Raser-Unfall Beim Fußballschauen ist der Papa immer noch dabei

Aniko S. hat bei dem Unfall vor zwei Jahren ihren Mann und den Vater ihrer beiden Kinder verloren. Foto: Brigitte Fritz-Kador

Zwei Jahre sind seit einem Raser-Unfall in Heilbronn vergangen. Der Täter ist wegen Mordes verurteilt. Doch noch ist der Fall juristisch nicht abgeschlossen.

Der Februar ist ein schlimmer Monat für Aniko S. Am Mittwoch, 12. Februar, hat sich zum zweiten Mal der Tag gejährt, an dem ihr Mann totgefahren wurde. Am 25. Februar wäre er 45 Jahre alt geworden. Auch Weihnachten und der Jahreswechsel waren wieder schwierig. Für sie, die beiden Kinder, obwohl sie sich von der Familie, Freunden, Nachbarn, Arbeitskollegen und in der Schule gut aufgefangen fühlen.

 

Silvester 2022/23 hatte ihr Mann noch versprochen: „Das wird unser Jahr.“ 42 Tage später ist alles anders. Der „Raser-Unfall“ in der Wollhausstraße, als der 20-jährige Yasin H. mit fast 100 Kilometer die Stunde in das Auto der junge Familie kracht, ändert schlagartig ihr Leben.

Die Nachwirkungen halten bis heute an. Auch vielen Menschen in Heilbronn ist der Unfall und der Prozess noch präsent. Das Urteil „Mord“ wurde als gerecht empfunden, die akribische Prozessführung von Richter Alexander Lobmüller gelobt. Inzwischen sitzt Lobmüller für die CDU im Gemeinderat.

Die Zuwendung, die Aniko S. und ihrer Familie bis heute zuteil wird, erleichtert manches. Abgesehen von einer Sehstörung sind die körperlichen Verletzungen verheilt. Die seelischen Wunden nicht. Sie und die Kinder sind immer noch in psychologischer Behandlung. Allein die Schilderung, wie diese sich bemühen, den Papa am Leben zu halten, spricht Bände. Der Sohn (6), gerade schulpflichtig, schaut sich Fußballspiele im Fernsehen immer noch mit dem Vater an seiner Seite an. Abends vermutet er ihn auf dem hellsten Stern am Himmel. Seinen Freunden rät er, gut auf ihren Papa aufzupassen.

In den Worten von Aniko S. ist nichts von Rache zu spüren

Diese Angst vor dem Nichtwiederkommen beherrscht auch die Schwester (9), selbst dann, wenn die Mama nur kurz weg ist. Sie macht ihre Verlustängste und ihren Kummer mit sich selbst aus, „manchmal wird sie da auch bockig“, sagt die Mutter.

In den Worten von Aniko S. ist nichts von Rache oder Hass zu spüren, aber Genugtuung darüber, dass das Urteil auf „Mord“ lautete. Die Verteidigung des Täters hat Revision eingelegt. Erst wenn die rechtliche Aufarbeitung abgeschlossen sei, werde es ihr möglich werden, nur noch zu trauern, sagt Aniko S. Noch geht sie fast jeden Tag an der Unfallstelle vorbei. Sie arbeitet inzwischen wieder in Teilzeit. Am Geburtstag ihres Mannes hat sie sich frei genommen. Sie wird dann allein auf den Friedhof gehen und hier lange verweilen.

Vielleicht wäre ihr manches leichter gefallen, wenn von Täterseite an einem der mehr als 20 Prozesstagen ein Zeichen von Mitgefühl oder Bedauern gekommen wäre. Die Eltern des Täters würdigten sie keines Blicks. Zeitweise war auch der Bruder des Täters im Gerichtssaal anwesend, ihm wurde wegen Raserei und anderer Verkehrsdelikte für vier Jahre den Führerschein entzogen. Ein Statement ist wohl auch, dass der Vater den Unfallwagen durch einen Neuwagen mit sehr viel mehr PS ersetzte, das alte Kfz-Kennzeichen aber beibehielt.

Das alles will Aniko S. aushalten, für ihre Kinder, für ihren Mann und sie will auch in Heilbronn bleiben. Anwalt Christoph Troßbach, der die versicherungsrechtliche Seite aufarbeitet, ist zuversichtlich, dass die materielle Zukunft der Familie halbwegs aufgefangen wird. Elisabeth Unger-Schnell, ihrer Anwältin im Strafprozess, ist es immer noch unverständlich, warum die Unfallermittlungen bei der Verkehrspolizei verblieb und nicht der Kripo überlassen wurde. Und warum die Staatsanwaltschaft zunächst nur auf Totschlag klagte.

Noch offen ist, wie der BGH in Karlsruhe den Revisionsantrag der Verteidigung von Yasin H. behandelt. Er wurde nach Jugendstrafrecht zu neun Jahren verurteilt, sitzt aber weiter in Untersuchungshaft.

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