Raketentest in Indien Muskelspiel im Club der Atomwaffenbesitzer

Von , Delhi 

Indien hat erstmals eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete eigener Produktion getestet. Die nuklearen Muskelspiele gelten vor allem China.

Die Trägerrakete Agni V, der zu Metall gewordene Stolz Indiens Foto: dapd
Die Trägerrakete Agni V, der zu Metall gewordene Stolz Indiens Foto: dapd

Wheeler Island - Indien scheint trunken vor Stolz. Von einem „historischen Tag“ sprachen TV-Sender, von einem „Meilenstein“ Politiker, und Militärexperten meinten, die Karten seien nun neu gemischt. Erstmals hat Indien am Donnerstag eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete eigener Produktion getestet. Wem die nuklearen Muskelspiele vor allem gelten, ist kein Geheimnis: dem Nachbarn China. Mit einer Reichweite von 5000 Kilometern kann die Rakete fast überall im Reich der Mitte einschlagen. Aber auch Ziele in Europa rücken in atomare Reichweite Delhis.

17 Meter lang und 50 Tonnen schwer ist das Objekt von Indiens Stolz, kann einen Sprengkopf von einer Tonne tragen und heißt Agni V - das bedeutet Feuer. Viele Inder sehen Agni V als weiteren Hinweis auf den Aufstieg ihres Landes. Immer wieder zeigten die TV-Sender, wie die Rakete um 8.05 Uhr morgens vom Testgelände auf Wheeler Island vor der ostindischen Küste in den Himmel schießt und später im Meer versinkt. Der Test sei „ein hundertprozentiger Erfolg“ gewesen, frohlockte die zuständige Behörde beim Verteidigungsministerium. Premierminister Manmohan Singh gratulierte den Wissenschaftlern.

Rakete soll lediglich der Abschreckung dienen

Eine Atommacht ist Indien bereits seit 1974. Aber erst 1998 zündete das Land – und daraufhin auch der Erzfeind Pakistan – zu Testzwecken eine Atombombe. Bisher verfügte Indien über Atomraketen, die über 3500 Kilometer weit reichen und damit in ganz Pakistan treffen können. Mit Agni V rückt nun ganz China in Reichweite. Umgekehrt können Chinas Raketen bereits heute jeden Ort in Indien erreichen.

Zwar verfolgt Indien keine Erstschlagsdoktrin und dürfte sich freiwillig nicht auf einen Krieg mit dem weit überlegenen China einlassen. Bereits 1962 hatte Delhi bei einer Grenzschlacht eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Die Rakete diene lediglich der Abschreckung und der eigenen Sicherheit, versicherte Delhi. Doch Indien lässt keinen Zweifel, dass es ein Gegengewicht zu Chinas Dominanz setzen will, um im Konfliktfall nicht dessen Atomwaffen wehrlos ausgeliefert zu sein. Experten fürchten daher, dass sich das Wettrüsten zwischen den beiden Giganten Asiens noch verschärft. Beide Länder haben ihre Militärbudgets erhöht: China um fast elf Prozent auf 106 Milliarden Dollar, Indien um 17 Prozent auf mehr als 40 Milliarden Dollar. Indien ist zum größten Waffenimporteur der Welt aufgestiegen.

Westen reagiert gelassen

Auch Ziele in Osteuropa kann Indien mit der neuen Trägerrakete Agni V erreichen. Doch der Westen blieb gelassen. Man sehe das demokratische Indien nicht als Bedrohung an, erklärte die Nato. China warf dem Westen daraufhin Doppelmoral vor. Dieser ignoriere, dass Indien Abkommen zur Kontrolle von Atomwaffen nicht unterzeichnet habe.

Rund 370 Millionen Euro hat sich die indische Regierung die Entwicklung von Agni V kosten lassen. Sie soll insgesamt viermal getestet werden, bevor sie 2014 oder spätestens 2015 eingeführt wird. Indien sieht sich von feindlichen Mächten umstellt – im Westen ist das der alte Erzfeind Pakistan, im Norden ist es das schier übermächtige China. Obwohl sich die Beziehungen zu China entspannt haben, sind beide Länder in vielen Bereichen auch scharfe Rivalen. Immer wieder kommt es zu Spannungen und Grenzkonflikten. Mit Sorge sieht Indien derzeit etwa die Versuche Chinas, seinen Einfluss im Indischen Ozean auszuweiten. Beide Länder konkurrieren auch um Einfluss etwa in Nepal, Sri Lanka, Bhutan oder Myanmar.