Zwei Streuobst-Enthusiasten haben in Hemmingen etwas Besonderes geschaffen: einen Luikensortengarten. Er gedeiht um einen rund 100 Jahre alten Apfelbaum – eine Rarität.
Für manchen Sportler ist die Teilnahme an Olympia das größte Ereignis. Matthias Braun ist kein Sportler – der kommende Samstag fühlt sich für ihn aber trotzdem schon jetzt „wie ein Olympia-Tag“ an, sagt der 56-Jährige aus Weissach. Ein Olympia-Tag mit für ihn gleich zwei Goldmedaillen.
Am 8. November wird in Hemmingen etwas Besonderes eröffnet. Geschaffen von Matthias Braun, umtriebiger Obstkundler und Hobbyhistoriker, und vom Landschaftsgärtner Eric Raasch. Beide verbindet die Liebe zum Streuobst, vor allem zu seltenen, historischen Apfelsorten. Zwischen dem Wengertweg und der Bahnlinie am Ortsausgang in Richtung Schwieberdingen hat das Duo einen Luikensortengarten angelegt. Was im März 2021 um einen rund 100 Jahre alten Apfelbaum – eine sortenreine Ur-Luike und in der Region eine Rarität – begann, ist in den Jahren seither gewachsen und nun fertig. Medaillenverdächtig.
Das Duo treibt die Erhaltung alter Obstsorten an
Das würdigen die Beteiligten mit einem Fest, zu dem auch die Vernissage einer Ausstellung mit Werken der Heidelberger Botanikmalerin Brigitte Hofherr gehört – quasi Goldmedaille Nummer zwei. Matthias Braun gerät ins Schwärmen. „Das ist eine wunderbare Kombination an dem Tag“, sagt der Experte für Obstkunde, Pomologe genannt: Brigitte Hofherr hat sich das „Anmalen gegen das Verschwinden der botanischen Arten“ auf die Fahne geschrieben. Auch den Luikenapfel hat sie auf ihren Bildern verewigt. So bleibt die Sorte vor den Augen erhalten.
Ähnliches treibt Matthias Braun und Eric Raasch an, die im Jahr 2018 das Projekt Sortenerhalt Hemmingen gegründet haben. Sie verbringen viel Zeit damit, unbekannte Sorten an uralten Bäumen zu bestimmen und neu zu entdecken, geeignete Reiser zur Veredelung auf einer Hochstammunterlage zu gewinnen und Sorten für die Erhaltung nachzupflanzen. Etwa auf dem Hauwiesle am Viehweg in Hemmingen, wo sie ein Kompetenzzentrum inklusive kleiner Baumschule eingerichtet haben. Ihr Wissen wollen sie weitergeben. Und mit dem Sortengarten entlang der Strohgäubahn die Luike wieder in den Fokus rücken, sie vor der Vergessenheit und dem Aussterben bewahren. Im Garten steht eine Infotafel, noch ist sie verhüllt.
„Die Luike war der Herz- und Seelenapfel des Württembergers“
Ziemlich viele Superlative fallen Matthias Braun mit Blick auf den Sortengarten ein. Er sei ein „Leuchtturmprojekt“, ein „pomologisches Highlight“, ein „pomologischer Edelstein“. Eine Rarität, die die wenigsten Kommunen hätten. „Für die Gemeinde ist der Garten ein Aushängeschild.“ Ohnehin sei Hemmingen der Ort der Nationalsorte von Württemberg: Matthias Braun erinnert gern daran, dass der Luikenapfel vor mehr als 150 Jahren in Württemberg weit verbreitet gewesen sei, quasi „ein Superstar der damaligen Zeit“. Rund ein Viertel aller Apfelsorten waren Luiken, die als wesentlicher Bestandteil der schwäbischen Mostkulturgeschichte gelten. „Die Luike war der Herz- und Seelenapfel des Württembergers“, sagt Braun. Und sie habe eine Vielzahl an Ortssämlingen hervorgebracht – eine weitere Besonderheit.
Eine Auswahl zeigt der Sortengarten. Der Teil in Hanglage zum Bähnle hin besteht aus zehn verschiedenen Luikentypen, unter anderem die Hemminger Blauluike, „ein Juwel des Strohgäus“. Die Gemeinde kaufte das Grundstück, nachdem Matthias Braun die Ur-Luike entdeckt hatte. Insofern ist der Garten ein Gemeinschaftsprojekt mit Hemmingen. Oberhalb, auf dem Privatgrundstück entlang der Straße, stehen ähnliche Bäume wie unten. Aber mit dem Unterschied, dass sie bereits nach drei bis fünf Jahren Früchte tragen und nicht erst nach acht bis zehn.
Verkostet werden Säfte und Schnäpse, Salami und Süßspeisen
Beim Fest am Samstag gibt es den Apfel nicht nur zu sehen, sondern auch zu schmecken: Als Säfte und Schnäpse, in Salami, Törtchen und Gelees. Matthias Braun hat sich mit den Hemminger Metzgern Walter und Yannik Schäufelin zusammengetan, die Wurst mit heimischem Obstler veredeln. Die Wimsheimer Konditorin Franziska Weiler aus dem Enzkreis verfeinert ihre süßen Leckereien mit Streuobst. Der Spitzenhof der Familie Ramsaier serviert Eis mit Destillat aus der Palmischbirne. Matthias Braun und Eric Raasch sind mit ihrem Engagement samt den Erzeugnissen längst über die Ortsgrenze hinaus bekannt.
Den Hemminger Bürgermeister Thomas Schäfer (CDU) freut’s. Er nennt das Duo Braun/Raasch, die sich mit ihrem jeweiligen Wissen perfekt ergänzten, „kongenial“. Er sei immer wieder beeindruckt, mit welcher Energie Matthias Braun das Thema Streuobst und Sortenerhalt bespiele, meint der Rathauschef. „Ihm gelingt es, für ein Thema zu begeistern, das auf den ersten Blick jetzt nicht unbedingt eine große Zielgruppe anspricht und vielleicht zunächst an den ‚bruddeligen schwäbischen Moschttrinker’ denken lässt.“ So habe Braun auch Raasch begeistert.
Dank seines „großen Netzwerks“ sei Matthias Braun nicht nur in Kontakt mit der Malerin Brigitte Hofherr gekommen. Er, Schäfer, finde es „toll“, wie der 56-Jährige generell verschiedene Akteure einbaue: „Mit dem Kindergarten werden Äpfel aufgelesen, dann wird gemeinsam Saft gemacht, die Kitas bekommen schließlich den Apfelsaft ‚Bag-in-box’, um zu zeigen, wie mühsam es ist, bis man sich den Saft schmecken lassen kann.“
Auch in Forscherkreisen ist das Projekt Sortenerhalt gefragt. Wegen des Klimawandels widmen sich Experten besonders den sehr spät blühenden und daher gut gegen Spätfröste geeigneten Luikentypen. Das Ziel ist es, robustere Apfelsorten zu züchten, die Frost besser vertragen. Umso mehr schätzt Matthias Braun den „Genpool vor Ort“, der zur Zukunft des Apfels beiträgt.
Ein Fest um den Apfel
Eröffnung
Der Luiken-Sortengarten wird am Samstag, 8. November, eingeweiht. Los geht es um 10 Uhr mit den Streuobstenthusiasten Matthias Braun und Eric Raasch sowie dem Bürgermeister Thomas Schäfer. Treffpunkt ist die Schwieberdinger Straße, rechts nach dem Bahnübergang. Um 11.30 Uhr wird im Rathaus die Ausstellung „Endangered portraits – historische Apfel- und Birnensorten“ eröffnet. Anschließend gibt es Luiken-Häppchen.
Filmabend
Bereits am Freitag, 7. November, 19 Uhr, läuft im Sitzungssaal des Rathauses der Film „Der Apfelmann“, gedreht von Sabine Willmann. Der Apfelmann, berichtet der Bürgermeister, sei ein „Marbacher Original, der über Jahrzehnte auf dem dortigen Wochenmarkt Äpfel verkauft hat, und den Frau Willmann dokumentarisch begleitet hat“. Sie hat in den 1980er Jahren die Ausbildung zum gehobenen Verwaltungsdienst in Hemmingen gemacht und später an der Filmakademie Ludwigsburg studiert. „Zwei der Imagefilme des Landes – so ‚Wir können alles außer Hochdeutsch’ – waren von ihr. Und mit ihrem Mann, der Filmkomponist ist, hat sie unseren Hemminger Imagefilm gedreht, ebenso eine filmische Schlossführung mit dem verstorbenen Ortshistoriker Walter Treiber“, erzählt Schäfer.