Herr Jung, wie können sich Eltern mental oder praktisch auf die Pubertät Ihrer Kinder vorbereiten?
Die Natur ist sehr nett zu uns, sie gibt uns Zeit dafür. Mit neun, zehn Jahren kommen die Kinder in eine Art Vorpubertät. Das heißt, man sieht es ihnen noch nicht an, aber es geht schon mit der ein oder anderen Hormonausschüttung los, und die ständigen Diskussionen beginnen. Gestern hab ich zum Beispiel meinem zwölfjährigen Sohn einen Döner mitgebracht. Er sagte: „Papa, ich wollte ohne Soße, ich will immer ohne Soße“ – dabei wollte er noch nie ohne Soße! Es ging ihm einfach darum, dem Papa Kontra zu geben. In diesem Alter wird viel verbal ausprobiert, diskutiert, hinterfragt. Das ist der langsame Einstieg zum Dran-Gewöhnen. Ende der Grundschulzeit geht es dann meist richtig los.
Was kommt dann?
Oft ein kompletter Rückzug der Kinder, auch in der Sprache. Sie reden nichts mehr. In der Pubertät haben Teenager ein Rendezvous mit sich selbst. Sie grübeln, wer sie sind. Sie tauchen in ihr Zimmer ein, kommen nicht mehr oft heraus. Die Eltern sagen mir dann: „Die sind ja nur am Zocken.“ Das stimmt schon, aber das Zocken passt natürlich sehr gut zu diesem Rückzug und zum Abnabeln von den Eltern. Sie tun Dinge für sich.
Wie verhalten Eltern sich richtig?
Erst mal sollten sie sich sagen, dass sie in den Jahren davor wahrscheinlich nicht alles, aber vieles richtig gemacht haben. Die ersten zehn, zwölf Jahre haben sie erzogen. Nun kommt eine neue Phase. Jetzt können sie in Beziehung zu ihrem Kind gehen – auch wenn das erst mal eine Fernbeziehung ist. Früher galt man in dem Alter schon als erwachsen. Mozart hat bereits komponiert, Alexander der Große Persien erobert. In unserer Gesellschaft sitzen Teenager im Wartezimmer des Lebens, meist halt in der Schule und zu Hause, dabei sind sie eigentlich schon drauf und dran, ins Erwachsenenleben einzusteigen. Und übrigens können sich Eltern jetzt auf die Schulter klopfen: Denn Teenager pubertieren nur, wenn sie sich wohlfühlen, geliebt und sicher. Wenn ein Kind die ersten zehn Jahre stabile Bindungen hatten, dann kann man es nun loslassen.
Was bedeutet loslassen genau?
Wichtig ist: Loszulassen heißt nicht fallen zu lassen. Also man sollte immer wieder fragen: Kommst du mit zum Ausflug? Hast du Lust, ein Eis zu essen? Teenager sagen natürlich oft Nein, aber es ist trotzdem wichtig zu fragen, am Ball zu bleiben und den Kindern damit Wertschätzung entgegenzubringen.
Und wie viele Regeln, Vorschriften sollte man noch machen?
Wir Eltern bleiben weiterhin stabil, das ist klar. Also stabil in unserer Haltung, in unserer Meinung, unserem Standpunkt, unserer Persönlichkeit. Wir waren als Familie dieses Jahr auf dem Kreuzfahrtschiff Aida. Mein Sohn wollte am liebsten nie von Bord gehen. Aber Kinder durften erst ab 13 Jahren allein auf dem Schiff bleiben. Da haben wir natürlich nicht gesagt: „Okay, weil du nicht raus willst, macht die ganze Familie zehn Tage lang keine Landausflüge.“ Er musste mit. Unsere Teenager brauchen weiterhin starke Eltern, die den Weg vorgeben und Grenzen setzen. Am besten Grenzen, die der Teenager mitverhandelt hat.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ich hole meinen Sohn immer vom Fußballtraining ab. Es dauerte manchmal lang, bis er kam, weil er nach dem Training noch mit den Jungs weiter kickte. Ich hab ihm gesagt: „Ich bin müde von der Arbeit, ich habe Hunger und möchte nach Hause. Wenn du noch ’ne halbe Stunden kicken willst, ist das okay, aber dann musst du mit dem Bus nach Hause fahren.“ Er hat das einmal gemacht, aber dann war es ihm doch wichtiger, mit mir zu fahren. Allerdings kann das, was man an einem Tag super verhandelt hat, am nächsten Tag wieder für Diskussionen sorgen. Wichtig ist, seiner Haltung treu zu bleiben.
Was passiert eigentlich im jugendlichen Gehirn in dieser Zeit?
Es wird umgebaut. Zum Beispiel werden viele Erinnerungen aus der Kindheit abgekoppelt. Im Gedächtnis bleiben nur ein Best-of Gutes, aber auch Best-of Schlechtes. Deshalb kann man sich nicht an alles aus seiner Kindheit erinnern. Es wird vor allem an zwei Orten im Gehirn gebaut: an der Amygdala in der Mitte, das ist der Ort der Gefühle. Und später am Kortex im Frontalhirn, der die Emotionen kontrolliert. Der Bauprozess geht in der Amygdala los, der vernünftige Part kommt also erst danach. Das ist, wie wenn ein Flughafen fertig ist, aber der Tower noch fehlt. Deshalb sind Teenager ihren Emotionen oft total ausgeliefert.
Deshalb ist die Pubertät auch eine riskante Zeit?
Ja, Teenager neigen zu mehr Risiko, und sie brauchen mehr Belohnung, weil auch am Belohnungszentrum im Gehirn gebaut wird. Wenn Erwachsene einen Sprung vom 3-Meter-Brett brauchen, um Glücksgefühle, also Dopamin, auszuschütten, brauchen Teenager einen vom 10-Meter-Brett. Und das gilt auch für den Umgang mit Dingen wie Alkohol oder Drogen. Da fehlt der präfrontale Kortex, der sagt: Nee, nee, das nächste Bier lässt du mal lieber. Deshalb ist es so wichtig, dass man als Eltern in der Beziehung und im Gespräch mit den Jugendlichen bleibt.
Kann man Kinder auf diese Risiken vorbereiten?
Man hat ja die ersten zehn Jahre Zeit dazu. Wenn Kleinkinder zum Beispiel in der Trotzphase sind und zu allem Nein sagen, dann ermutige ich Eltern, dieses Nein zu feiern. Früh zu lernen, dass man Nein sagen darf, ist ganz wichtig für später. Wenn zum Beispiel die Clique am Rhein steht und alle wollen reinspringen, muss man sich trauen zu sagen „Nee, das mach ich nicht, ist mir zu gefährlich“. Deshalb ist es so wichtig, Kinder wertschätzend zu erziehen und ihnen nicht zu vermitteln, dass ihre Bedürfnisse Quatsch sind.
Wie viel Angemault- oder Angemotzt-Werden muss man als Eltern aushalten?
Auch da sollte man klar sagen, was zu weit geht, wie man nicht behandelt werden will. Aber ich empfehle, das mit Abstand zu tun. Also nicht gleich, wenn der Nachwuchs gerade einen Wutanfall hatte, sondern vielleicht zwei Stunden später. Man sollte sich halt klarmachen, dass Teenager, wenn sie uns anschreien, eigentlich unsere Hilfe brauchen, weil sie von den Hormonen gerade komplett überrollt werden. Das ist keine Entschuldigung, aber es hilft, es zu wissen.
Was ist der schlimmste Fehler, den man machen kann mit Pubertierenden?
Sie komplett in Ruhe zu lassen. Also bitte nicht nach dem fünften Korb, den man bekommen hat, aufhören zu fragen, ob er oder sie mitkommen will. Es gibt nichts Dooferes für einen Teenager, als das Gefühl, dass er nicht mehr so bedeutsam ist für die Familie. Es ist auch wichtig, nach den Interessen zu fragen, also etwa „Was zockst du da eigentlich?“. Dann erzählen die manchmal plötzlich ganz viel.
Hat die Pubertät auch schöne Seiten für Eltern?
Es ist doch total spannend, dem Kind zuzuschauen, wie es wächst, sein Charakter sich formt. Dass man auf diesem Weg vom Kindsein zum Erwachsenwerden dabei sein kann, ist eine große Ehre finde ich. Und außerdem braucht man plötzlich keinen Babysitter mehr. Ich sag immer: In Pubertät steckt das englische Wort Pub drin. Eltern sollten das nutzen, wieder mehr ausgehen, ins Theater, ins Kino, in Kneipen. Oder ein Buch lesen. Mein Programm heißt ja „Chill mal“. Das gilt für die Kinder in dieser Zeit – aber das will ich auch den Eltern mitgeben.
Pädagoge, Autor, Vater
Mit Humor
Matthias Jung (45) ist Diplom-Pädagoge, zweifacher Vater, Familien- und Pubertätscoach und Bestsellerautor. Nach dem Studium der Pädagogik arbeitete er ab 2005 als Autor unter anderen für die „heute-show“ und startete 2006 seine Bühnenkarriere. Seit 2013 hält er Vorträge über Kindheit und Pubertät und gibt Eltern Hilfestellungen dazu. Sein Motto dabei: „Pubertät ist, wenn man trotzdem lacht!“
Bücher
Seit 2018 hat Jung mehrere Pubertätsbücher veröffentlicht, unter anderem „Chill mal – Am Ende der Geduld ist noch viel Pubertät übrig” sowie „Dein Ernst, Mama? So peinlich kommen wir nicht mehr zusammen – Das Pubertätsbuch für Eltern”. Zum Thema Vorpubertät veröffentlichte Matthias Jung sein neues Buch „Erziehungsstatus: Kompliziert”.
Vortrag im Land
Am Donnerstag, 9. November, kommt Matthias Jung um 20 Uhr in die Gemeinschaftshalle Hemmingen. Karten gibt es über www.reservix.de