Rasenpflege – leicht gemacht Es ist nicht gut, so grün zu sein

Jede Mahd mit kreiselnden Mähern vernichtet auf dem Rasen viele Insekten, Spinnen und ihre Larven, wie kürzlich eine Studie zur Pflege von sogenanntem Straßenbegleitgrün eindrücklich gezeigt hat. Foto: Adobe Stock/Alexandr Vlassyuk

Für viele Menschen gehört zum Garten einfach eine Rasenfläche. Doch für Insekten und anderes Getier ist sie eine Wüste. Nun beginnen viele Gartenbesitzer umzudenken: Warum nicht ein bisschen mehr Ökologie wagen?

Sattes, gepflegtes, großflächiges Grün, das dem Auge wohltut – so stellt man sich einen englischen Rasen vor. Zweifellos ist eine solche Gartenanlage, kombiniert mit Blumenbeeten und sorgfältig zurechtgestutzten Zierbüschen, ein wohlgefälliger Anblick. Und sie signalisiert, dass sich die Besitzerin oder der Besitzer mit viel Liebe und beträchtlichem Aufwand um das Grün kümmert: Regelmäßig mähen, unerwünschte Pflanzen wie Gänseblümchen oder Löwenzahn entfernen, Moos gar nicht erst hochkommen lassen, im Sommer eifrig bewässern, ferner düngen, nachsäen und im Frühjahr vertikutieren.

 

Früher ließ der Adel diese Arbeiten standesgemäß seine Bediensteten verrichten – und zeigte damit aller Welt seinen Reichtum. Dabei waren und sind Rasenflächen noch in anderer Hinsicht ein Statement: Seht her, ich kann es mir leisten, den kostbaren Grund und Boden nicht für den Anbau von Nutzpflanzen, also die Ernährung, zu nutzen, sondern allein für die Optik. Die muss dann aber auch wirklich gepflegt und kostbar wirken: Nicht umsonst weist mancherorts das Schild „Betreten des Rasens verboten“ immer noch unverkennbar darauf hin, um welch kostbares Gut es sich dabei handelt. Das nutzt man dann nur zu wichtigen Ereignissen, für rauschende Gartenfeste zum Beispiel oder für eher exklusive Spiele wie Tennis oder Golf. Nun gut, auch Fußball findet meist auf Rasen statt. Doch auch das hat seinen Preis: In intensiv genutzten Stadien muss das Grün bis zu sechsmal im Jahr ausgetauscht werden.

Der Aufwand bei der Pflege ist groß

Inzwischen erleichtert allerdings die Technik die Rasenbearbeitung gewaltig, etwa wenn Mähroboter die Halme kurz halten. Doch nach wie vor ist der Aufwand groß, den manche Menschen bei der Rasenpflege betreiben, wie Christa Lung zu berichten weiß. Die Stuttgarterin hat ein Buch über den „perfekten Rasen“ geschrieben und berät zusammen mit ihrem Mann Gerhard Lung seit vielen Jahren bundesweit Kunden bei Problemen rund um das beliebte Grün. „Auf einer Messe hat mir eine Frau doch tatsächlich erzählt, dass sie auf dem Bauch liegend mit einer Nagelschere unbotmäßige Grashalme abschneidet“, plaudert Christa Lung aus dem Nähkästchen.

Auch die kommerzielle Rasenpflege wird immer perfekter, wozu die Wissenschaft allerhand beiträgt. So lässt sich heute die Ursache von rund 40 Rasenkrankheiten über genetische Analysen ermitteln, wie Gerhard Lung berichtet. Dies sagt dem Fachmann, welche Pilze oder Bakterien das Grün traktieren. Manchmal setzen aber auch Regenwürmer einem Rasen so massiv zu, dass er für eine sportliche Nutzung unbrauchbar wird. „Wir haben schon schubkarrenweise Würmer gesammelt und an anderer Stelle wieder ausgesetzt“, erinnert sich Gerhard Lung. Klar ist für Christa Lung, dass ein schöner, gepflegter Rasen etwas ist, „das dich in unserer schnelllebigen Zeit runterholen kann, einen ausgleichenden Effekt hat“. Doch sie stellt auch ein steigendes Ökobewusstsein ihrer Kunden fest. So wachse zum Beispiel das Interesse an Algenpräparaten als organischem Dünger. Dieser könne auch dazu beitragen, einen verfilzten Rasen aufzulockern, weil durch die Algen Mikroorganismen gefördert würden, die für die Bodenbearbeitung wichtig sind.

Gefundenes Fressen für Amseln: Regenwürmer

Vor allem der rasante Rückgang der Insekten lässt derzeit viele Gartenbesitzer nachdenklich werden. Schließlich ist es offenkundig, dass Rasenflächen eine ökologische Wüste darstellen – sieht man von den Regenwürmern im Boden ab, die für die Amseln ein gefundenes Fressen sind. Es gibt eben keine blühenden Pflanzen, die Bienen, Hummeln und Schmetterlingen Nektar liefern, und keine Blätter und lange Halme, die Insektenlarven Grünfutter und Überwinterungsquartiere bieten.

Und dann ist da noch der Klimawandel, der immer häufiger zu Trockenperioden führt. Selbst in Südengland wurde in diesem August das Rasensprengen verboten, also dort, wo das feuchte Klima den englischen Rasen eigentlich erst richtig gedeihen lässt. Bei fehlendem Wasser wird das satte Grün aber schnell braun. Ein robuster Gebrauchsrasen kann das immerhin noch halbwegs vertragen – dann müssen im Herbst notfalls stark geschädigte Stellen nachgesät werden. Auch die Saatgutbranche hat das Problem erkannt und arbeitet an der Züchtung von Grasvarianten mit höherer Trockentoleranz.

Doch all das führt zu der Frage: Muss es überhaupt ein gepflegter englischer Rasen sein? Gänseblümchen, Klee und Löwenzahn bringen bunte Tupfer ins Einheitsgrün und bieten den Insekten Nahrung. Zudem vertragen sie eine gewisse Trittbelastung. Eine solche beginnende Wiese sollte man dann auch seltener mähen und das Gras nicht mehr so kurz wie bisher abschneiden. Klar, wenn Kinder barfuß auf dem Grün spielen, dann stellt vor allem blühender Klee eine Gefahr da – schließlich können Nektar saugende Bienen empfindlich zustechen, wenn man auf sie tritt. Aber man kann ja auch mit Schuhen über den Rasen gehen.

Warum nicht eine bunte Wiese?

Ökologisch noch attraktiver ist es freilich, den Rasen in eine bunte Wiese mit einer vielfältigen Mischung aus blühenden Pflanzen zu verwandeln. Dabei muss nicht gleich die gesamte Grünfläche umgepflügt werden: „Es gibt immer irgendwo einen Teil des Rasens, den man zu einer Wiese umgestalten kann“, weiß Christa Lung. Das können beispielsweise Blühflecken am Rand oder runde Inseln mitten im Rasen sein.

Allerdings ist ein solches Wiesenstück nur sehr eingeschränkt begehbar und bietet auch keinen Platz für den Liegestuhl. Also sollte man sich über mögliche Wege Gedanken machen. Zudem ist zunächst einmal Arbeit angesagt, schließlich muss die ursprüngliche Rasenfläche so vorbereitet werden, dass sich eine blühende Pflanzenvielfalt entwickeln kann. Dies bedeutet, dass der Rasen entfernt und der zuvor regelmäßig gedüngte Boden abgemagert werden sollte – was in der Regel durch die Zugabe von Sand erfolgt. Auf die so aufbereiteten Flächen wird dann eine Blumenwiesen-Saatgutmischung aufgebracht.

Aushalten muss man freilich, dass es durchaus unterschiedliche Meinungen der Fachleute gibt. Und einigermaßen ratlos ist man auch, wenn man schon einmal im Gartenmarkt den Inhalt der dort reichlich angebotenen Saatgutmischungen studiert hat. Da wetteifern schöne bunte Blumenbilder auf den Samentütchen und klingende Namen wie „Bienenweide“ oder „insektenfreundlich“ um die Gunst der ökologisch orientierten Kundschaft. Doch nur allzu oft fehlt eine Liste der in der Mischung enthaltenen Pflanzenarten. Und wenn, dann sind meist nur die botanischen Namen aufgeführt. Da helfen nur Fachbücher oder das Internet weiter.

Disteln entfernen? Moment!

Auch über die Pflege der ausgesäten Mischungen gibt es differierende Ansichten. Klar ist, dass im Jahr der Aussaat bei Trockenheit ausreichend gegossen werden sollte. Aber ob man angeblich unerwünschte Pflanzen wie etwa Disteln unbedingt entfernen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Auch Disteln blühen wunderschön – und ihre Samen sind im Winter für Distelfinken willkommene Leckerbissen.

Hilfreich kann bei der Einrichtung und Pflege solcher Wieseninseln sein, sich ein paar grundsätzliche Gedanken über die Biologie von Pflanzen und Insekten zu machen. Dann kommt man schnell zu dem Schluss, dass einheimische Arten am besten geeignet sind. Cosmea etwa, die sehr treffend auch Schmuckkörbchen genannt werden, sehen zwar hübsch aus, aber sie kommen natürlicherweise bei uns in keiner Wildblumenwiese vor. Und Rosa Nachtkerze (Oenothera speciosa), die sich ebenfalls in manchen als tierfreundlich angepriesenen Blühmischungen finden, kann für die netten, kolibriartigen Taubenschwänzchen sogar zum tödlichen Verhängnis werden. Diese Schmetterlinge können sich mit ihrem langen Rüssel in den Blüten verfangen und dann nicht mehr loskommen. Demgegenüber sind beispielsweise die großen weißen Dolden der Wilden Möhre (Dauca carota) für viele Insekten sehr attraktiv, und zwar nicht nur für Honigbienen und Hummeln, sondern auch für Wildbienen, Käfer und Schwebfliegen. Und der Natternkopf (Echium vulgare) ist ein wahrer Alleskönner: Studien zufolge ist er für mindestens 39 Wildbienen, 76 Schmetterlinge und sechs Käfer nützlich. Am besten ist man immer noch mit regionalem Saatgut bedient, wobei Naturfreunde den Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten als mögliche Bezugsquelle empfehlen. Bedenkenswert ist auch der Rat, gezielt Samen nicht geschützter Wildblumen zu kaufen oder sie selbst in freier Natur einzusammeln und sie dann in das Wiesenstück im Garten auszusäen. Ökologisch vorteilhaft sind dabei mehrjährige Pflanzen.

Wilde Möhre? Rechnen Sie mit einem Meter Höhe

Allerdings muss man sich im Klaren darüber sein, dass solche Arten wie etwa die Wilde Möhre durchaus einen Meter und höher werden können, also recht dominierend sind. Und es wäre dann auch nicht sinnvoll, sie abzumähen. Wobei die Empfehlungen der Fachleute für Zeitpunkte und Häufigkeit der Mahd ohnehin deutlich voneinander abweichen. Im ersten Jahr gar nicht mähen – oder doch gleich als sogenannter Schröpfschnitt im Juni, um (angeblich) unerwünschte einjährige Unkräuter wie etwa das Hirtentäschel zu entfernen? Ein- oder zweimal pro Jahr mähen – und wann dann am besten? Auch hier helfen biologische Überlegungen weiter. Einleuchtend ist, dass sich die Pflanzen bis zur Samenreife entwickeln können müssen, wenn sie sich auf Dauer halten sollen. Darüber hinaus vernichtet jede Mahd mit konventionellen kreiselnden Mähern viele Insekten, Spinnen und ihre Larven, wie kürzlich eine Studie zur Pflege von sogenanntem Straßenbegleitgrün eindrücklich gezeigt hat.

Am besten – gar nicht mähen

All das führt zu dem Schluss, dass man Blühwiesen am besten gar nicht mäht und sie über den Winter stehen lässt. Wenn es dann im Frühjahr wieder warm wird, kann man die unansehnlichen Stängel ja abmähen, sollte sie aber noch ein paar Tage liegen lassen. So haben eventuell darin überwinternde Tiere die Gelegenheit, das Weite zu suchen. Zugegeben, das setzt eine gewisse optische Leidensfähigkeit voraus. Aber die ökologischen Vorteile bescheren ein gutes Umweltgewissen. Und die Vielfalt der Insekten, Spinnen und anderen Tiere, die sich an einer solchen natürlichen Blumenwieseninsel einstellen, muss jedem biologisch interessierten Menschen einfach Freude machen. Zumal auch die von Jahr zu Jahr unterschiedlichen Wildblumen botanische Abwechslung bieten.

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