Raumfahrt und Soziologie Was von der Mondlandung geblieben ist

Neil Armstrong setzte am 21. Juli 1969 alserster Mensch seinen Fuß auf den Mond. Foto: dpa

Vor 50 Jahren landeten Neil Armstrong und Buzz Aldrin als erste Menschen auf dem Mond. Die Gesellschaft hat das aber kaum verändert, sagt ein Soziologe. Doch die Raumfahrt wurde seither nützlicher.

Stuttgart - Wohl alle, die am 20. Juli 1969 bereits dabei waren, können sich noch daran erinnern: Bei der Landung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin schaute nach NASA-Schätzung eine halbe Milliarde Menschen zu, ein Sechstel der Erdbevölkerung. „Der große Schritt für die Menschheit“ ist vermutlich das Medienereignis des 20. Jahrhunderts.

 

Und doch spielt es unter Soziologen keine Rolle: „Es gibt zwar ein paar, die sich damit immer mal wieder befasst haben“, sagt der Raumfahrtsoziologe Dierk Spreen, einer von sehr wenigen seiner Disziplin. Doch eine große Beachtung unter Gesellschaftswissenschaftlern fand das Ereignis nicht. Vielleicht hat es damit zu tun, dass einfach noch nicht so viele Menschen im Weltraum gewesen sind. Oder dass das Mondfahrtzeitalter zu kurz war – Es dauerte gerade drei Jahre, bis Apollo gestrichen wurde.

Schon vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre schienen Flüge ins All immer realistischer zu werden – Und zeitgleich zu Science-Fiction-Autoren und Ingenieuren begannen auch andere, sich mit den fantastischen Möglichkeiten zu befassen. „Zu der damaligen Zeit haben viele bekannte Philosophen etwas zur Raumfahrt gesagt, weil es ein aktuelles Thema war“, sagt Dierk Spreen. Der Philosoph und Staatsrechtler Carl Schmitt analysierte in seiner Schrift „Nomos der Erde“ im Jahr 1950, wie der Mensch im Laufe der Geschichte durch Technik immer neue Räume erschloss: Fürs Land brauchte er Straßen, für die See Schiffe, für die Luft Flugzeuge. Und bald käme etwas Neues dazu. „Der Weltraum rückte in den Bereich dessen, was Menschen erreichen können“, sagt Dierk Spreen. In den 60er Jahren schien noch alles möglich zu sein, „weil da oben muss man ja keine Rücksicht nehmen auf irgendetwas, sondern man setzt einfach eine Raumstation dahin und baut die so, wie man Lust hat“, sagt der Soziologe.

Die Öffentlichkeit wollte damals an ein großes Menschheitsprojekt glauben

Diesen leeren Raum befüllte auch John F. Kennedy. „Es gibt keinen Streit, kein Vorurteil, keinen nationalen Konflikt“, sagte er in seiner berühmten Rede in der texanischen Rice-Universität im September 1962. „Seine Eroberung verdient das Beste der gesamten Menschheit und die Gelegenheit für friedvolle Zusammenarbeit kommt vielleicht nie wieder.“ Dabei klang die Idee eines Mondfluges damals völlig fantastisch: Schimpansen und Hunde hatten gerade erst bewiesen, dass Säugetiere in der Schwerelosigkeit überhaupt überleben können. Doch im Namen der Menschheit war der US-Kongress bereit, immense Summen freizugeben.

„Man muss sich vorstellen: Es sind damals fast 24 Milliarden Dollar von den USA verbrannt worden, was aus heutiger Sicht weit mehr als 100 Milliarden Dollar sind“, sagt Helmuth Trischler, Technikhistoriker am Deutschen Museum und Experte für Großprojekte. Die Zahl der Arbeitskräfte im Apollo-Projekt wurden im 20. Jahrhundert noch vom Bau der US-Atombombe im Manhattan-Projekt oder durch die deutsche Luftrüstung während des zweiten Weltkrieges übertroffen. Doch von Aufrüstung haben die Menschen genug. Auch die Öffentlichkeit wollte daher an ein großes Menschheitsprojekt glauben – auch als die 60er Jahre mit dem Vietnam-Krieg und der beginnenden Umweltbewegung dem Ende entgegengingen.

Lesen Sie hier: 1969 – das Jahr der großen Schritte

Das öffentliche Interesse erlahmte jedoch direkt nach der ersten Mondlandung. Mit Ausnahme der Beinahe-Katastrophe von Apollo 13 beschäftigten die Menschen der frühen 70er Jahre ganz andere Dinge. Und die Raumfahrt sollte nun nicht mehr um ihrer selbst Willen existieren, als Zeichen des Aufbruchs des Menschen ins All. Die Internationale Raumstation (ISS), deren Preisschild von über 100 Milliarden Dollar im Bereich des Apollo-Programms rangierte, zeigt genau das: Die Raumfahrt musste nun nützlich sein. Dierk Spreen sieht in der Raumfahrt seit jener Zeit ein immer wichtiger werdendes gesellschaftliches Projekt. „Also muss sie sich jene Fragen stellen lassen, die sich auch alle anderen gesellschaftlichen Akteure stellen lassen.“

Streit, Vorurteil und nationale Konflikte sind inzwischen im All angekommen

Die Raumfahrt von heute ist ganz anders als noch 1969: Auf der ISS arbeiten 16 Nationen zusammen; China lud kürzlich die Welt zur Forschung auf seiner geplanten Station. Aber da ist auch Donald Trump, der ganz anders klingt als Kennedy, wenn er mit der Space Force eine eigene Waffengattung für das All ausruft. Indien testete im März 2019 eine Anti-Satellitenwaffe, elf Jahre nach dem ersten derartigen Test Chinas. Anders als 1962 von Kennedy versprochen sind Streit, Vorurteil und nationaler Konflikt inzwischen im All angekommen.

Lesen Sie hier: Europas Kampf ums All

Doch das Motiv von damals spiegelt sich in den Fantasien für eine kommerzielle Raumfahrt, bei der bald jeder auf Neil Armstrongs Logenplatz im Meer der Ruhe Platz nehmen kann. Die neuen Kennedys, die dieses Zeitalter einleiten, sind vielleicht die neuen Entrepreneure der Raumfahrt, Elon Musk und Richard Branson. Das sieht jedenfalls Dierk Spreen so: „Musk und Branson sprechen von der Demokratisierung der Raumfahrt.“ Sie vertreten ein neues Paradigma: Jeder, der es sich leisten kann, kann Weltraumfahrer werden.

„Wo ich auch hingucke, sehe ich, dass sich die Raumfahrt immer mehr in die Gesellschaft integriert“, sagt Dierk Spreen. „Und das bedeutet, dass sie damit auch zu einem sozialen Phänomen wird und deswegen auch Gegenstand der Soziologie.“ Der Soziologe glaubt: Das demokratisierte All kann dabei helfen, etwas zu beseitigen, das er die „irdische Kleingartenmentalität“ nennt – und über das die Astronauten naturgemäß den Kopf schütteln. Denn vom Mond aus betrachtet ist auch Donald Trumps Mauer unsichtbar – und unerheblich. Wenn das nur ausreichend viele Menschen erfahren haben, könnte sich womöglich wirklich etwas ändern. Vielleicht klappt es ja dann mit dem großen Schritt für die Menschheit?

Weitere Themen