Stuttgart - Es begann damit, dass Mira, die Tochter, ihr Essen auf dem Teller sortierte, ewig darin rumstocherte. Und dass sie genau wissen wollte, wie viele Kalorien das hatte, was vor ihr auf dem Tisch stand. „Ich dachte erst, dass das ein Spleen ist“, sagt Elke Kurth (51), die Mutter (Namen der Familie geändert). Mira war damals 15 und in ihrer ersten Beziehung. In der Zeit, erzählt Elke Kurth, habe sie sich sehr auf den Freund fixiert, sich emotional stark von ihm abhängig gemacht – und gleichzeitig von der Familie und von Freunden distanziert. Bei einer Familienfeier bemerkte die kleine Schwester, wie Mira sich nach dem Essen auf der Toilette übergab. Freundinnen berichteten von ähnlichen Beobachtungen. So kam ein Puzzleteil zum anderen: Mira litt unter einer atypischen Essstörung, einer Mischung aus Magersucht und Ess-Brech-Sucht, Bulimie. „Als die Beziehung auseinanderging, kam innerhalb von ein paar Tagen alles hoch. Ich habe Mira direkt auf ihr Essverhalten angesprochen“, sagt Elke Kurth. Doch die Tochter reagierte nicht, floh zu ihrem Vater, der von der Familie getrennt lebt. Ein paar Tage später dann ein Anruf aus der Schule: „Mama, es geht mir schlecht.“
Elke Kurth ahnte damals noch nicht, dass dies erst der Anfang eines langen Prozesses war. Doch die anfängliche Hoffnung, sie würden das schnell wieder hinbekommen, verflüchtigte sich. Zwei Jahre lang sollte Miras Essstörung im Leben von Elke Kurth, ihrem Partner und den beiden Töchtern das beherrschende Thema sein. „Wenn ein Kind eine Essstörung hat, ist das Miteinander zu Hause komplett gestört – es gibt keine Leichtigkeit mehr“, sagt sie heute, dreieinhalb Jahre später. „Man sitzt beim Essen und guckt: Was isst sie, isst sie genug?“ Die Mutter beobachtet, wie ihre Tochter dünner wurde, weil sie kaum aß. Dann wieder kamen Essattacken, nach denen Mira erbrach.
Etwa ein Fünftel der Jugendlichen in Deutschland zeigt Anzeichen
Sie nahm ihre Tochter mit zu Abas, einer Anlaufstelle bei Essstörungen in Stuttgart, schickte sie zu einer befreundeten Therapeutin und guckte sich mit ihr nach einer Klinik um. „Die Selbsteinsicht war anfangs nicht so richtig da, aber sie dachte wohl, dass sie sich in der Klinik unseren Fragen entziehen könnte.“ Aber der Klinikaufenthalt machte es schlimmer, fand Elke Kurth. Mira begann, sich zu schneiden, der Kontakt mit dem Therapeuten in der Klinik war schwierig. „Es gab keinen Versuch, die Familie oder die Familiensituation in die Therapie miteinzubeziehen.“ Elke Kurth bemerkte, dass es ihrer Tochter immer schlechter ging. Die begann, Mutter und Therapeuten zu belügen – und entzog sich weiter.
Etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen elf und 17 Jahren zeigt laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Anzeichen von Essstörungen. Mädchen sind dabei deutlich häufiger betroffen als Jungen. Nicht immer muss dies eine tatsächliche Erkrankung bedeuten – doch eine Störung des Essverhaltens kann schnell zu einer krankhaften Essstörung werden. Ein Blick in die Diagnosestatistiken der AOK in Baden-Württemberg, der DAK Gesundheit sowie des Statistischen Landesamts zeigt, dass es jährlich nur ein paar Tausend junge Menschen sind, die im Land eine Diagnose erhalten und behandelt werden – also weniger als ein Prozent der Jugendlichen. Die Dunkelziffer, so heißt es von den Kassen, liege vermutlich höher. Immerhin: Während die Zahl der Diagnosen in den vergangenen zehn Jahren bundes- wie landesweit stetig anstieg, ist sie aktuell leicht rückläufig.
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Wie bei Mira können die Grenzen zwischen verschiedenen Formen von Essstörungen dabei fließend sein. „Der Begriff Essstörungen bezeichnet mehrere unterschiedliche Krankheitsbilder“, sagt Sabine Knapstein, Ärztin und Psychotherapeutin bei der AOK Baden-Württemberg. „Dazu zählen unter anderem Magersucht, von Medizinern Anorexia nervosa genannt, Ess-Brechsucht, also die Bulimia nervosa, die Esssucht, das sogenannte Binge-Eating, aber auch Mischformen.“ Immer aber sind es ernst zu nehmende Erkrankungen, die mitunter sogar tödlich sein können.
Viele Männer gehen mit der Essstörung eines Kindes anders um als Frauen
Für Elke Kurth war die Zeit mit der Essstörung extrem belastend. „Ich hatte riesige Angst um Mira.“ Und dann die Schuldfragen. Wo hätten wir etwas anders machen können? Bin ich eine gute Mutter? Sie war selbst oft krankgeschrieben, psychisch instabil, fühlte sich hilflos. Sie musste sich dazu überwinden, auch nach sich selbst zu gucken, obwohl sie wusste, dass es legitim war, sogar wichtig. Immerhin, sie fanden in diesen Monaten einen Schrebergarten, den sie mieten konnten. „Die Gartenarbeit war das Einzige, wodurch ich abschalten konnte.“ Allein habe sie sich trotzdem oft gefühlt – auch, weil ihr Partner völlig anders mit der Situation umgegangen sei als sie.
Auch er habe sich in der Zeit oft hilflos gefühlt, sagt Martin Lieb, der Lebenspartner. Er wusste kaum, was er sagen sollte. Da war Elke, die oft empfindlich auf ihn reagierte, sich unverstanden fühlte. Und dann Mira, die aggressiv und abweisend war – obwohl er jahrelang ein gutes Verhältnis zu ihr hatte. Seine Arbeit war für Martin Lieb in dieser Zeit eine willkommene Ablenkung. „Ich hab irgendwann verstanden, dass ich nicht viel sagen kann“, sagt er. Also hat er versucht, eher im Hintergrund zu unterstützen. „Martin hat den Alltag geschmissen, eingekauft, gekocht. Das hat mir wieder auf die Beine geholfen“, sagt Elke Kurth.
Dass viele Männer mit der Essstörung eines Kindes anders umgehen als Frauen, haben die beiden in der von Abas geleiteten Elterngruppe erfahren. Mütter, die emotional sehr stark involviert waren, in Schuldgefühle verstrickt schienen. Und Väter oder Lebenspartner, die mehr Distanz hatten. Zu sehen, dass dieser Umgang normal war, habe sehr geholfen.
Erst als Mira zum zweiten Mal in eine Klinik ging, änderte sich langsam etwas
„Häufig ist es so, dass die Eltern in der Situation unterschiedliche Rollen besetzen“, sagt Marianne Sieler, Sozialpädagogin und Therapeutin bei der Fachstelle Abas. Viele Mütter fühlten sich stärker verantwortlich für das Kind, seien emotionaler. Es sei aber wichtig, sachliche Ansagen zu machen, das Essverhalten nicht zu kommentieren und nicht nur noch über das Essen zu sprechen. „Eltern sollten dem Kind klar sagen: Wir brauchen Hilfe von außen. Es beeindruckt die Betroffenen durchaus, wenn die Eltern gemeinsam in die Beratungsstelle gehen“, sagt Sieler. Ein Aspekt des Umgangs mit der Krankheit sei auch zu fragen, welche Funktion, welchen Sinn die Essstörung erfüllen könnte. „Die Krankheit basiert auf Gefühlen, die nicht im Gleichgewicht sind“, so die Sozialpädagogin. Meist spielen mehrere Faktoren eine Rolle: der Druck gesellschaftlicher Schönheitsideale, vermittelt durch Plattformen wie Instagram oder Whatsapp-Abnehm-Gruppen. Die Unsicherheit, Selbstfindung und sexuelle Orientierung in der Pubertät. Oder einschneidende Erlebnisse. „Über das Essverhalten bekommen die Betroffenen zumindest kurzfristig das Gefühl, in der Zeit der Unsicherheit eine gewisse Kontrolle zu erlangen.“
Erst als Mira zum zweiten Mal in eine Klinik ging, hat sich langsam etwas verändert. „Man hat gemerkt, dass sie selbst etwas tun wollte“, sagt Elke Kurth. Als Mira von der Klinik nach Hause kam, war schnell klar, dass es ihr besser ging, sie nicht mehr so auf das Essen fixiert war, weniger impulsiv und nicht mehr so hart mit sich selbst. „Das war eine große Erleichterung“, sagt die Mutter. Auch der Kontakt war einfacher. Sie schrieb ihrer Tochter einen Brief, schilderte die Sorgen, aber auch die Liebe für ihre Tochter. „Das hat sie sehr betroffen gemacht – sie hat sich wohl sehr nach Aufmerksamkeit und Verständnis gesehnt.“ Heute sei Mira reifer, ruhe mehr in sich selbst. Sie malt, hat ihre Haare hellblau gefärbt, beobachtet Vögel, trägt Band-Shirts und hat eine Freundin. „Das ist stimmig“, sagt Elke Kurth. Die Zeit der Essstörung sei heute abgeschlossen. Und sie weiß auch: Mehr tun, als schnell Hilfe zu suchen und Verständnis zu zeigen, konnte sie nicht. „Das hat auch Mira so bestätigt.“
Hier finden Eltern und Betroffene Informationen und Beratung
Anzeichen erkennen:
Zeigen Tochter oder Sohn Änderungen im Essverhalten – Ernährungsumstellungen, Diäten oder einen Fokus auf Muskelaufbau – und beschäftigen sich viel mit dem eigenen Körper, so können dies durchaus Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten sein. „Nicht immer muss das in einer Essstörung münden, doch kommt eine Überforderungssituation hinzu, kann sich eine Eigendynamik entwickeln“, sagt die Sozialpädagogin Marianne Sieler. Thema ist dies nicht nur bei Mädchen, sondern zunehmend auch bei Jungen – hier oft mit einem Fokus auf Fitness.
Beratungsangebote in Stuttgart:
Beratung und Angebote für Eltern oder andere Angehörige sowie für betroffene Kinder und Jugendliche gibt es in Stuttgart bei Abas (Anorexie, Bulimie, Adipositas Stuttgart), der Anlauf- und Fachstelle bei Essstörungen, getragen vom GesundheitsLaden e. V.
Am 3. Februar 2020 startet eine Elterngruppe von Abas in Stuttgart. An fünf Abenden – immer montags – gibt es hier fachlichen Input, Anregungen zum Umgang und Raum für Austausch mit anderen Betroffenen. Eine neue angeleitete Gruppe junge Frauen mit Essstörungen ab 16 Jahren beginnt am 21. Januar. Mehr Informationen zur den Gruppen, zu Sprechstunden und Angeboten gibt es im Internet unter www.abas-stuttgart.de
Allgemeine Informationen zu Essstörungen:
Allgemeine Informationen zu Essstörungen sowie ein Überblick über bundesweite Hilfsangebote finden sich auch unter www.bzga-essstoerungen.de