Ratzinger im Zwielicht Höllischer Tiefpunkt
Die Reaktionen der Kirche auf die Münchner Missbrauchsstudie sind beschämend, kommentiert Mirko Weber.
Die Reaktionen der Kirche auf die Münchner Missbrauchsstudie sind beschämend, kommentiert Mirko Weber.
München - Vor siebzehn Jahren, Joseph Ratzinger war noch Präfekt der Glaubenskongregation, kam es in der Katholischen Akademie Bayern zu einem Treffen des späteren Papstes mit dem Philosophen Jürgen Habermas, ein laut Selbstaussage „religiös unmusikalischer“ Mensch. Religionen immerhin, räumte Habermas in einem seinerzeit viel beachteten Dialog ein, könnten Beiträge zum Bestehen der Gesellschaft leisten, die diese im Zuge einer „entgleisenden“ Säkularisierung nicht zur Kenntnis nehmen wolle. Ratzinger konzedierte, „dass es Pathologien in der Religion gibt, die höchst gefährlich sind und die es nötig machen, das göttliche Licht der Vernunft als ein Kontrollorgan anzusehen, von dem her sich Religion immer wieder neu reinigen und ordnen lassen muss.“ Vernunft und Glauben, Vernunft und Religion seien „zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen“. Hehre Worte.
Abstoßend ist die Wirklichkeit, von der namentlich die katholische Weltkirche seitdem durch die in der Gesamtheit längst noch nicht alle bekannten Missbrauchsskandale eingeholt worden ist. Von dieser Wirklichkeit wollte sie nichts wissen – und will es immer noch nicht, wie das Antwortschreiben des emeritierten Papstes Benedikt XVI. an die Ersteller eines von der Erzdiözese München-Freising in Auftrag gegebenen Gutachtens bezüglich des Missbrauchs im Bistum von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart mit teils perversen Haarspaltereien beweist.
In seiner Eigenschaft als Kardinal vor Ort, führt zudem der greise Ratzinger aus, habe er von Missbrauchsfällen nichts gewusst. Vor allem habe er nicht an einer Sitzung teilgenommen, in deren Verlauf beschlossen wurde, einen Priester und Päderasten aus dem Ruhrgebiet in Bayern weiterhin wirken zu lassen, was dann resultativ auch unter Ratzingers Nachfolgern weiterhin bis 2010 der Fall war. Das Sitzungspapier liegt nun vor. Ratzinger war dabei, und auch der damals amtierende Generalvikar, der für Ratzinger 2010 noch gelogen hatte (und die Schuld auf sich nahm), rückt von seinen Aussagen ab.
Es geht hier und heute nicht darum, einen ehemaligen Papst zu demontieren, der bereits aus der Verantwortung gegangen ist, als er 2013, nach knapp acht Jahren Amtszeit, sich nicht mehr in der Lage sah, auf die globalen Erschütterungen durch den Missbrauch in der Amtskirche zu reagieren – und emeritierte. Dieser Papst hat sich längst selbst demontiert – und seine Kirche in größeren Teilen gleich mit. Sein Nachfolger, Franziskus, wusste, worauf er anspielte, als er in seiner ersten Enzyklika, „Evangelii Gaudium“, über das Evangelium in der Welt von heute, schrieb: Im Dienste der Laien stehe „eine Minderheit: die geweihten Amtsträger.“ Aber auch Franziskus hat nicht verhindern können – und auch oft nicht wollen, – dass die Kirche immer zuerst sich selber und ihre Nomenklatura zu schützen sucht und nicht vorrangig an die Opfer von elend verbrecherischen Praktiken denkt, die systemisch bedingt sind.
Empathie ist für viele im welt- und leider partiell auch menschlichkeitsfremden Machtapparat der katholischen Kirche ein Fremdwort, und das sollte auch den Staat und die Justiz alarmieren; letztere kann zum Beispiel wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch ermitteln.
Besonders beschämend bleibt, zumal für Christen, die sich hilfreich und hoffend immer wieder auf neue (synodale) Wege begeben, dass die Kirche immer wieder den Eindruck erweckt, sie wolle sich eigentlich nicht von Grund auf erneuern. Die Münchner Studie und die reaktionären bis schändlichen Reflexe darauf sehen die katholische Kirche an einem neuerlichen, höllischen Tiefpunkt.