Ralf Scholl vom Philologenverband Baden-Württemberg „Fernunterricht nützt nur einer Minderheit“

Ralf Scholl leitet den Philologenverband. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Mathe-Lehrer Ralf Scholl, Chef des Philologenverbandes, erläutert die Probleme beim Start in den neuen Schul-Lockdown am Montag. Für Grundschüler sowie Fünft- bis Sechstklässler werde es schwierig.

Stuttgart - Die Grundschulen werden es schwierig haben und digitale Lernplattformen könnten zusammenbrechen: Das sagt Ralf Scholl, Chef des Philologenverbandes in Baden-Württemberg. Den Kurs von Kultusministerin Susanne Eisenmann sieht er skeptisch.

 

Herr Scholl, sind die Schulen auf den kalten Start am Montag – raus aus den Ferien, rein in den Lockdown mit Fernunterricht – vorbereitet?

Ja, wir hatten ein, zwei Tage mehr Vorlauf als beim Lockdown im März. Lehrkräfte, Eltern und Schüler haben ja auch schon Erfahrungen mit dem Fernunterricht. Die Lernplattformen Moodle und Big Blue Button sind massiv ausgebaut worden, trotzdem könnte es passieren, dass es bei Big Blue Button wegen des großen Ansturms am Montag zu Problemen kommt.

Aber gab es nicht Informationspannen? Etwa bei der Frage, ob Klausuren nächste Woche in den Abschlussklassen stattfinden oder nicht?

Es gab eine erste interpretationsbedürftige Regelung des Kultusministeriums, die einige so verstanden, dass für die Abschlussklassen nächste Woche mehr oder weniger normaler Unterricht stattfindet. Das haben die vier Regierungspräsidien dann am Donnerstag klar gestellt: kein normaler Unterricht und keine Klausuren.

Wie stark sind die Schularten betroffen vom Fernunterricht?

Für die Grundschulen aber auch für die Klassen fünf bis sechs wird es am schwierigsten. Besonders Kinder diesen Alters brauchen die Lehrerin und den Lehrer als Bezugsperson. Schreiben und Lesen lernen ist im Fernunterricht kaum möglich, auch sind Grundschüler elektronisch nicht alle erreichbar. Manche Grundschulkollegen liefern die Lernmaterialien mit dem eigenen Fahrrad an die Briefkästen der Schüler. Beim Lernen müssen jüngere Schüler zuhause beaufsichtigt werden. Viele Eltern sagen, sie haben ihren Urlaub aufgebraucht oder haben keine freien Tage mehr. Die Notbetreuung ist daher wichtig.

Der Kultusministerin Susanne Eisenmann wird oft ein Alleingang im Streben nach dem Präsenzunterricht unterstellt, aber auch andere Länder wie Mecklenburg-Vorpommern sind gegen den strengen Schullockdown. Wie bewerten Sie ihre Politik?

Kultusministerin Eisenmann tritt sehr stark für die Bildungsinteressen der Kinder ein. Wir Lehrerverbände meinen hingegen, man müsse stärker abwägen nach der jeweiligen Lage beim Infektionsgeschehen und die Gesundheitsinteressen und Bildungsinteressen besser in Einklang bringen. Was Mecklenburg-Vorpommern anbelangt – die hatten lange wesentlich niedrigere Infektionszahlen als wir. Britische Studien sagen, das 20 bis 25 Prozent des Infektionsgeschehens von älteren Schülern ausgehen könnte. Und was hat ein Lockdown denn für einen Sinn, wenn wir zum Präsenzunterricht zurückkehren und die Schüler und Schülerinnen die Abstände gar nicht einhalten können?

Zum ersten mal seit Jahren haben sechs Lehrerverbände im Land einen gemeinsamen Katalog mit Forderungen aufgestellt: für den Wechsel von Fern- und Präsenzunterricht. Was war los?

Wir hatten aus den Schulen sehr positive Rückmeldungen über den tage- oder wochenweisen Wechselunterricht zwischen Pfingst- und Sommerferien. Der hat meist super geklappt. Die Klassen waren halbiert, die Kinder saßen mit Abstand, dadurch gab es keine Unterrichtsstörungen, und die Kinder kamen motiviert in die Schule. Das ist ein positives Modell. Der Fernunterricht hingegen ist die ineffizienteste Form des Unterrichts. Die Schüler brauchen da eine intrinsische Motivation, also von sich heraus. Sie müssen selbst stark interessiert sein, sonst bricht die Motivation weg. Vom Fernunterricht profitiert deshalb nur eine kleine Minderheit.

In der Corona-Krise verlieren Schüler Zeiten des effektiven Präsenzunterrichts. Müsste da beim Lernstoff nicht Ballast abgeworfen werden?

Das ist eine alte Diskussion. Wir vom Philologenverband sind nicht der Meinung, dass – abgesehen vom schuleigenen Curriculum – Abstriche vorgenommen werden können. Weiterführende Schulen bereiten auf die Studierfähigkeit vor. Die ist aber vielfach gar nicht gegeben, wenn man die Quote der Studienabbrüche in Bachelor-Studiengängen anschaut. Die liegt in ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik bei einem Drittel.

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