Filderauffahrt in Stuttgart Gefährliche Rennpiste abseits der Stadt

Von Wolf-Dieter Obst 

Jetzt, wenn das Wetter wieder schön und sonnig wird, gehen die Rennen wieder los auf der Hedelfinger Filderauffahrt. Die Polizei ist hier seltener Temposündern auf der Spur.

Ein Wrack im Wald: Einer von mehreren spektakulären Unfällen auf der Hedelfinger Filderauffahrt. Foto: 7aktuell.de/Alexander Hald
Ein Wrack im Wald: Einer von mehreren spektakulären Unfällen auf der Hedelfinger Filderauffahrt. Foto: 7aktuell.de/Alexander Hald

Stuttgart - Die Gimmel-Kurve ist das Maß aller Dinge, wenn es um Unfälle auf der Hedelfinger Filderauffahrt geht. Oberhalb oder unterhalb dieser Kurve? Das ist die Information, die Polizei und Rettungskräfte brauchen, wenn sie zum Unglücksort ausrücken. Die 180-Grad-Kehre in Lederberg ist die Stelle, nach der eilige Autofahrer aufs Gaspedal treten können – immer wieder mit schweren Folgen. Warum die Kurve überhaupt Gimmel-Kurve heißt, wird sich der 42-jährige BMW-Fahrer nicht gefragt haben, als er vor wenigen Tagen sonntagsfrüh talwärts fuhr. Unterhalb der Kehre war er in der letzten Kurve vor Hedelfingen unterwegs, als er die Kontrolle über seinen Wagen verlor – und eine Böschung hinabschlitterte. Der Wagen schlug eine 50 Meter lange Schneise in den Wald und blieb dann liegen.

Die „lauten Geschosse“ sind unüberhörbar

Der Fahrer konnte sich selbst aus dem Wrack befreien und die Polizei alarmieren. Die stellte als Unfallursache überhöhte Geschwindigkeit und Alkoholbeeinflussung fest. „Mit einem sehr deutlich hohen Promillewert“, sagt Polizeisprecherin Monika Ackermann. Der Mann erlitt schwere Verletzungen. Der Schaden: etwa 30 000 Euro.

Für die Anwohner ist der Unfall nicht verwunderlich: „Die rasen wie die Bekloppten“, formuliert es eine Anwohnerin aus der Rohrackerstraße. Vor allem bei schönem Wetter gebe es Rennen. Und man hört Fahrzeuge mit extra großen und lauten Auspuffen. Die Tempolimits von 60 talwärts und 80 bergwärts würden von den „lauten Geschossen“ selten eingehalten, Überholmanöver seien an der Tagesordnung. „Tempomessungen der Polizei gibt es selten“, sagt sie.

Blitzen vertreibt Motorradfahrer

Dabei bekäme die Polizei durchaus etwas zu sehen. Polizeisprecherin Ackermann weiß von einer Beobachtung zweier Raureiter drei Tage vor dem BMW-Unfall, als ein 39 Jahre alter VW-Fahrer vor ihnen trotz Verbots überholte. Sie fertigten sogleich eine Anzeige. Eine Woche zuvor war ein 32 Jahre alter Autofahrer bei Schneeregen zu schnell bergwärts unterwegs und baute alleinbeteiligt einen Unfall mit 6000 Euro Schaden.

Vielleicht wäre ja alles anders, wenn nach jahrzehntelanger Planung im Osten Stuttgarts endlich einmal eine Filderauffahrt gebaut würde, die das Neckartal und die B 10 oben mit den Fildern und der Autobahn direkt und teils untertunnelt verbindet. So aber beobachtet ein 65 Jahre alter Anwohner an der Gimmel-Kurve immer wieder Raser auf der Rennstrecke. „Vor allem jetzt in der Frühjahrszeit rasen Motorräder lautstark rauf und runter“, sagt er. So etwas hört man deutlich nachts um 1 oder 2 Uhr – trotz Schallschutzfenster. Da dröhnen die Motoren bis von Heumaden herunter. Einmal sei er nachts an der Gimmel-Kurve gestanden und habe mit seinem Fotoblitz herumgeblitzt. „Dann war für diese Nacht Ruhe“, sagte der erboste Anwohner.

Warum heißt die Kurve Gimmel-Kurve?

Das Blitzen ist freilich nur der Polizei oder der städtischen Verkehrsüberwachung erlaubt. Doch die sind eher selten mit Tempomessgeräten an der Strecke. Einzelne Messungen mit der Laserpistole liegen bereits Monate zurück. „Nach den Statistiken ist die Strecke kein Unfallschwerpunkt“, begründet dies Polizeisprecherin Ackermann. Da gebe es im Bereich Gaisburger Brücke im Osten oder auf dem Österreichischen Platz in der Innenstadt weitaus mehr Karambolagen. Auf der Hedelfinger Filderauffahrt aber gebe es pro Jahr lediglich zwischen zwei und fünf Verkehrsunfälle mit Verletzten. Wobei die Polizei manchmal über Verletzungen gar nichts weiß: Am Tag vor Heiligabend 2018 geriet ein Ford Focus bergwärts nachts von der Strecke und stürzte eine Böschung hinunter. Vom Fahrer fehlte jede Spur. Wurde er überhaupt gefunden? „Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen“, sagt Polizeisprecherin Ackermann.

Die Ermittlungen über die Herkunft des Namens Gimmel-Kurve sind erfolgreich gelaufen. Wie Lederberger berichten, stand dort bis in die 60er ein Tante-Emma-Laden, betrieben von einer Frau Gimmel. Vielleicht würde ein solcher Laden heute gegen Raser helfen – als Raststation mit Aussicht.

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