machte er sich auf die Suche. Dafür stellt man Fallen auf: versenkt zum Beispiel Joghurtbecher so in die Erde, dass der Rand eben mit dem Boden ist – und der Käfer einfach reinpurzelt.

Tatsächlich sammelten sich zum Beispiel Skorpione in den Bechern, aber keine neuen Käfer. Dass Rainer Schnell aber mit seiner Vermutung richtig lag, zeigte ihm ein Besuch in einem Naturkundemuseum vor Ort. Er ließ sich einige dort namenlos ausgestellte Käfer mitgeben und klassifizierte sie tatsächlich als neue Art.

Seitdem kehrt er immer wieder auf die Philippinen zurück. Dabei hat er sich mit dem französischen Spezialisten Bernard Lassalle zusammengetan, ein erfolgreicher Sucher neuer Arten weltweit. Eine, die auf 3500 Meter Höhe am höchsten Berg der chinesischen Quin-Ling-Bergkette lebt, hat er nach Rainer Schnell benannt: Pristosia Schnelli. Eine Art Ritterschlag für Entomologen: „Man wird dadurch ein Stück unsterblich“, sagt Rainer Schnell, nach dem inzwischen vier Arten benannt sind.

Zusammen mit Lassalle durchforschte er die philippinischen Inseln erfolgreich: Sechs neue Arten hat das Duo beschrieben, und noch sind nicht alle Röhrchen, in denen die Funde im Alkohol schwimmen, ausgewertet. Kann gut sein, dass nach langen Vergleichen mit der Literatur feststeht: Die Härchen sind anders. Schon wäre eine neue Art entdeckt.

Weiche Knie beim Anblick des Brachinus

Auf Cebu war nichts in den Fallen – bis in der allerletzten Rainer Schnell nicht nur einen Käfer fand, sondern sah, dass er eine neue Art hatte, einen Brachinus, dem er nach dem philippinischen Entomologen den Beinamen bendanilloi gab: „Da kriegt man weiche Knie, das ist ein horrendes Glücksgefühl.“ Glück, das hart verdient werden muss. Die Expeditionen im Regenwald sind fordernd, Sammel-Genehmigungen müssen mühsam beschafft werden, mit den Dorfgemeinschaften müssen sich die beiden abstimmen.

Auf Leythe konnten sie das nicht. Im Wald, wo sie sammeln wollten, hatten sich Menschen versteckt, die vor den Todesschwadronen des philippinischen Präsidenten Duterte geflohen waren. Auch auf Mindanao scheiterten Forschungen am Konflikt zwischen der Zentralregierung und islamistischen Gruppen.

Die Zeitumstände holen die beiden Forscher sogar auf ihrem eigenen Feld ein. Auch auf den Philippinen verschwinden die Insekten. „Die Leute dort verwenden vermutlich die gleichen Spritzmittel wie bei uns“, sagt Rainer Schnell.

Seine Tätigkeit ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Rascher, als dass neue Arten entdeckt werden, verschwinden bestehende. Und das ist nicht nur ein Verlust an reinem Klassifizierungs-Wissen: „Nur, wenn ich die Arten kenne, kann ich auch die Ökologie erfassen. Und ohne Kenntnis verschwindet auch ein genetischer Schatz.“ Ein Schnelli-Käfer lebt sogar auf 4000 Meter Höhe: „Was der für eine genetische Struktur haben muss, dass er dort überleben kann!“ Wie gern würde Rainer Schnell da weiter forschen: „Wenn ich noch jung wäre!“, sagt der 68-Jährige. Er verkörpert den Zustand der Taxonomie, der Wissenschaft der Artenbestimmung: Sie ist in die Jahre gekommen. Er ist Mitglied der Entomologischen Vereins Stuttgart. Eine ehrwürdige Institution – auch vom Alter ihrer Mitglieder her, das Rainer Schnell im Schnitt auf 60 plus schätzt.

In vielen Gebieten sind Artenspezialisten gefährdeter als die Arten selbst

Der Biologen-Nachwuchs setzt auf die Genetik, da winken Geld und Ruhm. Taxonomische Lehrstühle bekommen andere Aufgaben, Koryphäen wie Gerhard Mikoleit sind längst im Ruhestand. Was sogar zu einer besorgten Anfrage einiger Grünen-Parlamentarier an ihre eigene Landesregierung geführt hatte: „In vielen Fällen sind die Artenspezialisten inzwischen gefährdeter als die Arten selbst.“

Der Verlust an Wissen, der sich da abzeichnet, macht auch Rainer Schnell Sorge: „Er gefährdet auch indirekt die Arten. Man schützt nur, was man schätzt. Und man schätzt nur, man kennt. Also brauchen Arten, wie wir Menschen auch, Namen und Gesichter, um in ihrem Recht auf Existenz wahrgenommen zu werden.“

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