Rapper aus Altbach Warum Sinista dafür ist, Brücken hinter sich abzubrechen

Ein musikalischer Kraftwerker vor dem Kraftwerk: Der Altbacher Rapper Christian Salmen alias Sinista setzt sich mit der Welt in all ihren Facetten auseinander. Foto: Roberto Bulgrin

Der Altbacher Christian Salmen nimmt die Welt nicht so, wie sie ist. Er hinterfragt sie, kritisiert sie, benutzt sie, modelt sie um. Seine Gedankenwelt bringt Sinista, wie er sich mit Künstlernamen nennt, in Rap-Texten zum Ausdruck.

Die Message muss raus. Aber was ist seine Botschaft? Schwer zu sagen. Denn Christian Salmen hat viele. Gedanken, Gedankenfetzen, Gedankenfolgen, Gedankenketten platzen nur so aus ihm heraus. Politik, Psychologie, Philosophie, zu Themen, Theorien, Thesen verarbeitet, sprudeln bei ihm wie das Wasser einer Fontäne.

 

Die Inspirationsquellen fließen ständig, die Kreativitätsströme versiegen nie, der Wortfluss plätschert regelmäßig: Gedanklich, so sagt er selbst, sitze er nie auf dem Trockenen. Selbst vor dem Einschlafen schlügen die Gedanken ein wie Blitze. Eine Kanalisation für die ständig pulsierende Energie hat er auch: Der gelernte Speditionskaufmann aus Altbach ist Deutschrapper.

Keine Schleimerei

Keiner der sanften-soften-einschmeichelnden Art. Aber auch keiner, der unbedingt und mit aller Macht provozieren will. Seine Texte wollen sich nicht anbiedern, aber sie wollen auch nicht Publicity, Provokation und Promotion um jeden Preis sein. Sexismus, Rassismus und Chauvinismus als fragwürdige Mittel für Clicks, Likes, Follower und Aufmerksamkeit seien eben nicht sein Ding, meint Christian Salmen. Das habe er nicht nötig, denn seine Lebensphilosophie liefere reichlich Stoff, Inspiration und Anregung für viele, viele Texte. Er ist anders. Bewusst anders. Vom biologischen Alter zählt er erst 25 Jahre. Doch gefühlt, meint er, seien es sehr viel mehr. Er kokettiert mit diesem Anderssein, das teils Gegenposition, teils Überzeugung ist. Freitagabends chillen, abhängen, Party machen, Clubs besuchen – das sei nicht sein Ding. Er schaut sich lieber Dokumentationen im Fernsehen an. Vor allem historische, denn Geschichte fasziniert ihn. Sie trägt zu seiner Message bei, die sich aus vielen einzelnen Botschaften zusammensetzt, die er selbst nur schwer in ein fassbares Welt- und Lebensbild pressen kann.

Das gilt auch für seine Musik. Sie ist nichts Festgefügtes, Unwandelbares, Festgezurrtes. Sie passt sich an. Variiert. Schwebt. Ist Mittel zum Zweck der Botschaftsübermittlung. Und doch viel mehr. Lebenskraft und Lebenssaft. Als einen Mix aus Pop und Hiphop beschreibt sie der in Albstadt Geborene. Der Rockband, der er früher angehörte, fühlt er sich entwachsen. Er versteht sich als gewachsenen, aber noch nicht vollständig erwachsenen Musiker, der sich weiterentwickelt: „Ich bin ein kompletter Rapper, der seine eigenen Beats erschafft und alles selbstständig produziert.“ Kein geborener Einzelgänger, aber im musikalischen Bereich ein Einzelkämpfer. Hobby und Freizeitbeschäftigung, meint er, ist die Musik nicht. Sie ist Berufung, Passion, Lebensbewältigung, Aussageform, Ideenvermittler.

Unheilvoll und sündig

Sein Mosaik mit den vielen Einzelbotschaften macht er zu Musik. Selbst im gewählten Künstlernamen ist eine eigene Taktung drin. „Sinister“, der 2012 erschienene Horrorfilm unter der Regie von Scott Derrickson, sorgte bei ihm für noch mehr Adrenalinstöße. Sinister, meint Christian Salmen im Rückblick, da steckt das Wort „Sin“, Sünde, drin, mit dem es sich herrlich inhaltlich und klanglich spielen lässt. „Sinister“ bedeutet zudem unheilvoll, ungünstig, unglücklich. Das gefiel ihm. Aber Ästhetik und Klangfarben gehören auch dazu. Darum übermalte er das Wortmonster mit einem weichen Vokal und nannte sich Sinista.

Rap, sagt er, sei nicht politisch. Er ist Gefühl, Rhythmus, Emotion. Und das zu 100 Prozent. Das ist eine Schicht der vielschichtigen Message von Christian Salmen, die für ihn auch Verhaltenskodex ist. Mit der zwölften Klasse, berichtet er, habe er das Gymnasium verlassen. Es wäre zwar nur noch ein Jahr bis zum Abitur gewesen, doch das fiel für ihn nicht ins Gewicht. Warum? Da legt er die Parabel von den beiden identischen Schiffen vor, die eines Morgens den heimischen Hafen verließen. Ein Schiff kehrte nach einem Jahr unverrichteter Dinge zurück. Die Besatzung des anderen Schiffes aber hatte eine Insel entdeckt. Dort fingen die Seeleute ein neues Leben an, nachdem sie ihr Schiff und damit jede Möglichkeit zur Rückkehr verbrannt hatten. Das ist für Sinista Gleichnis und Anstoß zugleich. Man müsse Brücken dauerhaft hinter sich abbrechen, meint er. Man müsse sich auf eine Sache konzentrieren, ein Ziel im Auge behalten.

Das hat er getan. Er startete eine Ausbildung zum Speditionskaufmann und sei heute in der Transportplanung einer Speditionsfirma tätig. Auch bei seiner Musik glaubt er sich im richtigen Boot. Seine Botschaften müssen raus. Und für ihn ist es ein Vorteil, dass er so viele davon hat.

Facetten einer Botschaft

Christian Salmen und seine Musik

Zur Person
Christian Salmen aus Altbach mit dem Künstlernamen „Sinista“ produziert nach eigenen Angaben seit zehn Jahren Musik in Eigenregie.

Hörbeispiel
„Calidreams“ ist bei Spotify oder Youtube zu hören. Die Alben „G“ und „Dreamer“ sind erschienen. „Infinity“ ist auf der Zielgeraden. Zu hören auf Instagram unter https://www.instagram.com/sinista_music/?hl=de

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Esslingen Rap HipHop Musik Video