Rajvinder Singh und die „Big Bang Theory“ Die Stimme von Dr. Raj

Von Kathrin Horster 

Er ist die deutsche Stimme des indischen Nerds in „Big Bang Theory“: Rajvinder Singh, in Berlin lebender Synchronsprecher, versteht sich als Kultur- und Sprachvermittler.

Raj, gespielt vom britischen Schauspieler Kunal Nayyar (links), ist der Junggeselle aus der Astrophysik.  Rajvinder Singh gibt ihm seine deutsche Stimme. Foto: Warner Bros/
Raj, gespielt vom britischen Schauspieler Kunal Nayyar (links), ist der Junggeselle aus der Astrophysik. Rajvinder Singh gibt ihm seine deutsche Stimme. Foto: Warner Bros/

Stuttgart - Rajvinder Singh ist ein vornehmer, sehr humorvoller Herr Anfang sechzig, der mit Bedacht seine Worte wählt. Er ist Autor, verheiratet und lebt seit 1981 in Berlin. Wenn man die Augen schließt, wird aus Rajvinder Singh im Bruchteil einer Sekunde aber ein anderer. Plötzlich hört man einen Mann von Mitte zwanzig, schüchtern, intelligent und manchmal leicht erregbar – und wer Fernsehen schaut, kennt diese sanft verschmitzte, hell-heisere Stimme mit dem unverwechselbaren R, das wie ein runder Kiesel auf der Zunge des Sprechers liegt. Die Stimme gehört Dr. Rajesh Ramayan Koothrappali, von seinen Freunden kurz Raj genannt, der in der US-Serie „Big Bang Theory“ als Astrophysiker aus Neu-Delhi eine Gruppe junger Nerds komplettiert, die sich neben komplexen Problemen aus Physik, Mathematik und Popkultur auch haarigen Alltagsfragen stellen muss. Besonders die Kategorie Frau bereitet den Junggesellen Kopfzerbrechen.

Über zwölf Jahre hielt die witzige und kluge Sitcom von Chuck Lorre und Bill Prady das Publikum bei der Stange. Doch mit dem Ende der zwölften Staffel, deren zweite Hälfte Pro 7 nach der Sommerpause ausstrahlt, ist Schluss. Nicht nur für die riesige Gemeinde der deutschen Fans ist das ein herber Verlust, auch für Rajvinder Singh, der der Kunstfigur Rajesh Koothrappali seine Stimme geschenkt hat: „Mir wird Raj fehlen, weil er als einziger aus der Serie nicht als Gewinner hervorgeht. Er war so romantisch, und er ist der einzige, der keine Frau gefunden hat“, bedauert er am Rande des Indischen Filmfestivals, das noch bis Sonntag in Stuttgart läuft. Die Arbeit an „Big Bang Theory“ habe aber viel Spaß gemacht. „Wir Freiberufler leben mit der Zuversicht: Was gestern war, war gestern, heute ist heute und morgen kommt etwas anderes.“

Der Schneider und sein Stoff

Auch wenn Synchronsprechern nie die Würdigung zuteil wird, die Fans und Medien ihren berühmten Kollegen vor der Kamera zukommen lassen, erfüllen sie eine wichtige Funktion. Weil die Deutschen im Vergleich zu anderen Nationalitäten nur ungern auf Untertitel zurückgreifen, gibt es hierzulande einen großen Markt für sie. Auch Singh kann auf ein stattliches Rollenportfolio verweisen: Er sprach schon Figuren in „Pirates of the Caribbean“ und in Martin Scorseses „Departed“, in „Spider-Man 2“ lieh er Mr. Azis seine Stimme, in „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ interpretierte er Rama-Kandra. „Das war eine wichtige Rolle für mich“, sagt Singh. Das Renommee des jeweiligen Films spiele für ihn jedoch keine große Rolle, es gehe darum, wie interessant die Figur sei – und der Part von Rama-Kandra sei zwar klein, aber philosophisch, sagt Singh. „Das ist insgesamt nicht mal eine fünfminütige Rolle, aber sie hinterlässt einen Stempel.“ Als Synchronsprecher brauche er aber keine Figuren, die ihm nahe seien. Wichtig sei anderes: „Ich muss der Figur gerecht werden, das ist die Herausforderung. Als Kulturvermittler bin ich der Schneider, der einen Stoff bekommt und daraus ein passendes Gewand macht.“

Neben seinen Engagements als Synchronsprecher ist Rajvinder Singh auch anderweitig noch aktiv. 2005 gründete er eine deutsch-indische Schulpartnerschaft und unterrichtete mehrere Jahre Stuttgarter Schüler im kreativen Schreiben. Lange setze er sich auch im Writers-in-Prison-Commitee der Schriftsteller-Vereinigung PEN ein, eine Tätigkeit, die aufgrund von Singhs hohem Arbeitspensum derzeit auf Eis liegt. Trotzdem: die Kultur- und Sprachvermittlung, die Singh betreibt, kann man unterm Eindruck des gegenwärtigen Rechtsrucks in Europa nicht hoch genug schätzen.

Rassismus als Alltagserfahrung

Ich lebe seit 38 Jahren in Deutschland, ich habe viel erlebt, auch Rassismus. Man muss vorsichtig sein. Ich bin ein ausgewiesener Anti-Fascho. Peter Schneider, Günther Grass, Volker Ludwig, F. C. Delius, Inge Deutschkron und ich haben eine Initiative in Berlin gegründet, nachdem in Mölln, Solingen und Rostock die Asylheime brannten. Und ich war der erste nicht-deutsche Stadtschreiber in Deutschland und wurde im brandenburgischen Rheinsberg von Neonazis angegriffen“, berichtet Singh von Erfahrungen, die er als Einwanderer in Deutschland gemacht hat.

Auf den Disput, der in den USA zur Frage entstand, ob die Figur des indischen Supermarktinhabers Apu Nahasapeemapetilon in den „Simpsons“ rassistische Stereotypen bediene, reagiert Singh gelassen: „Wir werden niemals vom Kino oder Fernsehen etwas fürs Leben lernen. Und sowieso: Das rassistische Programm in den USA sieht anders aus.“