Astronaut Matthias Maurer Der Mann mit dem langen Atem

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Bisher trainiert der zweite deutsche Astronaut Matthias Maurer noch im Stillen. Doch mit der Ruhe könnte es bald schon vorbei sein – ein Flug innerhalb der nächsten zwei Jahre wäre möglich.

Köln - Man braucht Geduld, wenn man den richtigen Stein von einem anderen Planeten zur Erde zurückbringen will. Und ein gutes Auge. Das ist der Grund, warum Matthias Maurer in diesem Spätsommer zum dritten Mal auf die Kanaren-Insel Lanzarote gekommen ist. Zusammen mit Trainer Hervé Severin pilgert er in die schwarze Steinwüste hinaus. Dort wird sichtbar, was die Erde tatsächlich ist: eine Kugel aus Stein, die durchs All rast, genau wie Mond, Mars, Venus und Merkur. Mit geübtem Auge kann man die Ähnlichkeiten durchaus erkennen.

Und das ist es, was Maurer und Severin bei der Pangea-Expedition der europäischen Raumfahrtagentur Esa hier tun: von der Erde so viel wie möglich über andere Planeten und den Mond lernen. Gemeinsam ziehen die beiden einen Bollerwagen hinter sich her, voll gepackt mit Greifern, Zangen, Probenbeuteln. In der Hand tragen sie einen Hammer, wie ihn die Apollo-Astronauten benutzten, und ein Tablet, das sogenannte Feldbuch. Damit können Maurer und Severin ihre Proben fotografieren und im Zweifel von Wissenschaftlern beurteilen lassen. Auf dem Mond wird Maurer, sollte er als Astronaut eines Tages dort stehen, diese Möglichkeit nicht haben.

Eine gute und eine schlechte Nachricht

Es hat lange gedauert, bis sein Traum, eines Tages ins All zu fliegen, in greifbare Nähe rückte. An den Anruf des Esa-Generaldirektors Jean-Jacques Dordain nach der Bewerbungsrunde 2008 kann sich Matthias Maurer noch gut erinnern. Als Dordain die Liste mit den zehn Kandidaten vor sich liegen hatte, die aus mehr als 8000 Bewerbern ausgewählt worden waren, rief er alle persönlich an. Maurer war einer davon, Alexander Gerst ein anderer. Dordain hatte eine schwere Aufgabe vor sich. Er konnte nur sechs Astronauten nominieren, weil er nur sechs Flüge in Aussicht hatte. „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht“, sagt er zu Matthias Maurer. „Die schlechte ist: Sie werden nicht Astronaut. Die gute ist: Sie können immer noch Generaldirektor der Esa werden.“ Das Gleiche sagte Dordain, der einst selbst in die Endrunde für die Spacelab-1-Mission gekommen war, damals auch zu drei anderen Bewerbern. Alle drei haben dankend abgewinkt, Maurer nicht. „Ich sagte mir: Du hast dann vielleicht nicht zu hundert Prozent das, was du wolltest, aber zu 80 Prozent. Du kannst immer noch Raumfahrt mitgestalten“, erinnert sich Matthias Maurer.

Und das tat er. Der promovierte Materialwissenschaftler wurde zum Eurocom ausgebildet – einem jener Spezialisten, die den Kontakt zwischen Astronauten im All und den Bodenzentren halten. Es war ein Job, der ihm lag. Auch den Start seines Kollegen Alexander Gerst im Juni begleitete er im russischen Kontrollzentrum Korolev bei Moskau. Nach und nach wurden ihm mehr Projekte übertragen: Maurer war für die Gestaltung der Beziehungen zur chinesischen Raumfahrtagentur zuständig, und er arbeitete an der Entwicklung eines Testgeländes namens Luna für künftige Mondmissionen. Mit dem Bau soll nächstes Jahr begonnen werden. 2015 schließlich rückte Maurer ins Astronautenkorps nach. Im September schloss er seine Grundausbildung als Astronaut ab.

Bei der offiziellen Feier versprach ihm Dordains Nachfolger, Esa-Generaldirektor Jan Wörner, einen Flug innerhalb der nächsten drei Jahre. „Wer mir als Erstes ein Ticket zum Mond anbietet, bei dem fliege ich mit“, sagt Matthias Maurer selbstbewusst. Er spricht inzwischen Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch – und Chinesisch. Die Jahre bis zur Nominierung hat Maurer gut genutzt. Jetzt ist er in einer Startposition für einen Flug zum Mond, wie sie nicht viel besser sein könnte. Diese Jahre haben ihn vor allem eines gelehrt: „In der Raumfahrt braucht man einen langen Atem.“

Auf Lanzarote für den Mars trainieren

Wenn über der Hochebene von Lanzarote die Sonne untergeht, fällt es leicht, sich sogar auf den Mars zu träumen. Matthias Maurer streift schwitzend durch die karge Landschaft, simuliert hüpfend Erdbebenwellen, um Geräte zu testen, und schleppt am Ende einen Bollerwagen voller Proben nach Hause zur Basisstation. Die Wissenschaftler sind begeistert. Die Astronauten haben den Test bestanden. Sie haben tatsächlich ein gutes Auge dafür entwickelt, welche Steine sich als Proben eignen – und in welchen sich womöglich sogar Hinweise auf Leben verstecken könnten. Maurer hat bereits auf jede erdenkliche Weise durchgespielt, wie es sein könnte, eine fremde Welt zu erkunden.

Der Ausflug auf die Kanareninsel war seine dritte Pangea-Expedition. Er stieg mit der Expedition Caves 2014 in sardische Höhlen hinab. Und 2016 lebte er bei der Expedition „Neemo 21“ zwei Wochen lang an einem Ort, von dem er – genau wie von Mond oder Mars – nicht so schnell hätte zur Erdoberfläche zurückkehren können: in einer im Meer versenkten Station namens Aquarius, die inzwischen von Hurrikan Irma zerstört worden ist. Jeden Tag durchwanderten die Astronauten die Umgebung in zwanzig Meter Tiefe, begleitet von den Riffbewohnern. Der Auftrieb wurde so eingestellt, dass er der geringeren Schwerkraft des Mars nahe kam. Maurer war verblüfft, wie schnell er sich an die fremde Welt gewöhnte und nichts vermisste – mehr als das: „Ich habe diese Welt schon nach wenigen Tagen als meine eigene betrachtet und gedacht: Ja, ich gehöre hierher“, erzählt er. Mit jedem Tag mehr wurden ihm das Leben am Riff und sein Rhythmus vertrauter. An eine karge graue Wüste unter schwarzem Himmel, glaubt er, könnte er sich genauso schnell gewöhnen. „Der Mond ist eindeutig mein Lieblingsziel.“

Das wurde ihm klar, als er das Testlabor Luna für künftige Mondmissionen mit entwickelte. „Ich weiß ziemlich genau, was mich erwarten würde“, sagt er. Und er wäre sofort bereit, sein Leben auf der Erde für ein solches Ziel zurückzulassen. Nur einmal hat den 48-Jährigen der Gedanke an seine Familie innehalten lassen – damals, in der Höhle Sa Grutta auf Sardinien. Er musste plötzlich an die beiden Großväter denken, die ein hartes Leben als Bergleute im Saarland fristeten. Und an den Vater, der auf keinen Fall unter Tage arbeiten wollte, dann Justizbeamter wurde und später in einem Gefängnis arbeitete. Er grinst. Er wollte beides vermeiden. „Und dann stehst du, weil du nach den Sternen greifen willst, am Ende auch wieder in einer Höhle.“

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