Sie gab alles, doch der Einsatz in Hippieverkleidung war erfolglos: Die Narren haben beim Rathaussturm in Renningen die Bürgermeisterin Melanie Hettmer entmachtet.
Die klassische dunkle Sonnenbrille? Benötigt Melanie Hettmer am Samstagnachmittag nicht. Die Bürgermeisterin von Renningen trägt nämlich ihre rosarote Brille. „Die kann man manchmal brauchen“, meint sie und lacht. In schwierigen Zeiten zum Beispiel. Kein einfaches Unterfangen ist auch der Rathaussturm, wo es für das Stadtoberhaupt gilt, das Rathaus vor den Narren zu verteidigen. Da ist eine rosarote Brille erst recht praktisch, wenn man das wie Melanie Hettmer als Hippie verkleidet mit weißen Blumen im Haar und pinken Ohrringen in Form des Friedenszeichens tut. Viel „Peace“ und „Love“ verteilt sie am Samstag bei Sonnenschein und bester Laune.
Doch es half alles nichts: Kurz vor 15 Uhr stürmen die Narren das Rathaus, während die Hymne der Hippie-Bewegung „San Francisco“ erklingt. Die Verkleideten verhaften die Rathauschefin und führen sie auf die Bühne. Die Machtübernahme ist geglückt, bis Aschermittwoch regieren die Narren. Im Gegenzug für den Rathausschlüssel bekommt Melanie Hettmer von der Präsidentin der Renninger Schlüsselgesellschaft, Melanie Bader, Sekt und eine „Sonnenblume von Herzen, ich will’s mir nicht verscherzen“. Zuvor hatte sie aber klargestellt, „wir sind zu allem bereit“. Ja, das war Melanie Hettmer auch. Aber erfolglos. Die Niederlage nimmt sie gelassen, lacht und tanzt. Wie die vielen anderen Menschen, die den Rathaussturm verfolgen.
Rathaussturm Renningen ist gefragt
Sie wünschen sich eine positive Stimmung – und kriegen sie. Der Rathausplatz ist rappelvoll, was auch Melanie Bader „richtig froh macht“, wie sie berichtet. Melanie Hettmer erzählt indes, im Wahlkampf hätten ihr viele Bürgerinnen und Bürgerinnen gesagt, dass sie gern mehr Leben in der Stadt hätten. Unter anderem beschloss die 48-Jährige, die seit etwas mehr als einem Jahr als Bürgermeisterin im Amt ist, aus dem Rathaussturm, einer bis dato „mehr so Pflichtveranstaltung ohne großes Rahmenprogramm“ alle zwei Jahre, eine „richtig gute Veranstaltung“ zu machen. Zumal sie Fasching mag.
Voriges Jahr fand der Rathaussturm erstmals „ein bisschen größer aufgezogen“ statt, mit einem kleinen Umzug ab dem Ernst-Bauer-Platz, den es auch diesmal gab. Die Renninger Schlüsselgesellschaft hat sich hierfür mit den örtlichen Fastnachtsvereinen zusammengetan, den Hecka-Hupfern, den Guggenmusikern Sotanos, den Schdoibruch Hexa und der 1. Narrenzunft Renningen. Melanie Hettmer sagt, für sie gehöre das bunte Treiben einfach dazu. Obendrein sei es eine gute Gelegenheit, unbeschwert und mit Augenzwinkern auf politisch unbequeme Themen einzugehen.
Von denen den Narren einige einfallen – der verbale Schlagabtausch mit der Rathausspitze ist schließlich Tradition beim Rathaussturm. Da sind die aus ihrer Sicht trägen Rathausmitarbeiter, Baustellen, die sich verzögern – wie die Sanierung und Erweiterung der Realschule – oder die neue, 16 Millionen Euro teure Riedwiesensporthalle, eine laut den Narren „Kostenfalle“.
Die Narren haben einige Kritik parat
Und dann ist da noch der Windpark – die Narren finden, „hier hat Renningen den nächsten Größenwahn“. Gleichwohl, es gibt auch Lob: Etwa dafür, dass Renningen wieder einen Kinderarzt hat.
Die Bürgermeisterin kontert freilich. Es sei entschieden worden, gebaut und gemacht, nicht alles bequem, doch mit Sinn und Habacht, sagt Melanie Hettmer. „Der Wandel ist spürbar, er tut Renningen gut, denn Veränderung braucht Haltung und Mut.“ Aber: „Liebe Narren, da geb’ ich euch mal recht, die Baustellen liefen bisher ziemlich schlecht.“
Für die Renninger Schlüsselgesellschaft geht die Kampagne am 30. Januar mit dem Brauchtumsabend weiter, gefolgt von der Prunksitzung tags drauf. Melanie Hettmer bedauert, dass sie aus zeitlichen Gründen nicht alle Veranstaltungen besuchen kann. Umzüge in der Region schätzt sie sehr. Der in Weil der Stadt steht auf ihrer Liste oben.