Raserprozess Ludwigsburg Übergriffigkeit, die wütend macht – Opfer-Familien werden online verunglimpft

Die Anteilnahme in Ludwigsburg ist hoch, im Internet schlägt diese in respektlose Einmischung um. Foto: Simon Granville

Angehörige von Merve und Selin geraten auf Social Media ins Visier selbsternannter Moralwächter. Was als Meinung oder Anteilnahme daherkommt, ist nichts anderes als blanke Anmaßung.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Was sich in dieser Woche in einigen Facebook-Kommentarspalten abspielt, ist an Übergriffigkeit kaum zu überbieten. Fremde Menschen verlieren im digitalen Raum jedes Gefühl für die Grenze zwischen berechtigter Anteilnahme und anmaßender Verurteilung. Sie stilisieren sich im Internet zu moralischen Instanzen – und übersehen dabei, was sie trauernden Familien damit antun.

 

Doch von vorne. Während des jüngsten Prozesstages im Ludwigsburger Raserprozess wurde bekannt, dass die Familien der verstorbenen Merve und Selin ein Geldangebot der Angeklagten in Höhe von rund 70.000 Euro angenommen haben. Die Familien haben das als „fortgesetzte Bemühung um Wiedergutmachung“ anerkannt. Es war klar kommuniziert, dass diese Zahlung kein Täter-Opfer-Ausgleich ist – der bei der Anklage Mord auch gar nicht möglich gewesen wäre.

Cousin fühlt sich gezwungen, Statement abzugeben

Doch anstatt die zahlreichen journalistischen Einordnungen zu diesem Thema zur Kenntnis zu nehmen, begnügen sich viele Facebook-Nutzer, wie so oft, mit Schlagzeilen – und stürzen sich anschließend kopfüber in die Kommentarspalten. Dort verbreiten anonyme wie auch klar erkennbare Nutzer die Erzählung, die Familien hätten sich aus Gier „kaufen lassen“. Wer Geld annehme, so der Tenor, entwürdige die Opfer. Auf konkrete Zitate aus diesen Kommentarspalten wird an dieser Stelle bewusst verzichtet.

Es macht wütend, zu sehen, dass sich Benan Ergün, ein Cousin von Selin, überhaupt genötigt sieht, auf derartige haltlose Angriffe zu reagieren. In einer Stellungnahme stellt er klar, dass der Geldbetrag weder eine Entschuldigung darstellt noch in irgendeinem Zusammenhang mit einer möglichen Strafmilderung steht. Vielmehr diene das Geld dazu, ganz konkrete Folgen der Tat abzufedern – etwa Beerdigungskosten, Gerichtsausgaben oder den Verdienstausfall der Eltern wegen Arbeitsunfähigkeit.

Reine Selbstdarstellung

Diese Angriffe auf die Familien sind nicht einfach nur ein weiteres Beispiel für die rohe und empathielose Umgangsform in sozialen Medien – es ist ein neues Niveau digitaler Grenzüberschreitung und digitaler Gewalt.

Fremde Menschen maßen sich an, Eltern, Geschwistern und Angehörigen vorzuschreiben, wie „richtige“ Trauer auszusehen hat. Sie kennen weder die emotionalen noch die finanziellen oder juristischen Umstände – und urteilen dennoch mit großer Selbstgewissheit aus der Distanz.

Überhaupt ist diese zur Schau getragene Moral kaum auszuhalten. Wohl die meisten Kommentatoren können einen derartigen Verlust in keiner Weise nachempfinden, haben aber scheinbar die richtige, unantastbare Wahrheit parat. Diese Kommentare spielen eine Anteilnahme nur vor, sind aber nichts anderes als reine Selbstdarstellung.

Wer glaubt, Trauer bewerten und moralisch vermessen zu können, überschreitet eine Grenze – auch im digitalen Raum. Echtes Mitgefühl zeigt sich nicht in lautstarken Urteilen, sondern im Respekt vor dem, was man selbst nicht begreifen kann.

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