Ludwigsburg „Komplett erschütterte Familie“ – Angehörige leiden unter Raserprozess

, aktualisiert am 09.01.2026 - 13:25 Uhr
Benan Ergün verlor im März 2025 seine Cousine. Er hofft, dass ein Urteil ihm und seiner Familie dabei hilft, mit der Trauer abzuschließen. Foto: KS-Images.de/privat

Der Mordprozess fordert die Familien der Opfer stark. Benan Ergün, Cousin der verstorbenen Selin, schildert seine Gefühle – und seinen Ärger über die Briefe des Angeklagten.

Abends nach einem Prozesstag ist es für Benan Ergün und die anderen Familienmitglieder der verstorbenen Selin (22) und Merve (23) am schlimmsten. „Da kommt alles, was im Prozess und bei dem Unfall passiert ist, immer wieder hoch, und es gibt keine Möglichkeit, sich irgendwie abzulenken.“

 

An solchen Abenden, an denen der Kopf nicht aufhört zu rauchen, würden die Angehörigen regelmäßig miteinander telefonieren, um sich auszutauschen und mit den Gedanken nicht allein zu sein, berichtet Ergün. Bevor die Gerichtsverhandlung wegen Mordes und versuchten Mordes in den kommenden Wochen weitergeht, gibt der Cousin von Selin Einblicke in das Seelenleben der Familien.

Vor dem Beginn der Hauptverhandlung am Landgericht Stuttgart. Foto: Kovalenko/Lichtgut

Monatelang Tränen

Es war ein für Außenstehende wohl kaum nachzuvollziehender Schock, als zwei Polizeibeamte am Abend des 20. März vergangenen Jahres gemeinsam mit einer Schwester von Selin in deren Elternhaus kamen und den erschütterten Eltern die Nachricht vom Tod der 22-Jährigen überbringen mussten. Noch in derselben Nacht wurde die gesamte Verwandtschaft informiert. „Es kamen Angehörige auch aus Pforzheim und Karlsruhe, das ganze Haus war voll“, erinnert sich Benan Ergün.

Es sei sehr, sehr still gewesen, alle hätten geweint. Drei bis vier Monate habe es gedauert, ehe man sich nicht mehr jeden Tag getroffen habe, um gemeinsam zu trauern und den Verlust auszuhalten.

Seit Anfang Dezember versucht die 19. Große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart, die Vorfälle vom 20. März vergangenen Jahres aufzuklären und die strafrechtlichen Verantwortlichkeiten festzustellen. Zwei Brüder im Alter von 32 und 34 Jahren sowie ihr 25-jähriger Cousin sitzen auf der Anklagebank.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft lauten auf Mord in zwei Fällen sowie auf ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge. Nach den Ermittlungen der Anklagebehörde sollen sich die drei Angeklagten am Tattag mit ihren hochmotorisierten Fahrzeugen ein Beschleunigungsrennen geliefert haben.

„Nicht provozieren lassen“

Sie seien durch die Ludwigsburger Innenstadt gerast, durch die Bahnhofsunterführung und zuletzt über die Schwieberdinger Straße. Mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde sei es schließlich zum Zusammenstoß mit dem Auto von Merve gekommen, die gerade von einer Tankstelle auf die Schwieberdinger Straße gefahren war.

Unfallverursacher soll der 32-jährige Angeklagte gewesen sein, der sich mit seinem Bruder das Tempoduell geliefert habe. Der 25-Jährige soll laut Anklage in einem dritten Fahrzeug gesessen und das Rennen gefilmt haben.


Benan Ergün hatte die Idee, den Frankfurter Rechtsanwalt Fatih Zingal zu engagieren, der die Familie von Selin als Nebenkläger vertritt. „Ein Freund hatte ihn empfohlen, er hat Erfahrung in solchen Prozessen“, erklärt der 25-Jährige. Rund sechs bis acht Wochen nach dem Unfall habe man sich in Frankfurt getroffen, um sich persönlich kennenzulernen.

„Er hat uns erklärt, was uns im Prozess voraussichtlich erwartet, und uns geraten, uns nicht von der Gegenseite provozieren zu lassen“, sagt Benan Ergün. Anwalt Zingal erinnert sich an eine „komplett erschütterte Familie“. Er habe oft nur wenige Sätze sagen können, dann seien immer wieder Tränen geflossen.

„Wenn er angeblich so oft an die Familien der Opfer denkt, warum hat er uns dann nie einen Brief geschrieben?“

Benan Ergün, Cousin der getöteten Selin

Jeden einzelnen der bisher sechs Prozesstage haben die Angehörigen beider Familien besucht. „Wir wollen die Familien stärken“, erklärt Benan Ergün und ergänzt: „Wir wollen aber auch verstehen, wie es zu diesem Drama kommen konnte. Aber das ist schwer.“

Besonders bitter seien für Angehörige und Freunde jene Prozesstage gewesen, an denen vom Gericht beschlagnahmte Briefe des Hauptangeklagten verlesen wurden. In diesen habe der mutmaßliche Raser seiner Verlobten Einblicke in sein Seelenleben gegeben und geschildert, wie schlecht es ihm nach der Tat und während der Haft gehe. Viele Prozessbeobachter verließen tränenüberströmt den Gerichtssaal.

Benan Ergün hält die Briefe und deren Verlesung für ein rein taktisches Manöver des Angeklagten. „Wenn er angeblich so oft an die Familien der Opfer denkt, warum hat er uns dann nie einen Brief geschrieben?“, fragt er.

Hoffnung auf schnelles Ende

Auch am kommenden Montag und an den weiteren Prozesstagen, die derzeit bis zum 7. April geplant sind, wollen Benan Ergün und die Angehörigen der Familien das Verfahren weiter verfolgen – selbst wenn es wehtut.

Sie hoffen auf möglichst hohe Strafen für die drei Angeklagten. Und sie haben einen großen Wunsch: „Auch wenn es bei diesem Prozess zu einer Revision kommt, soll es möglichst schnell zu Ende gehen, damit wir mit dieser Sache abschließen können“, erklärt er.

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