Auf der Rückseite des letzten großen Verkehrsschilds vor der Raststätte Sindelfinger Wald hat ein Graffiti-Künstler in meterhohen Lettern das Wort „Aqua“ geschrieben. Verheißungsvoll könnte man das italienische Wort für Wasser als das verstehen, was einen nach den unzähligen Kilometern kurz darauf auf der A 8 Richtung München erwartet. Ein Oase für müde Reisende nach langer Durststrecke auf der niemals enden wollenden Betonwüste namens deutsche Autobahn.
Dean fragt sich manchmal, warum er sich die Qualen einer solchen Fahrt noch antut. Sein Rücken schmerzt, die Schultern sind steif, und die Knie machen ihm auch Probleme. Doch er hat seinen von Schmerzen geplagten Körper unter einer dicken Schicht Motorrad-Sicherheitskleidung versteckt und macht sich auf dem Parkplatz der Raststätte bereit, gleich weiterzufahren. Vorher holt sich der 61-Jährige ein Menü im Fast-Food-Restaurant. Er quatscht noch mit zwei anderen Motorradfahrern aus Schottland, die er eben erst kennengelernt hat. Man versteht sich, macht Witze, verbrüdert sich auf so einer Reise.
Die Freiheit des Motorradfahrens
Acht Stunden ist er an diesem Tag gefahren. Er kommt aus Derbyshire in England. Noch sechs Stunden muss er allein auf dem Sattel verbringen, bevor er in Spielberg in Österreich ankommt. Dort will er ein Motorradrennen besuchen. Still und bedacht genießt er sein Essen. „Die Freiheit“, sagt er, die treibe ihn an, auf dem Motorrad eine solche Reise auf sich zu nehmen.
Seit 1996 bietet die Tank- und Rastanlage Sindelfinger Wald Autofahrerinnen und Autofahrern einen Stopp auf ihrer Reise. Nur das Gelände der Raststätte erstreckt sich auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern. Es gibt eine Tankstelle, eine Wiese mit Bänken, Parkplätze und einen großen Gebäudekomplex mit dem Herzstück der Anlage: der Gastronomie. Dort findet man Sitzplätze für fast 400 Gäste. „Zeit für ’ne Wurst“, wird auf einem Plakat auf dem Gebäude geworben. Man kann sich drinnen die geballte Ladung Fritten, Wurst und Soße holen. Kalorien für eine lange Reise. Um die Mittagszeit wachsen langsam die Schlangen vor dem Café und den Zapfanlagen. Hungrige Besucher kehren ein, um sich eine Pause zu gönnen. Manche essen hastig einen Müsliriegel auf dem Parkplatz, andere lassen sich von den Rasthofpreisen nicht abschrecken und kaufen sich belegte Brötchen für fünf Euro. Wenn man die Online-Bewertungen zu der Rastanlage liest, bekommt man den Eindruck, die komplette Welt einer Raststätte dreht sich um zwei Dinge: die Toiletten und McDonald’s. Wehe, die Schlangen sind zu lange oder die Toiletten sind dreckig, prompt gibt es die schlechten Ein-Stern-Bewertungen.
Klobrille desinfiziert sich automatisch
Und auch bei diesem Mittagsansturm bestätigt sich die Theorie. Lange Schlangen vor der Toilette. Kunden bezahlen einen Euro, um durch die automatische Schleuse zu kommen, und erhalten dafür den provisorischen Wert-Bon, der wohl bei vielen Autofahrern irgendwo in der Ritze des Fahrersitzes ein einsames und unerfülltes Dasein fristen wird. Wer sich nach langem Warten zur Toilette durchgeschlagen hat, wird mit modernster Technik belohnt. Die Klobrille desinfiziert sich nach jedem Benutzen selbst. Auch der Automat mit Kondomen und Sexspielzeug ist gut ausgestattet.
Wie viele Menschen täglich den Sindelfinger Wald besuchen, das lasse sich nur schwer schätzen, sagt ein Sprecher von Tank und Rast, dem Dienstleister für deutsche Autobahnen, der auch für den Sindelfinger Wald zuständig ist. Doch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) misst regelmäßig das Verkehrsaufkommen auf dem Autobahnabschnitt der A 8. Demnach lag im Jahr 2021 das tägliche durchschnittliche Verkehrsaufkommen in Richtung Stuttgarter Kreuz bei fast 81 000 Fahrzeugen in 24 Stunden. Auf der Rastanlage gibt es zumindest für 144 der Autos, die täglich vorbeifahren, einen Parkplatz.
Die Nächte hingegen gehören den Lastwagenfahrern. Abends kommen die beruflichen Lkw-Lenker für einen längeren Halt in den Sindelfinger Wald. Sie müssen ihre Ruhezeiten einhalten, bevor es auf meist tagelangen Fahrten quer durch Europa weitergeht. Für sie sind die 49 Lkw-Parkplätze, die ihnen dort zur Verfügung stehen, gleichzeitig ein Zuhause. Sie schlafen dort, essen in ihren Fahrzeugen. Für sie gibt es in der Raststätte Duschen und Toiletten.
Umzug vom Saarland nach München
Auf der Wiese hinter dem Gastrogebäude geht, während viele Familien zu Mittag essen, ein Mann mittleren Alters in Sandalen mit seinem Hund Gassi und schützt seinen kahlen Kopf im Schatten eines Baums vor der brütenden Mittagssonne. Vor ihm erstreckt sich über Kilometer hinweg der Wald. Sein Sohn ziehe an diesem Tag vom Saarland nach München, sagt er. Während der Sprössling mit dem Zug gefahren ist, nimmt der Vater die Reise mit dem großen Transporter auf sich, in dem sich die Habseligkeiten seines Kindes befinden. „Meine Frau und der Hund leisten mir auf der Fahrt Gesellschaft.“
Wenige Meter weiter findet man im Gebüsch die Hinterlassenschaften derjenigen Menschen, die wohl nicht bereit waren, einen Euro für die Toilette zu bezahlen. Auf der Wiese halten sich dennoch viele Menschen auf, die wirken, als seien sie bereits im Urlaub und nicht eingekesselt von einer sechsspurigen Autobahn auf der einen Seite und vollgepinkelten Büschen auf der anderen. Eine ältere Frau liegt unter einem Baum und schläft. Eine Familie hat ihr Fast-Food-Menü auf einem Holztisch ausgebreitet und picknickt. Bald geht es auch für sie weiter. Vielleicht ja noch eine lange Strecke, über Alpen zum blauen Wasser des Mittelmeers.