Die Angeklagten hatten sich vor dem Unfall darüber gefreut, ein PS-starkes Auto endlich angemeldet zu haben. Foto: KS-Images.de/Andreas Rometsch
Am neunten Tag des Ludwigsburger Raserprozesses haben sich zwei der Angeklagten über ihre Anwälte zu den Tatvorwürfen geäußert. Das Urteil könnte nun früher als geplant fallen.
Henning Maak
27.01.2026 - 16:26 Uhr
Das Schluchzen einiger Angehöriger in dem sonst mucksmäuschenstillen Sitzungssaal des Stuttgarter Landgerichts ist deutlich zu vernehmen, als Rechtsanwalt Andreas Baier für seinen 35 Jahre alten Mandanten eine Erklärung abgibt, auf die so viele im Saal so lange gewartet haben.
Er sei am 20. März vergangenen Jahres so glücklich gewesen, da er sein Traumauto endlich habe zulassen können. „Es stand für so vieles, was mein Bruder und ich uns aufgebaut haben“, verlas der Verteidiger im Namen seines Mandanten. „Euphorisch“ seien sie beide durch die Ludwigsburger Innenstadt gefahren. Es sei zu Renn-Situationen gekommen, jedoch ohne Zielpunkt, sie hätten immer mal wieder beschleunigt. „Wir haben schlicht gepost“, führte der Anwalt weiter aus und räumte damit indirekt den Anklagevorwurf des verbotenen Kraftfahrzeugrennens ein.
Handeln sei von Übermut undSelbstüberschätzung geprägt gewesen
Den von seinem Bruder verursachten Unfall habe er aus etwa 50 Meter Entfernung beobachtet. Sein Bruder habe massiv geweint, er habe erfolglos versucht, die zwei Frauen aus ihrem Auto zu befreien. „Seit neun Monaten sitze ich in Untersuchungshaft, seit dem ersten Tag kreisen meine Gedanken um die beiden Opfer und ihre Familien“, ließ der Angeklagte über seinen Anwalt weiter verlesen. Rückblickend sei es unverständlich, warum er damals so gehandelt habe. Er sei überzeugt gewesen, sein Fahrzeug jederzeit auch bei höheren Geschwindigkeiten im Griff zu haben. Das sei eine irrige Annahme gewesen. „Mein Verhalten war von Übermut und Selbstüberschätzung geprägt“, entschuldigte sich der 35-Jährige über seinen Anwalt.
Er sei bereit, Verantwortung für sein Handeln über diesen Prozess hinaus zu übernehmen, auch wenn er wisse, dass weder Geld noch Worte den Verlust wettmachen könnten. Sein Anwalt werde sich jedoch an die Anwälte der Nebenklage wenden, um anzubieten, alles zu tun, was für die Angehörigen hilfreich sein könne.
Angeklagter schildert: „Alle haben vor Angst geschrien“
Auch der 25-jährige Cousin der beiden Brüder ließ über seinen Verteidiger Frank Theumer eine Erklärung verlesen. Alle hätten sich am 20. März über die Anmeldung des neuen Autos des 35-Jährigen gefreut. Er habe mit seinem Auto, das nur 220 PS habe, den beiden anderen Limousinen mit 500 PS nicht folgen können. Er habe nur gesehen, wie der 35-Jährige vor der Tankstelle noch gebremst habe, er sei ausgewichen, dann sei es „zu einem lauten Knall“ gekommen. „Alle haben vor Angst geschrien“, führte Rechtsanwalt Theumer weiter aus.
Er sei dann zuerst zu dem 35-Jährigen gerannt, dieser habe bewusstlos gewirkt und sei nicht ansprechbar gewesen. Er sei dann zum Auto der beiden Frauen gelaufen, um diese rauszuholen. „Ich habe sogar versucht, die Scheiben rauszureißen“, sagte Theumer für seinen Mandanten, was erneut zu Tränen und Schluchzen im Gerichtssaal führte.
Auch Uwe Böhm, der Verteidiger des 32-jährigen Unfallverursachers, kündigte eine Erklärung seines Mandanten zu den Tatvorwürfen an. Stellung wollte keiner der Prozessbeteiligten zu den Erklärungen nehmen – zumal auch Nachfragen von den Verteidigern ausgeschlossen wurden.
Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann gab dem 35-Jährigen dennoch eine Frage mit auf den Weg: „Warum hat es so lange gedauert, bis Sie sich der Polizei gestellt haben?“, wollte er wissen. In die gleiche Richtung zielte die Frage von Rechtsanwalt Fatih Zingal, der eine der Opferfamilien vertritt: „Warum kommt diese Einlassung so spät, nachdem wir schon so viele Zeugen gehört haben?“, fragte er.
Zeuge bemerkte Qualm und Brandgeruch an roter Ampel
Auch wenn einige Fragen offen blieben, könnte der neunte Prozesstag doch zu einer entscheidenden Weichenstellung beigetragen haben: Sowohl die Verteidiger als die Vertreter der Nebenklage kündigten an, noch die Sachverständigen hören zu wollen, auf weitere Zeugen aber zu verzichten. Damit könnte der Prozess deutlich abgekürzt werden und früher enden als wie bisher geplant Anfang April.
Am neunten Prozesstag wurden jedoch noch weitere Zeugen gehört, die schon geladen und erschienen waren. Sie alle berichteten von der auffälligen Fahrweise der hochmotorisierten Limousinen im Innenstadtbereich. So erinnerte sich eine 26-jährige Frau, dass sie an einer roten Ampel „unangenehm eng“ überholt worden sei.
Kurz darauf hätten sich die Autos immer wieder überholt und seien dabei auf die Gegenfahrbahn ausgewichen, entgegenkommende Fahrzeuge hätten mit der Lichthupe reagiert. Ein 35-jähriger Ingenieur hatte die Autos an einer Ampel stehen sehen und Qualm und Brandgeruch wahrgenommen. „Da waren einige Fahrzeugteile stark belastet“, meinte er fachkundig.
In diesem Prozess, in dem die Anklage unter anderem auf Mord und verbotenes Kraftfahrzeugrennen lautet, sind derzeit noch neun weitere Verhandlungstage geplant. Der nächste ist am 3. Februar.