Raubkunst in deutschen Museen Leichen im Keller
Werden die Museen bald leer sein? Nein! Aber auch wenn nun Bronzen an den Benin zurückgehen, wartet schon ein sehr viel unangenehmeres Thema auf die Museen und Universitäten.
Werden die Museen bald leer sein? Nein! Aber auch wenn nun Bronzen an den Benin zurückgehen, wartet schon ein sehr viel unangenehmeres Thema auf die Museen und Universitäten.
Stuttgart - Wenn einer eine Reise tut, dann bringt er gern ein Souvenir mit. Das war in früheren Zeiten nicht anders – im Gegenteil. Vor 150 Jahren war es noch längst keine Selbstverständlichkeit, in Länder zu reisen, von denen die Menschen daheim bestenfalls aus Zeitungen wussten. Die Geschäftsleute und Beamten, Forschungsreisenden und Missionare, die Ende des 19. Jahrhunderts in die deutschen Kolonien reisten, packten dort kistenweise Souvenirs ein: Ketten und Armbänder, Geschirr oder Kultgegenstände. Einige hatten in ihren Koffern sogar Totenschädel.
Heute befinden sich viele dieser Mitbringsel in Museen. Die Keller und Depots der ethnologischen Häuser sind voll von Kult- und Alltagsgegenständen. Die Hälfte der 160 000 Objekte, die etwa das Linden-Museum Stuttgart besitzt, hat einen kolonialen Hintergrund. Nicht alles davon wurde ehrlich erworben, denn die Europäer begegneten den Einheimischen keineswegs auf Augenhöhe, sondern zwangen ihnen die europäischen Sitten und Bräuche, ihre Sprache, Verwaltung, Architektur auf. Dazu führten sie auch blutige Kriege, bei denen Mitbringsel brutal erbeutet wurden.
Inzwischen haben die Provenienzforscher der Museen längst nachgewiesen: An vielen Objekten klebt Blut. Auf der Homepage des Berliner Humboldt Forums klingt das trotzdem ganz anders. Hinter der rekonstruierten Fassade des Hohenzollernschlosses sollen im Spätsommer unter anderem das neue Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst eröffnet werden. 20 000 Exponaten auf 14 000 Quadratmetern, heißt es stolz in der Ankündigung. Man wolle einen „umspannenden Überblick über die Kunst und Kulturen der Welt“ geben.
Statt nach dem Umgang mit der kolonialen Schuld zu fragen, hat man in den vergangenen Jahren lieber darüber diskutiert, ob es zeitgemäß ist, ein Schloss wieder aufzubauen beziehungsweise vor ein modernes Gebäude eine historische Fassade zu hängen. Bénédicte Savoy war eine der wenigen, die immer wieder laut mahnte, dass sich die Berliner dringend ihrer Vergangenheit stellen sollten, damit diese ihnen nicht eines Tages unschön vor die Füße fällt.
Die Kunsthistorikerin ist Professorin in Berlin und gehörte zur internationalen Fachkommission des Humboldt Forums – bis sie schließlich entnervt das Handtuch warf. Man könne heutzutage kein ethnologisches Museum neu eröffnen, ohne die Bestände selbstkritisch erforscht zu haben. Sie wolle wissen, so Savoy, „wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft“.
Nun, vier Jahre später, hat sich bewahrheitet, was sie ahnte, und das Humboldt Forum muss kurz vor der Eröffnung umplanen, weil es ohne einige besonders bedeutende Stücke wird auskommen müssen. Die Politik hat beschlossen: Die deutschen Museen werden im nächsten Jahr einen Teil der sogenannten Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben – also Kulturobjekte, über deren düstere Vergangenheit kein Zweifel besteht.
1897 schlugen britische Truppen im Königreich Benin zu – und stahlen um die 5000 bis 6000 Kunstobjekte aus dem Palast. Mit den Benin-Bronzen wurde viel Geld gemacht auf dem Kunstmarkt. Sie landeten in zahlreichen europäischen Museen. Berlin hat in Deutschland den größten Bestand – 530 Objekte. Aber auch das Stuttgarter Linden-Museum besitzt 67 dieser Benin-Bronzen. Einige kann man in der aktuellen Ausstellung „Wo ist Afrika?“ besichtigen.
Für den Bundesaußenminister Heiko Maas ist es „eine Frage der Gerechtigkeit“, dass man dem Königshaus zurückgibt, was dies schon lang fordert. Auch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters unterstützt die Rückgabe, schließlich müsse sich Deutschland seiner moralischen Verantwortung stellen. Das klingt edel und schuldbewusst – aber man staunt, dass es mehr als 40 Jahre benötigte, um sich dazu durchzuringen.
Denn schon in den 1970er Jahren gab es Forderungen, Raubgut aus den ehemaligen Kolonien zurückzugeben. Mehr noch: Es gab Unterstützer in Museen und Politik. „Nicht nur das Gesetz zwingt uns zur Restitution, sondern wir haben auch die moralische Verpflichtung dazu.“ So hieß es 1976 in einem französischen Kunstmagazin.
Warum aber ging es damals trotzdem nicht vorwärts und versandete die Debatte sogar? Anna Valeska Strugalla von der Universität Tübingen hat herausgefunden, dass das Stuttgarter Linden-Museum das Thema regelrecht abwürgte. Der damalige Direktor Friedrich Kussmaul hatte Angst, Sammlungsbestände und damit Ansehen zu verlieren.
Deshalb setzte er alle Hebel in Bewegung, trommelte bei Kollegen, dem Deutschen Museumsbund, beim baden-württembergischen Kultusministerium und sogar beim Auswärtigen Amt und bat, stillzuhalten. Mit Erfolg. Forderungen aus Afrika wurden ignoriert, die Kolonialgeschichte wurde wieder totgeschwiegen.
Dass jetzt doch etwas passiert, ist auch Barbara Plankensteiner zu verdanken. Die heutige Direktorin des Hamburger ethnologischen Museums hat schon vor zehn Jahren die Benin Dialogue Group initiiert. Seither trafen sich europäische Museumsleute immer wieder mit Vertretern des Königshauses Benin und diskutierten Rückgabeszenarien.
Ein wichtiger Schritt war die Konzeption eines neuen Museums in Benin. Denn oft ist unklar, wem das Raubgut zusteht – dem heutigen Staat oder den Ursprungsgesellschaften? Das Museum in Benin erleichtert die Rückgabe, zumal so auch sichergestellt ist, dass die Bronzen weiterhin betreut und ausgestellt werden.
Wann und wie viele Bronzen konkret zurückgegeben werden, ist noch unklar. Aber Sorgen, dass das Humboldt Forum mit leeren Vitrinen eröffnet, muss man sich nicht machen, denn wie die meisten afrikanischen Gesprächspartner fordert auch das Königshaus Benin keineswegs alles zurück. Im Gegenteil ist es ihm ein Anliegen, dass seine Kultur weiterhin in europäischen Museen vertreten ist.
Auch wenn eines Tages weitere Objekte aus kolonialem Kontext restituiert werden sollten, wird es doch immer nur ein Bruchteil dessen sein, was die europäischen Museen besitzen. Die Schlagzeilen, die das Thema macht, stehen in keinem Verhältnis zu den realen Zahlen. Als das Land Baden-Württemberg vor zwei Jahren vorpreschte und die Kunstministerin Theresia Bauer eigens Objekte an Namibia zurückgab, handelte es sich gerade um zwei Stücke: die Bibel und die Peitsche des namibischen Nationalhelden Hendrik Witbooi.
Sicher ist, das Thema koloniale Schuld wird sich so schnell nicht erledigen – das konnte man lernen aus dem Umgang mit Raubkunst während des Nationalsozialismus. Trotz offensiver Aufarbeitung in den Museen ploppen immer neue Fälle auf. So wurde gerade erst Erich Heckels Gemälde „Geschwister“ aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe an die Erben des jüdischen Besitzers in den USA zurückgegeben.
Aber auch die nächste Baustelle wartet bereits: die „Human Remains“, also menschlichen Überreste. Aus den Kolonien wurden zahllose Schädel und Gebeine, Organe, Haare und Häute Verstorbener nach Deutschland verschifft, wo sie auch von Rasseforschern vermessen und untersucht wurden. Vieles von dem, was in den Museen und Universitäten lagert, wird man vermutlich nie mehr identifizieren, zurückgeben und menschenwürdig bestatten können.
Denn so, wie man die Bewohner der Kolonien nicht als Individuen betrachtete, so wenig scherte man sich um sie als Tote – und notierte meist nur „Buschmann, südliches Afrika“.
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