Rassismus-Debatte im Stuttgarter Stadtteil Das Möhringer Wappen beschäftigt auch die Politik

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Die Petition zur Änderung des Wappens von Stuttgart-Möhringen hat fast 9000 Unterstützer. Der Grund: Darauf ist eine dunkelhäutige Frau mit üppigen roten Lippen, krausem Haar und großen Kreolen-Ohrringen zu sehen. Nun gibt es einen interfraktionellen Antrag im Gemeinderat.

Offenbar stören sich zahlreiche Menschen an der Darstellung der afrikanischen Frau im Möhringer Wappen. Foto: Ulrich Gohl
Offenbar stören sich zahlreiche Menschen an der Darstellung der afrikanischen Frau im Möhringer Wappen. Foto: Ulrich Gohl

Möhringen - Die Online-Petition schlägt hohe Wellen. Aufgesetzt hat sie Okan Alaca. Er fordert, dass die Darstellung der Mohrin im Möhringer Wappen abgeändert wird – als klares Zeichen gegen Rassismus. Das Bild der Frau mit üppigen roten Lippen, krausem Haar und großen Kreolen-Ohrringen in einem der vier Felder des Wappens erinnere an die Darstellung farbiger Menschen aus der Kolonialzeit und habe eine „klare rassistische Konnotation“, kritisiert Alaca. Das abwertende Bild sei sofort abzuschaffen. Mittlerweile haben fast 9000 Menschen die Online-Petition unterzeichnet.

Arbeitsgruppe befasst sich bereits mit dem Wappen

Das Thema beschäftigt auch die Politik. Die Fraktion Linke-SÖS-Piraten-Tierschutzpartei, die SPD und die Puls-Fraktionsgemeinschaft im Stuttgarter Gemeinderat haben einen interfraktionellen Antrag aufgesetzt, in dem sie fordern, die rassistische Darstellung im Stadtbezirkswappen von Möhringen auszutauschen. „Die aktuellen Debatten und #BlackLivesMatter-Demonstrationen gegen Rassismus in Stuttgart und in vielen anderen Städten haben deutlich gemacht, dass Rassismus nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland ein Problem sind“, heißt es in dem Antrag. Es sei wichtig, nicht nur den Blick auf die Vereinigten Staaten zu werfen, sondern eigene rassistische Vorurteile und Fehler aufzuarbeiten. Die Debatten der vergangenen Wochen hätten „ein Fenster geöffnet“, sagt Stadtrat Luigi Pantisano (Die Fraktion). „Jetzt ist die Zeit, über Rassismus zu diskutieren.“ Dass das Thema kein rein amerikanisches ist, sondern auch in Stuttgart viele Menschen beschäftigt, zeigten der hohe Zulauf zu den Black-Lives-Matter-Demonstrationen ebenso wie die große Unterstützung der Online-Petition.

Die Fraktionen begrüßen, dass sich in Möhringen bereits eine Arbeitsgruppe mit dem Wappen befasst. Es gelte, diese Gruppe bei der Aufarbeitung der Historie und der Neugestaltung des Wappens zu unterstützen. „Die Diskussion über eine Änderung des Wappens muss vor allem auch vor Ort stattfinden“, finden die Antragsteller.

Darstellung geht wohl auf falsche Interpretation zurück

Dass überhaupt eine afrikanische Frau im Stadtbezirkswappen abgebildet ist, beruht vermutlich auf einer Fehlinterpretation. Möhringen leitet sich nicht von „Mohr“ ab, sondern bezieht sich auf den alemannischen Sippennamen „Mor“ oder „Moro“. Es waren also Angehörige dieser Sippe, die in der Ortschaft wohnten, und keine Bewohner des afrikanischen Kontinents. In den ersten urkundlichen Erwähnungen der Gemeinde ist von Moringen oder Mohringen die Rede. 1291 ist erstmals die Schreibweise Möhringen belegt.

Die Darstellung kann man zudem als „sprechendes Wappenbild“ deuten. Vermutlich im 19. Jahrhundert wurde der Kopf dem Wappen hinzugefügt, um den Menschen den Ortsnamen bildlich darzustellen. Das Wissen darum, dass der Name auf die Sippe Moros zurückgeht, war wohl zwischenzeitlich verloren gegangen, und so ging der Zeichner fälschlicherweise davon aus, dass „Möhringen“ etwas mit „Mohren“ zu tun haben müsse. Seit der Eingemeindung nach Stuttgart 1942 hat Möhringen offiziell kein Wappen mehr. Allerdings findet man es zum Beispiel noch im Rathaus.

Black-Lives-Matter-Debatte befeuert Kritik

Bereits in der Vergangenheit hat es Kritik am Möhringer Wappen gegeben. Alle Bestrebungen, es abzuändern, verliefen allerdings im Sand. Luigi Pantisano glaubt, dass es dieses Mal anders sein wird. „Wir sind in der Aufbereitung der Stadtgeschichte viel weiter als noch vor 20 Jahren.“ Nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch die Kolonialzeit werde aufgearbeitet – ein Beispiel dafür sei der Entschluss von Anfang diesen Jahres, dass Schausteller auf dem Cannstatter Wasen sich künftig vertraglich verpflichten müssen, auf diskriminierende Gestaltungsmerkmale ihrer Fahrgeschäfte zu verzichten. Die Black-Lives-Matter-Debatte befeuere diese Diskussionen – auch ein Grund, warum Pantisano glaubt, dass der interfraktionelle Antrag eine Mehrheit im Gemeinderat finden wird.

Nicht nur in Stuttgart erregt das Thema, was rassistisch ist und was nicht, die Gemüter. In Ulm forderte die SPD jüngst, die „Mohrengasse“ umzubenennen. Der Begriff „Mohr“ sei herabwürdigend und eng mit der gewaltvollen Geschichte des Sklavenhandels verflochten. „Ein kritischer Umgang mit unserem kolonialen Kulturerbe sollte in einer respektvollen Umbenennung zum Ausdruck kommen“, fordert die Ulmer SPD. Die CDU hingegen kritisiert den Antrag. Die SPD ignoriere, „dass sich die Spuren der Kolonialgeschichte nicht durch simple Umbenennungen von Straßennamen löschen lassen“, schreibt CDU-Stadtrat Hans-Walter Roth an den Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch. Zudem gehe „Mohr“ auf den lateinischen Begriff „Maurus“ zurück, was schlicht „Morgenländer“ bedeute. Und das Morgenland liege „im Südosten, dort leben Menschen aller Herkunft und Farben miteinander“, das sei also zunächst nicht rassistisch gemeint.

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