InterviewRassismus in Stuttgart „Von der Mehrheitsgesellschaft hört man nichts“

Zehntausende sind nach dem Tod von George Floyd vor gut einem Jahr auch in Deutschland auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 4 Bilder
Zehntausende sind nach dem Tod von George Floyd vor gut einem Jahr auch in Deutschland auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ein Jahr Black Lives Matter – und was hat sich in Stuttgart getan? Wir haben mit Kousar, Jelisa und Sandra von der Black Community Foundation über Anti-Rassismus als Trend, Aufklärungsarbeit und das Privileg über Rassismus zu reden, anstatt ihn selber zu erfahren, gesprochen.

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Stuttgart - Vor einem Jahr versammelten sich rund 10.000 Menschen am Stuttgarter Schlossplatz um den Kampf gegen Rassismus zu unterstützen. Dieser Tag war der Startschuss für die Black Community Foundation, die in Stuttgart und weiteren 29 Städten in Deutschland gegründet wurde. Wir haben mit den Organisatorinnen Kousar Qasim, Jelisa Delfeld und Sandra Salem über ein Jahr „Black Lives Matter“, Anti-Rassismus als Trend und das Privileg über Rassismus zu reden, anstatt ihn selber zu erfahren, gesprochen.

Seit eurer ersten Demo ist nun ein Jahr vergangen. Was hat sich in Stuttgart getan?

Kousar Qasim: Es hat sich kaum etwas in positiver Richtung entwickelt. Betroffene von Rassismus setzen sich weiterhin mit der Thematik aus. Von der Mehrheitsgesellschaft hört man nichts. Es war deutlich zu sehen, dass viele in der Gesellschaft diese Bewegung als einmalige Aktion wahrgenommen haben und teilweise sogar es als ein „Trend” empfunden haben. Teilweise hat die Bewegung uns auch gezeigt, dass einige Rassismus und von Rassismus-Betroffene nicht ernst nehmen.

Gab es dennoch positive Entwicklungen?

Kousar Qasim: Wir haben andere Organisationen kennengelernt, die sich mit Rassismus auseinandersetzen und arbeiten mit ihnen zusammen. Mehr Betroffene erheben ihre Stimmen und man ist durch das Netzwerk sichtbarer und „community connected.“

Was müsste sich eurer Meinung nach tun, um Rassismus in Deutschland nachhaltig zu bekämpfen?

Jelisa Delfeld: Um Rassismus nachhaltig zu bekämpfen, muss man kontinuierliche Arbeit leisten – Aufklärungsarbeit ist ein sehr wichtiger Aspekt. Jedoch sollte man nicht erwarten, dass von Rassismus Betroffene immer und überall diese Aufgabe auf sich nehmen.

Es liegt also an allen, etwas zu ändern.

Jelisa Delfeld: Rassismus ist ein von der Weißen westlichen Welt erstelltes System und somit ist es die Aufgabe nicht Betroffener sich zu informieren und ihr Umfeld aufzuklären. Wir leben in einer Zeit, wo Informationsbeschaffung aber einfach ist. Es gibt Podcasts, Bücher, Workshops, Filme und natürlich das Internet – vieles ist sogar kostenlos.

Vieles liegt auch an Desinteresse von Menschen, die nicht betroffen sind. Was kann man dagegen tun?

Jelisa Delfeld: Rassismus wird wahrscheinlich nie komplett verschwinden. Wir können es aber aufhören zu akzeptieren. Wir können aufhören rassistisches Gedankengut weiterzugeben. Wir können bilden und sensibilisieren. Hierfür muss sich erstmal die Bereitschaft zu lernen verbessern. Ein großes Problem von Rassismus ist Ignoranz, Faulheit und Desinteresse. Wenn man an diesen Dingen arbeitet und offen dafür ist, zu lernen dann kann man schon viel tun.

Man muss aber wissen, dass Rassismus kein gemütliches Thema ist. Viele Dinge, die man lernt, können bei einem selbst ein Unwohlsein auslösen. Bei dieser Thematik muss man seine Empfindung “wegstecken”, zuhören, annehmen und lernen. Es ist eine komplette Bewusstseinsveränderung, denn Vorstellungen, Taten und das Gedankengut müssen hinterfragt werden.

Was kann man Menschen raten, die davor zurückschrecken, sich zum Thema Rassismus zu äußern, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen?

Sandra Salem: Erst mal würde ich den Menschen bewusst machen, dass es ein Privileg ist über Rassismus zu reden, anstatt es selber zu erfahren. Deshalb sollte niemand Angst davor haben darüber zu reden oder etwas Falsches zu sagen. Am Ende des Tages ist man als nicht-betroffene Person trotzdem privilegiert. Außerdem ist Rassismus kein Thema über das man gemütlich bei Kaffee und Kuchen reden kann. Es soll ruhig unangenehm sein. Das sollte aber trotzdem kein Grund sein, nicht über dieses Thema zu sprechen. Wie Martin Luther King schon damals sagte: „There comes a time where silence is betrayal.“

Hast du noch einen Tipp für unsere Leser:innen?

Sandra Salem: Klärt euch selbst über die Thematik auf und lest Bücher oder hört Podcasts. Empfehlungen dazu gibt es reichlich auf unserem Instagram. In unserem digitalen Zeitalter ist es einfacher denn je an Informationen zu kommen.

Der Protestmarsch gegen Rassismus beginnt am Sonntag, den 6. Juni, um 16 Uhr am Eckensee in Stuttgart-Mitte.

Weitere Infos zur Black Community Foundation Stuttgart findet ihr hier >>>




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