„Cité d’Or“ im Autohaus Aufstieg und Fall der Autostadt Stuttgart

Showdown im Autohaus: La Fleur trifft auf das Staatsorchester. Foto: Dominique Brewing

In einem ehemaligen Autohaus feiern das Tanzensemble La Fleur und das Staatsorchester Stuttgart den „Aufstieg und Fall der Stadt Stuttgart“ – mit Bert Brecht, Kurt Weill und Techno.

In Goldlettern steht „Cité d‘Or“ über dem Eingang zum ehemaligen Autohaus in der Metzstraße im Stuttgarter Osten. Die besten Tage dieses Symbols hiesiger industrieller Stärke und Wohlstands sind gezählt: Wo früher heiße Schlitten verkauft wurden und an Motoren gewerkelt wurde, ist nun Brache und daher wieder mal Raum für Kunst, Kultur und Neuentwicklung. Wie so eine Umnutzung funktioniert, hat das Theater Rampe schon im Herbst letzten Jahres bei der Bespielung des leer stehenden Kaufhofs am Stuttgarter Rotebühlplatz vorgeführt.

 

Tanzensemble La Fleur und das Staatsorchester Stuttgart

Quo vadis, Autostadt Stuttgart? Im Presseheft des Theaters Rampe ist von „Transformation ohne Ende“ die Rede. Ein roter Teppich führt jedenfalls hinein ins leer stehende Autohaus, das für drei Tage zur Goldstadt wird. Hier feiert das Stück „Cité d’Or – Aufstieg und Fall der Stadt Stuttgart“ (Regie: Monika Gintersdorfer) am Freitagabend seine Uraufführung.

Das Tanzensemble La Fleur und Musikerinnen und Musikern des Staatsorchester Stuttgart locken ein großes Publikum an den außergewöhnlichen Ort. Und in Anlehnung an die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bert Brecht und Kurt Weill (die bis Mai auch auf dem Spielplan der Stuttgarter Oper stand) werden die Transformationsprozesse der heutigen Zeit hinterfragt.

Migrationsgeschichte und popmusikalische Analyse

„Cité d’Or“ führt zwei Stunden lang bausteinartig Sequenzen zusammen: Kapitalismuskritik trifft auf Migrationsgeschichten und Fragen an Mensch und Gesellschaft. „Überall gibt es Mühe und Arbeit, aber hier gibt es Spaß“, lässt Brecht die Kriminelle Leokadja Begbick in „Mahagonny“ verkünden. Warum also nicht aus einem Autohaus einen Nachtclub machen? Einen Raum für Kunst, Kreativität aber auch für Ausschweifungen schaffen? Stuttgart als Mahagonny?

Luka Hauser mit Musikerinnen und Musikern des Staatsorchesters Stuttgart Foto: Dominique Brewing

Bei dieser Erzählung in fünf Kapiteln ist das Orchester unter der Leitung Luka Hausers für Auszüge aus den Weill‘schen Opernparts zuständig. Mal orientieren sich die Ensemblemitglieder von La Fleur an Brechts Libretto, mal singen und tanzen sie im Stil des Coupé Decalé (Musik: Timor Litzenberger und Vetcho Lolas).

Der „Alabama Song“ darf nicht fehlen

Das verglaste, weiß gekachelte Autohaus steht dabei im Kontrast zum bunten Spiel der sechs Protagonisten, deren Geschichte zur explosiven Tanzperformance wird. Der „Alabama Song“ darf – in einer afrobeatuntermauerten Neuinterpretation – dann auch nicht fehlen „Well, show me the way to the next whisky bar“, singen sie im Chor.

Mexico City, Detroit, Abidjan und Stuttgart sind miteinander verbunden

Wo nach Aufstieg Niedergang droht, ist Mahagonny nicht weit. In Stuttgart ebenso wie zuvor in der einstigen US-Autometropole Detroit oder in Abidjan an der Elfenbeinküste. Und wie gesellschaftliche Krisen zur Chance für die Kunst werden können, erzählt das Stück, indem es daran erinnert, wie in den 1980ern in Detroit Techno entstand, oder Anfang der 2000er Jahre in Abidjan der Tanz- und Musikstil Coupé Décalé.

Das Tanzensemble La Fleur Foto: Dominique Brewing

Die Gruppe La Fleur untersucht transkulturelle Entwicklungen, indem sie sich mit populärmusikalischen Phänomenen auseinandersetzt. Die Mitglieder singen auf Englisch, Spanisch, Deutsch und Französisch und lassen ein gelungenes, fesselndes Musikereignis entstehen. Und die Performance führt in weitere Räume, als wäre es ein Zeichen wider des Stillstands. „Wie viel Geld wollen Sie für einen Tanz bezahlen“, fragt einer, „auch Vergnügen muss sich rechnen!“ Denn in Mahagonny ist es verboten, kein Geld zu haben. Man jagt und wird gejagt. Transformation sei anstrengend.

Was Autos mit Brennnesseln zu tun haben

„Cité d‘Or“ wagt sich an eine moderne Übersetzung der „Mahagonny“-Untergangsoper. Bert Brechts und Kurt Weills Ideen bleiben zwar im Kern erhalten, werden aber auch hinterfragt. Postkoloniale Relektüre nennen es die Akteure. Dystopie und Utopie verschwimmen, antiquierte Strukturalismen wie Brechts Frauenbild werden offenbart. Und – Achtung, Spoiler! – was die Zukunftsperspektiven Stuttgarts angeht: CO₂-Emissionen und die gemeine Brennnessel spielen am Ende noch eine entscheidende Rolle in „Cité d’Or“, einem Stück, das kurzweilig und imposant, einladend und progressiv ist.

Tickets und Termine

Cité d’Or – Aufstieg und Fall der Stadt Stuttgart. Die Produktion des Theaters Rampe ist noch einmal an diesem Samstag, 7. Juni, und Sonntag, 8. Juni, jeweils um 19 Uhr in dem ehemaligen Autohaus in der Metzstraße 1 (Zugang über Werderstr. 4) zu sehen. Tickets gibt es hier und an der Abendkasse.

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