Raumfahrt Russland will bis 2029 Menschen zum Mond schicken

Von , Moskau 

Die russische Raumfahrtagentur legt ein ehrgeiziges Programm zur Landung auf dem Mond und dem Bau einer Mondbasis auf. China soll als Kooperationspartner dabei sein. Zum Training melden sich Freiwillige auch aus Europa, den USA und Japan.

Eine künftige Mondbasis, wie Russland und Europa sie sich vorstellen. Foto: ESA
Eine künftige Mondbasis, wie Russland und Europa sie sich vorstellen. Foto: ESA

Stuttgart - Russlands derzeitiges Programm für Weltraumforschung sei „schlank und ausgewogen“, setze die richtigen Prioritäten und sei auf „konkrete, realistische Ziele“ orientiert, lobte Wladimir Solnzew, der Chef des Raumfahrtkonzerns Energija am Dienstag in Moskau auf einer Konferenz für Weltraumtechnologien. In der Tat: bemannte Flüge zum Mars sind zwar nicht vom Tisch, momentan jedoch ferne Zukunftsmusik.

Um so energischer soll die Erforschung des Mondes vorangetrieben werden – mit neuen, mehrfach verwendbaren Transportern, die derzeit bei Energija entwickelt werden und sowohl für das Andocken an die Internationale Raumstation (ISS), besonders jedoch für Mondmissionen geeignet sind. Sie sollen von 2021 an mit schweren Trägerraketen des Typs Angara A5B ins All geschossen werden und maximal vier Besatzungsmitgliedern Platz bieten. Beim Bau sollen Verbundstoffe und Techniken zum Einsatz kommen, die, wie die Hersteller behaupten, weltweit teilweise einmalig sind. Neue Bordelektronik soll die Transporter nicht nur sicherer machen, sondern auch Annäherung und Andockmanöver erleichtern. Sie können sich 30 Tage lang autonom im All bewegen und bei Flügen zum Mond 19 Tonnen Nutzlast transportieren, bis zur ISS fast das Doppelte.

Trainingswillige auch aus USA, Europa und Japan

Der erste unbemannte Start zum Mond steht für 2025 auf der Agenda; spätestens 2029 ist ein bemannter vorgesehen. Eine Serie von internationalen Experimenten zur Simulierung von Flügen zum Mond, zum Mars und weiteren Planeten läuft bereits 2016 an. Freiwillige aus Russland, den USA, Europa und Japan werden dazu in den nächsten fünf Jahren zunächst zweiwöchige, dann acht und sogar zwölf Monate umfassende Trainingseinheiten absolvieren.

Der Ansturm sei groß, sagt Oleg Orlow, der stellvertretende Direktor des Instituts für medizinisch-biologische Probleme in Moskau. Es waren schon federführend bei Mars 500 beteiligt, einem Gemeinschaftsprojekt der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos und der europäischen Esa, mit dem 2010/11 ein bemannter Flug zum Mars mit Landung und Rückkehr zur Erde simuliert wurde. Das einem Raumschiff nachempfundene Modul – in einem Teilbereich war sogar die Oberfläche des roten Planeten rekonstruiert worden – soll für die Simulation der Mondflüge einen neuen Block erhalten, in dem die virtuelle Welt der Realität noch näher kommt.

Dazu gehöre auch ein Raum mit niedrigem Magnetfeld. Das, so Orlow, sei für das Modellieren von raumflugspezifischen Verhältnissen von besonderer Bedeutung. Auf den Einsatz erhöhter radioaktiver Strahlung, wie sie bei längeren Raumflügen auftritt, werde man jedoch verzichten.

Die Finanzierung ist nicht gesichert

In die Container-WG, so der Forscher, würden gemischte Crews einziehen, Männer und Frauen. Bei Mars 500 hatte man davon Abstand genommen. Denn als zehn Jahre zuvor Leben an Bord der ISS simuliert wurde, hatte in der Neujahrsnacht ein Russe versucht, eine Kanadierin gegen deren Willen zu küssen. Mediziner machen den Champagner verantwortlich, der zum Silvestermenü gehörte. Teufel Alkohol hat seither im Container Hausverbot.

Die Bedrohung für Russlands Mondprogramm ist daher nicht der Fusel, sondern schnöder Mammon. Von den im August beschlossenen Kürzungen des Raunfahrtetats seien auch Langzeitprojekte wie bemannte Flüge zum Mond betroffen, schreiben gleich mehrere Zeitungen und berufen sich dabei auf Insiderwissen. Realistisch sei die geplante „Kolonisierung des Mondes“ nur in Kooperation mit China, glaubt daher Raumfahrtexperte Alexander Schelesnjakow. Bei den dazu nötigen technischen Anpassungen werde es kaum Probleme geben. China habe, als es in den Neunzigerjahren seine eigene Basis entwickelte, vor allem sowjetische Technik genutzt.

Vorrang bei Gemeinschaftsvorhaben soll die Kartierung der von der Erde nicht einsehbaren Rückseite des Mondes haben. wo bisher auch keine Landungen und Entnahmen von Gesteinsproben stattfanden. Zwar wurden einschlägige Absichtserklärungen schon 2014 unterzeichnet. Doch seither geht es in Russland wie in China mit der Wirtschaft abwärts. Gemeinsame Missionen könnten sich daher im Wortsinne als Schlösser auf dem Mond entpuppen.