„Erste Erde“: Der Autor Raoul Schrott erzählt die Entstehung der Welt. In seinem gewaltigen Epos verbindet er die Abgründe des menschlichen Fühlens mit den Gipfeln des Wissens.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Der Herr hat sieben Tage für die Erschaffung der Welt gebraucht, inklusive ein Erholungsschläfchen nach getaner Arbeit. Leider steht diese Version der Schöpfung, so schön und einfach sie klingt, mittlerweile doch in erheblichem Widerspruch zu den Erkenntnissen der Wissenschaft. Denn nach diesen hat sich der Prozess der Erdentstehung über etliche Milliarden Jahre hingezogen, seit sich nach dem Urknall die ersten Teilchen gebildet haben, dann Atomkerne und Elemente, woraus Sonnen hervorgingen, schließlich die Erde und zuletzt das Leben.

 

Doch auch die wissenschaftliche Fassung des Geschehens hat ihre Probleme, bleibt sie für gewöhnlich den Normalsterblichen, die sich im allerletzten Augenblick des großen Schöpfungsintervalls ins Geschehen mischten, fremd und unverständlich. Trotz ihres so pompös entwickelten Gehirns gelingt es nur den wenigsten, aus den komplexen Zusammenhängen der Physik, der Biologie oder Astronomie ein Begriff davon zu entwickeln, wie sie selbst mit den unendlichen Erstreckungen des Kosmos und den Ewigkeitsabgründen der Zeit zusammenhängen.

Früher waren für die menschengemäße Zurichtung des alle menschliche Erfahrung Übersteigenden einmal die Mythen zuständig. Heute wäre die Stelle vakant, gäbe es in der Gegenwartsliteratur nicht eine Gestalt wie den Universalumtriebigen Raoul Schrott, der wie der Titan Atlas die gesamte Welt der Bildung schultert, um sie über die Gräben der Jahrtausende hinweg den Lesern als kolossale Buchwürfe zuzuspielen. So hat er in einem Bogen über vier Jahrtausend die „Erfindung der Poesie“ erfahrbar gemacht, aus philologischem Geröll das uranfängliche Gilgamesch-Epos zusammengesetzt, die „Odyssee“ neu übersetzt, und sich unlängst an eine der ältesten Quellen der griechischen Literatur gewagt, Hesiods ‚Theogonie’, in der sich alles über Atlas nachlesen lässt.

Wo Alpen und Afrika aufeinanderstoßen

Wenn jemand die Abgründe menschlichen Fühlens und die Gipfel des Wissens zu verbinden mag, dann Raoul Schrott, in dessen bärtiger Erscheinung Homer, Karl May und Reinhold Messner eigentümlich zusammenfinden, der in Tunesien geboren wurde, in Tirol aufwuchs, und für sein neues Schöpfungswerk jahrelang durch die Welt gereist ist: vom ältesten Stein in der Wüste Australiens über die Fußspuren der Hominiden in Äthiopien, bis zu jenem Punkt, wo die Alpen und Afrika erdgeschichtlich aufeinanderstoßen, so dass man bei der Fahrt durch den österreichischen Arlbergtunnel in einen Kontinent gelangt, „der so dunkel ist, dass er es nicht einmal selber weiß: völlig schwarz.“ Das obwohl man in Tirol Wahlplakate mit dem Slogan lesen kann: „Hier ist nicht Marokko.“

Schwer liegt Raoul Schrotts Epos „Erste Erde“ in der Hand: Erratisch wie Urgestein, gravitätisch wie die Bibel, erhaben wie ein Gesang, woran das konsequent auf Großschreibung verzichtende Schriftbild denken lässt, mehr nach mündlichen als orthografischen Kriterien gegliedert. Auch die sieben Bücher dieser Genesis leben von nichts als dem Wort, selbst wenn ihr erster Satz lautet: „Im anfang war nichts“. Aber weil das Nichts schweigt, müssen andere sprechen. Und das ist der geniale Kunstgriff, mit dem Schrott den ausgestorbenen Gattungssaurier des Epos wieder zum Leben erweckt: dass sich jeder Ausgriff auf die Ganzheit der Welt an den subjektiven Erfahrungen durch und durch heutiger Menschen bricht.

Im Licht der Meteoriten

So folgt man neben dem Dichter selbst Archäologen, Künstlern, Ärzten, Verhaltensforschern auf ihren Expeditionen in die Krater, Höhlen, Wüsteneien, wo die mächtigen Gewalten des ewigen Werdens den Satzspiegel bisweilen in geometrische Urformen pressen. Doch wie unterschiedliche geologische Schichten sind in die große Erderzählung die Lebensumstände der auf ihre je verschiedene Weise Suchenden eingelassen.

Da ist der Astronom, der im Lichte großer Meteoriteinschläge der Geschichte den Blick über die massakrierten Kinder des mexikanischen Drogenkriegs schweifen lässt. Eine an Brustkrebs erkrankte Chemikerin lernt inmitten des vulkanischen Gebrodels in Island, „sich auch das gegenteil von leben vorzustellen / ohne dass es der tod war“, und sie entdeckt in der Strahlung ihrer Chemo dieselbe Kraft „wie sie von supernovae ausgeht die auch sonne und erde entstehen liessen“. Diesen französischen Arzt trägt sein Blättern im Buch der Natur über den Selbstmord seiner Frau hinweg, jene polnische Paläoanthropolgin zieht in der unheimlichen Geschichte vom Rattenkönig Parallelen von den fossilen Befunden ausgestorbener Chimären zu der Bestie Mensch, der sie im Folterkeller der Nazis ausgeliefert war. Einsam versöhnlich scheint in diese Wildnis die sich anbahnende Romanze zwischen einem depressiven Marketingmenschen und einer Affenforscherin hinein, die im tertium ihrer jeweiligen Lebenswelt von Managern und Gorillas zueinander finden.

Geschichte einer großen Suche

Die Erben des Hominiden-Weibchens Lucy, in deren Fußstapfen Raoul Schrott tritt („da war kein millimeter spiel zwischen ihrer sohle und meiner / ferse zehen der ganze aussenrand sie sassen wie angegossen“) sind mit ihrer Endlichkeit Beladene, in Scheidung verstrickt, vom Tod verfolgt. Als solche verfolgen sie das erhabene Schauspiel der Natur, entziffern in den Höhlenmalereien ihre eigene Geschichte, wie der Speläologe, der wie Orpheus in die Unterwelt hinabsteigt um dort in dem Schattentheater des Lebens das Bild seiner verstorbenen Frau wiederzufinden.

So feiert dieses Epos nicht im expressiven National-Geographic-Format die Wunder der Schöpfung, die eine neben dem Text mitlaufende Zeitleiste wissenschaftlich verzeichnet. Sondern es schildert in staunenswerter sprachlicher Präzision und Wandlungsfähigkeit die Geschichte einer großen Suche. Raoul Schrotts Genesis bietet kein Obdach unter dem Jenseitsschirm der Religion. Aber sie öffnet den Blick dafür, in welches große Geschehen das Überheblichkeitsschauspiel des Menschen eingebettet ist. Das ist die zutiefst humane Lehre, die diese „Erste Erde“ bereit hält.