Rathaus in Bissingen Für viele ein hässlicher Klotz – doch der Betonbau punktet im Inneren

Von außen wirkt das Gebäude nüchtern. Der Ratssaal ist ein wenig vorgelagert. Foto:  

Das Rathaus in Bissingen (Kreis Ludwigsburg) ist in den Augen vieler so hässlich, dass sie es gerne abreißen lassen würden. Aber der Betonbau ist denkmalgeschützt. Wie kam es dazu?

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Ein großer grauer Klotz beherrscht die Ortsmitte von Bissingen. Brutalismus heißt der Baustil, in dem das alte Rathaus einst gebaut wurde. Der Sichtbeton wirkt tatsächlich ziemlich massiv. Kann man sich mit ihm anfreunden? Vielleicht hilft ein Sprung in die Zeitmaschine. Die Menschen in der kleinteiligen schwäbischen Provinz glaubten im Jahr 1965 noch an die unbändige Kraft des Betons – jenseits aller ökologischen und sozialen Reformbewegungen, die später aufkamen.

 

An den Abriss des Kolosses denkt in der Verwaltung niemand

Die Bissinger, damals noch eigenständig, gönnten sich das neue Rathaus, das sie 1968 eröffneten. Wenige Jahre vor der Fusion mit dem Nachbarn Bietigheim in den 1970er Jahren. Als Mitgift in die kommunale Ehe brachten die Bissinger ihr Rathaus ein. Heute sind dort noch das Bauamt und andere Abteilungen der Stadtverwaltung untergebracht. Das soll auch noch eine Weile so bleiben, denn an einen Abriss des Kolosses denkt niemand. Das Gebäude ist denkmalgeschützt und soll saniert werden.

Die Frage aber bleibt. Bedeutet groß und grau, aus Beton und dominant automatisch auch schon „hässlich“? Es soll Zeitgenossen geben, die sich schwertun mit dem Gebäude. Wer durch die Ortsmitte schlendert vom Park im alten Friedhof hin zum Platz des Brutalismus-Baus erlebt einen starken Kontrast. Irgendwie wirkt das Gebilde statisch und verschlossen – in einer Zeit, in der auch baulich verstärkt auf Transparenz und Offenheit gesetzt wird.

Etwas Holz und viel Beton: im Treppenhaus zeigt sich sehr klar der brutalistische Baustil des Rathauses. Foto: Avanti//Ralf Poller

Im Innern warten Michael Wolf und Steffen Speidel im kleinen Sitzungssaal. Wolf ist Baubürgermeister, Speidel leitet das Hochbauamt. Beide sind Architekten. „Wir haben unseren eigenen Blick auf das Rathaus “, sagt Speidel. Er betont, dass er die bauliche Leistung anerkenne und räumt ein, dass die Brille des Baufachmanns nicht automatisch die der Außenstehenden sei. Zumindest halte er sich gerne in dem Rathaus auf, in dem er arbeite – mit allen Vor- und Nachteilen, wie etwa die Hitze und die Zugluft in den Büros während der Sommermonate. Aber genau solche Schwächen wolle man bei der energetischen Sanierung ja angehen.

Jammern ist den beiden Beamten fremd. Sie werben um Verständnis für das damalige Denken und gewinnen dem Rathaus viele Vorzüge ab, die sich dem Besucher bei der erstmaligen Begegnung nicht aufdrängen. So erzählt Michael Wolf von der Aufbruchstimmung der 1960er Jahre. Vom Wirtschaftswachstum. Und davon, dass die aufstrebende Kommune damals mit ihrem wertigen Gebäude „eine Haltung“ einnehmen wollte. Dazu habe offenbar auch gehört, sich nicht der Umgebung anzugleichen, sondern ihr ein Gegenüber und „modern“ sein zu wollen. Insofern sei das Rathaus ein wichtiges Zeitzeugnis und habe es verdient, im Jahr 2013 in die Reihe der Kulturdenkmäler des Landes aufgenommen worden zu sein.

Der Aufzug ist erst nachträglich eingebaut worden. Foto: avanti//Ralf Poller

Schönheit, die von innen kommt, zeigt sich beim Rundgang. Im Parterre empfängt den Gast ein sanftes Plätschern in der geräumigen Eingangshalle. Dunkelblaue, relativ großflächige Kacheln erinnern an ein Hallenbad – im heißen Sommer ein durchaus angenehmer Effekt für den schwitzenden Ankömmling. Das Plätschern stammt aus dem Wasserbecken mit seinen großen Kieseln. Über dem unscheinbaren Bassin schwebt der Treppenfuß. Apropos Treppen: An barrierefreie Zugänge dachte man in den 1960er Jahren noch nicht. Mit Mühe sei es gelungen, einen kleinen Aufzug einzubauen, erklären die beiden Hausherren.

Die große Eingangshalle dient kulturellen Veranstaltungen

Trotzdem, es gibt sie doch, die Ästhetik inmitten des spröden Charmes des Betons. „Heute würden so große Flächen effizient in Büroflächen verwandelt“, ist sich Michael Wolf sicher, der das Geräumige des mehrgeschossigen Rathauses schätzt. So habe der Musikverein kürzlich sogar sein 100-Jahr-Jubiläum in der Eingangshalle mit einem Konzert gefeiert. „Die Akustik hier ist hervorragend – es hat nicht gescheppert.“

Wir stehen im Treppenaufgang, die Augen wandern nach oben zur Decke. Ganz oben sind quadratische Stahlbetonraster erkennbar. Ein Stockwerk weiter erschließt sich das Rätsel der 1,5 mal 1,5 Meter großen Einzelquadrate: An ihnen können Bürowände flexibel verschoben werden. Fast scheint es so, als ob der damalige Architekt Roland Ostertag den Sprung in die postmoderne Arbeitswelt mit ihrer räumlichen Flexibilität vorweggenommen hätte.

Die Einzelquadrate an den Decken dienen der Strukturierung von Räumen. Foto: avanti/Ralf Poller

Die hohe Wertigkeit des Gebäudes vermittelt ein Blick auf die Wand, die das Treppenhaus nach oben begleitet. Die Betonbretterwand ist von einer hohen handwerklichen Präzision geprägt. „Das ist jetzt alles wieder baulich gefragt“, sagt Steffen Speidel.

Der Sitzungssaal wird scherzhaft „Blauer Bock“ genannt

Und dann geht es in den Sitzungssaal, wegen der blauen Kachelung nach außen auch von den Bissingern scherzhaft „Blauer Bock“ genannt. Der fest eingebaute runde Tisch wirkt erhaben. Heute tagt noch der Technische Ausschuss des Gemeinderats in dem Raum. Licht dringt auch hier, wie in anderen Teilen des Rathauses, nur durch Lichtbänder sparsam ins Gebäude. Ein gewollter Effekt, etwas aus der Zeit gefallen. Dafür wirken die Büros hell und freundlich.

Die Büros sind untereinander verbunden. Türen sind flexibel einsetzbar. Foto: a/vanti/Ralf Poller

Alles in allem ist Michael Wolf trotz der bevorstehenden teuren energetischen Modernisierung froh, ein solches Rathaus weiterbetreiben zu können. „Es ist nicht nur Zeitzeuge, sondern auch Teil der Bissinger Identität.“ Steffen Speidel, der sich im Hochbauamt um rund 200 städtische Objekte kümmert, möchte es ebenfalls nicht missen.

Baustil Brutalismus in Baden-Württemberg

Eine Auswahl an Gebäuden in Baden-Württemberg, die im Stile des Brutalismus gebaut wurden.

  • Badisches Staatstheater, Karlsruhe
  • Neues Rathaus, Pforzheim
  • Wasserturm, Backnang
  • Theodor-Heuss-Gymnasium, Esslingen
  • Kirche St. Paul, Heidelberg
  • Lukaskirche, Mannheim
  • Wollhauszentrum, Heilbronn

Was geschieht mit dem Bissinger Rathaus?

Sanierung
Der Gemeinderat von Bietigheim-Bissingen hat die Sanierung des Bissinger Rathauses beschlossen. Die Kosten werden laut einer Machbarkeitsstudie auf 8,4 Millionen Euro geschätzt. Durch den Anstieg der Baukosten gehen Experten inzwischen von rund 12 Millionen Euro aus. Der Oberbürgermeister Jürgen Kessing hält aber auch diese Zahl angesichts ständig steigender Baukosten für kaum haltbar. Mit Ergebnissen der Ausschreibung rechnet die Verwaltung im vierten Quartal 2024.

Umzug
Nach Plänen der Verwaltung sollen die Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Bissingen während der Sanierung im Jahr 2026 umziehen. Als Interimslösung dient nach aktuellem Stand der seitherige Firmensitz der Bietigheimer Wohnbau. Die bisher im Bissinger Rathaus untergebrachte Bücherei soll im Teilort bleiben.  Die Verwaltung und die Bissinger Räte erhoffen sich von der Sanierung Impulse für die Belebung im Ort.

Weitere Themen