Das 334 Jahre alte Fachwerkhaus im Ortskern muss erneut saniert werden. Ehe das Dach und die Fassade auf Vordermann gebracht werden können, muss allerdings der Dachstuhl dekontaminiert werden und ein Teil des Archivs umziehen – auf dem Dachboden lagern 630 laufende Meter Regalfläche an Akten. Die Stadt hat inzwischen eine 230 Quadratmeter große Büroeinheit in der Kornwestheimer Straße gemietet.
Konkret werden derzeit die Archivalien gereinigt und dann ausgeräumt – die Dachbühne darf nicht mehr als Lager und Arbeitsbereich verwendet werden. Was in Zukunft mit dem Dachstuhl passiert, ob er vielleicht dauerhaft ungenutzt bleibt, ist noch unklar. Das Archiv ziehe „für eine längere, noch unbestimmte Zeit“ in die Kornwestheimer Straße, teilt die Rathaussprecherin Angela Hammer mit. „Das kontaminierte Bauholz wird nicht behandelt, und deshalb wird die Aussonderung der Gifte nicht unterbunden.“
Was passiert künftig mit dem Dachstuhl?
Um das verseuchte Holz zu beseitigen, müsste die giftige Holzschicht bei der gesamten Dachkonstruktion abgetragen werden. „Dieser Aufwand steht nicht im Verhältnis zum Nutzen“, so Angela Hammer. Eine mögliche Raum-in-Raum-Lösung müsse noch technisch und wirtschaftlich untersucht werden. Die Dekontaminierung wird wohl im April beendet sein. Die gesamte Fassaden- und Dachsanierung soll bis zum Jahresende abgeschlossen werden.
Der Hintergrund der Verseuchung der Rathausbühne ist ein Holzschutzmittel, mit dem anno 1957 die Dachkonstruktion behandelt wurde. Was man früher häufig einsetzte, gilt mittlerweile als gesundheitsgefährdend weil krebserregend: Jene Holzschutzmittel enthalten giftiges Lindan und PCP. Diese Wirkstoffe sind heute verboten. Sie treten in feinsten Teilchen aus dem Holz aus und haften dann zum Beispiel an Staub.
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Von der Existenz des alten Holzschutzgiftes erfuhr die Stadtverwaltung erst bei der letzten, rund 1,4 Millionen Euro teuren Sanierung zwischen Oktober 2018 und Mai 2019, als Brandschutz und Technik modernisiert wurden. Es gab eine Begehung durch einen Gutachter, denn auch die Fassade ist sanierungsbedürftig. Dabei offenbarten sich nicht nur Schäden an der Dachkonstruktion und Dacheindeckung.
Rathausbetrieb läuft wie gewohnt weiter
Alexander Bagnewski, der Leiter des Fachbereichs Hoch- und Tiefbau, hatte im vergangenen Mai erläutert, Messungen hätten ergeben, dass die dicke Staubschicht auf der ganzen Dachbühnenfläche und den Aktenbeständen des Archivs eine hohe Konzentration an Lindan und PCP aufweise. Das gelte auch für die Holzproben. Die unteren Räume im Rathaus seien nicht belastet und sicher, so Bagnewski, zumal die Bühne baulich abgetrennt sei. Auch die Sanierung soll so erfolgen, dass das Rathaus „ohne größere Beeinträchtigung“ genutzt werden kann.
Nicht nur Archivgut, auch Registraturgut ist auf der Bühne. Die Akten der Verwaltung, die aus dem laufenden Betrieb ausgeschieden sind, aber vielleicht noch von Bedeutung sein könnten, werden ebenfalls gereinigt und kommen in einem neu geschaffenen Magazinraum im Rathaus unter. Geräte wie das Mikrofilmlese- oder Reprogerät würden im Depot aufgestellt, sagt der Stadtarchivar Brunotte. „Es ist ein sehr umfassender und logistisch nicht ganz unkomplizierter Prozess, der bislang, Gott sei Dank, in guter Zusammenarbeit zwischen Dekontaminationsfirma, Bauamt und Archiv reibungslos abgelaufen ist.“
Das Archiv bezeichnet Brunotte gar als „so etwas wie ein ‚Katastrophengewinnler’“: „Vorübergehend können mir Kolleginnen aus dem wegen der Pandemie zurzeit geschlossenen Freizeitbad beim Einräumen der Depoträume wertvolle Hilfe leisten.“ Mit dem neuen Domizil ist der Hüter der Stadtgeschichte sehr zufrieden. „Die Räumlichkeiten sind mit einer neuen, maßgeschneiderten Standregalanlage ausgestattet worden und werden klimatisiert, sodass für das Archivgut gute Lagerbedingungen vorliegen“, sagt Brunotte. Er selbst könne auch unter guten Voraussetzungen arbeiten. Das Stadtarchiv bleibe zwar mit dem Großteil seiner ältesten Überlieferung und dem Büro im Rathaus. „Aber in Zukunft wird sich die Arbeit immer mehr in die Außenstelle verlagern – nicht zuletzt auch deswegen, weil Zugänge in aller Regel nunmehr dort ihren Platz finden werden.“ Auch für eine Nutzung des Archivs biete die Außenstelle „sehr gute Bedingungen“.
Mängel aus früherer Sanierung beseitigen
Rund 120.000 Euro zahlt die Stadt für den Umzug plus circa 30.000 Euro Miete im Jahr. Insgesamt kostet die Sanierung gut 1,145 Millionen Euro. Die Stadt muss davon nur rund 515.000 Euro stemmen: Gut 510.000 Euro erhält sie aus dem Landessanierungsprogramm, rund 120.000 Euro schießt das Land als Denkmalfördermittelzuschuss zu. „Sehr erfreulich“ findet dies der Bürgermeister Joachim Wolf (parteilos). Schließlich sei das Rathaus „ortsbildprägend wie erhaltenswert“.
Ärgerlich für Verwaltung wie Gemeinderäte ist dagegen, dass nun auch die Folgen einer mangelhaften Sanierung in der Vergangenheit zu beseitigen sind. So zählt der Gutachter in der holzschutztechnischen aktuellen Stellungnahme zahlreiche Ursachen für die „starke Schädigung des Fachwerks“ auf. Die Rathaussprecherin Angela Hammer teilt dazu mit: „Die Arbeiten liegen bereits sehr lange zurück. Das Ausmaß der fehlerhaften Sanierung kam erst mit der genauen Untersuchung zum Vorschein.“
Der Neubau des Rathauses – ein finanzieller Kraftakt
Wachstum Die früheste urkundliche Erwähnung des Münchinger Rathausbaus findet sich laut dem Stadtarchivar Alexander Brunotte in einer Pergamenturkunde von 1541. Im Dreißigjährigen Krieg – 1643 – fiel der Rathausbau einem Brand zum Opfer. „Lange Zeit begnügte man sich mit einem umfunktionierten Bürgerhaus als Provisorium“, sagt Brunotte. Die steigende Bevölkerungszahl habe einen Neubau schließlich unumgänglich gemacht.
Kraftakt Für die Gemeinde sei der Neubau ein „finanzieller Kraftakt“ gewesen, sagt der Archivar, sie habe sich vergeblich um staatliche Gelder bemüht. 1686/1687 stemmte die Gemeinde den Bau mit eigenen Mitteln und unter Fronarbeit der Einwohner. Das Erscheinungsbild des Gebäudes, sagt Brunotte, habe sich seither durch wiederholte Umbauten gewandelt.
Kelter Das Gebäude werde in Größe und Gestalt bis heute von der Kelter bestimmt, die ursprünglich im Erdgeschoss untergebracht war – errichtet 1541 als herrschaftliche Bannkelter. „Zwei mächtige, aus gepackten Eichenbalken bestehende Kelterbäume mussten Platz finden“, so Brunotte. Die Münchinger Weinbauern seien verpflichtet gewesen, ihre Trauben dort pressen zu lassen. 1931 wurde die Keltereinrichtung aus dem Rathaus entfernt – die Bedeutung des lokalen Weinanbaus schwand zunehmend.
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