Randale in Stuttgart Fassungslose Einzelhändler: „Wir kennen unsere Stadt nicht so“

Die Einzelhändler in der Innenstadt sind entsetzt angesichts der Gewaltausbrüche. Foto: dpa/Simon Adomat 17 Bilder
Die Einzelhändler in der Innenstadt sind entsetzt angesichts der Gewaltausbrüche. Foto: dpa/Simon Adomat

Nach der Randale-Nacht von Stuttgart bleiben neben Scherben auch Fassungslosigkeit und Unverständnis zurück. Ein Streifzug über die Königstraße.

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Stuttgart - In sein Eiscafé in der Stuttgarter Königstraße hat es die wütende Bande in der Nacht zum Sonntag nicht richtig geschafft. Vielleicht wegen der spitzen Scherben, vermutet Gianpietro Marion. Der Stein, mit dem die Scheibe des Cafés eingeworfen wurde, ist auch am Montagmorgen noch zu sehen. Auch andere Läden rund um das Café haben die Randalierer und Plünderer heimgesucht. Bevor die Geschäfte öffnen, reparieren Handwerker auf der Einkaufsstraße am Montag noch demolierte Schaufenster. In einem Möbelgeschäft sichern Polizisten Spuren, in einem Schuhladen begutachten Beamte den Schaden.

Bei den Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt richtete sich die Wut und die Aggression der bis zu 500 Beteiligten gegen die Polizei und gegen einzelne Geschäfte - willkürlich wurden sie ausgesucht, schätzen die Ermittler. Die erste Bilanz des Gewaltausbruchs: 24 vorläufige Festnahmen, 19 verletzte Polizisten, 40 beschädigte oder geplünderte Läden und 12 demolierte Polizeifahrzeuge.

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Seit 31 Jahren betreibt Marion das Café in der Stuttgarter Königstraße. Um 6.00 Uhr morgens war er am Sonntag aufgewacht, auf seinem Telefon kamen viele Anrufe und Nachrichten an. Als er zu seinem Café kommt, geht er zunächst davon aus, die Randalierer hätten es nur auf seinen Laden abgesehen. Die Kasse konnten die Krawallmacher wegen der vielen Kabel und Befestigungen nicht mitnehmen.

Suche nach Erklärungen

„Das darf man nicht machen. Punkt. Fertig“, sagt Marion. Er kann sich die Nacht aber auch ein Stück weit erklären. Die Diskotheken seien geschlossen, da komme bei vielen Langeweile auf. Einige könnten sich bei den Rassismus-Protesten im Fernsehen etwas abgeschaut haben.

Im Juwelierladen „Milano“ machen Inhaber Taif Mazen und seine Mitarbeiter am Morgen noch sauber. „Gott sei Dank nur Glasschaden“, sagt er. Die Sicherheitsfirma hatte ihn angerufen, Mazen machte sich schnell auf den Weg. „Hier war die Hölle los“, sagt er. Die Randalierer fanden allerdings eine leere Auslage vor. Die wertvollen Ringe und Armbänder werden nachts immer aus der Schaufensteranlage entnommen. Ohne Scheibe kann der Juwelier nicht öffnen. Verstehen kann er die Randale nicht: „Hoffentlich kommen die zu Verstand. So was habe ich in Stuttgart noch nie erlebt. Wir kennen unsere Stadt nicht so“, sagt er.

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Die Randalierer in Stuttgart hatten es nicht nur auf Geschäfte mit hochpreisiger Ware abgesehen. So wurde etwa in einem Wolle-Geschäft offenbar eine Bank durchs Schaufenster geworfen. „Ich weiß nicht, in welchem Rausch man sich befinden muss, um so viel Wut aufzubauen und fremdes Eigentum und Leute, die man überhaupt nicht kennt, so zu schädigen“, sagt die Stuttgarter Bezirksleiterin des Unternehmens, Ellen Gonschior. Den Schaden schätzt sie auf rund 5000 Euro.

Eiscafé-Besitzer Marion wartet am Montagmorgen noch auf die Polizei. Gegen Vandalismus ist er versichert. Jetzt hofft er, dass die Ersatzscheibe schnell eingebaut wird. Am Montagnachmittag will er wieder öffnen und Eis verkaufen, es stehen heiße Tage an.




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