InterviewRaumfrachter Progress stürzt ab „In Deutschland gibt es für solche Fälle Notfallpläne“

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In der kommenden Woche dürfte der havarierte russische Raumfrachter Progress abstürzen. Andreas Schütz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat einen solchen Fall schon einmal erlebt und erzählt im StZ-Interview, wie man damals reagiert hat.

Viele Raumtransporter sind nicht für eine Rückkehr zur Erde vorgesehen. Dazu zählen das europäische Automated Transfer Vehicle (ATV, im Bild) und auch der russische Frachter Progress. Foto: Esa/D. Ducros
Viele Raumtransporter sind nicht für eine Rückkehr zur Erde vorgesehen. Dazu zählen das europäische Automated Transfer Vehicle (ATV, im Bild) und auch der russische Frachter Progress. Foto: Esa/D. Ducros
Am 23. Oktober 2011 stürzte der deutsche Röntgensatellit Rosat in den Indischen Ozean. Er hatte schon einige Jahre zuvor seine Mission beendet und ließ sich nicht mehr manövrieren. Dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) blieb nur, die Umlaufbahn zu verfolgen und rechtzeitig vor einem eventuellen Einschlag zu warnen. Andreas Schütz, Pressesprecher des DLR, hat damals die Krisenkommunikation geleitet. Im StZ-Gespräch gibt er eine Einschätzung zum erwarteten Absturz des fehlgestarteten russischen Raumfrachters Progress in der kommenden Woche.
Herr Schütz, gibt es beim drohenden Absturz eines Raumschiffs ein international verbindliches Prozedere?
Nein, es hängt von den nationalen Gegebenheiten ab, wie man die Öffentlichkeit informiert. Beim Absturz des Satelliten Rosat war uns wichtig, Transparenz herzustellen, um den Menschen die Angst zu nehmen.
Erwarten Sie das auch von Ihren russischen Kollegen?
In den vergangenen Jahren hat sich bei solchen Vorfällen gezeigt, dass man sie dort eher als interne Probleme betrachtet. Die Medien müssen oft aus anonymen Quellen zitieren. Wie die Behörden beim Absturz des Progress-Raumfrachters handeln werden, bleibt aber abzuwarten.
Sind wir auf die russischen Informationen angewiesen?
Auch andere werden die Flugbahn aktiv beobachten, etwa die USA und die Bundeswehr in ihrem Weltraumlagezentrum. Sie werden den Zeitpunkt des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre berechnen und, wenn es nötig wird, die Öffentlichkeit informieren.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nötig wird?
Der Progress-Frachter ist nicht für die Rückkehr zur Erde vorgesehen. Er beliefert üblicherweise die Internationale Raumstation, wird dort mit Müll beladen und verglüht anschließend vollständig in der Atmosphäre.
Wie sah Ihre Strategie beim Absturz von Rosat aus?
Dass es dazu kommen würde, war Jahre vorher bekannt, und es gab auch Berechnungen, welche Bauteile den Wiedereintritt in die Atmosphäre überstehen könnten. Wir haben offen darüber informiert und so auch zu einem sicheren Umgang mit der Situation beigetragen.
Wie wären Sie verfahren, wenn der Satellit nicht im Indischen Ozean aufgekommen wäre, sondern in bewohntem Gebiet?
Dann hätten wir die zuständigen Behörden informiert, also den Zivil- und Katastrophenschutz und die Feuerwehr. Was dann genau geschieht, hängt davon ab, welches Szenario man erwartet. In Deutschland gibt es für solche Fälle Notfallpläne.
Wie haben Sie die letzten Stunden vor dem Wiedereintritt erlebt?
Wir saßen in einem Krisenteam zusammen. Interessant war zu sehen, welche Rolle die sozialen Medien spielen. Wir bekamen beispielsweise Fotos aus Florida zugeschickt, wo erste Leuchtspuren des Satelliten zu sehen waren. Als klar war, dass Rosat vor der Küste Thailands in die Atmosphäre eintritt, haben wir deutsche Botschaften in den Anrainerstaaten kontaktiert. Es gab zum Glück keine Schäden an Land. Die Umläufe vor dem Absturz zu verfolgen, war eine ziemliche nervliche Anspannung.

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