Raupen auf dem Vormarsch Giftige Eichenprozessionsspinner

Von hsp 

Es sind nur kleine Raupen, doch ihre Brennhaare können richtig gefährlich werden. Was es mit den Eichenprozessionsspinnern auf sich hat – und wie man auf sie reagieren sollte.

Die Raupe des Eichenprozessionsspinners, eines Nachtfalters, hat giftige Haare. Foto:  
Die Raupe des Eichenprozessionsspinners, eines Nachtfalters, hat giftige Haare. Foto:  

Stuttgart - Eigentlich sehen sie harmlos aus, doch ihre Brennhaare können gefährlich werden. In Bretten bei Karlsruhe haben die Raupen des Eichenprozessionsspinners vor wenigen Tagen sogar einen Polizeieinsatz ausgelöst: Mehrere Schüler haben über Hautreizungen und Atemnot geklagt, zwei Schulen wurden geräumt. Der Grund: Vermutlich sind die Kinder mit den giftigen Haaren der Raupen in Berührung gekommen. Denn gefährlich ist nicht der Falter, der Eichenprozessionsspinner selbst, sondern die sehr feinen Haare ihrer Raupe. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Ist die Lage in diesem Jahr besonders schlimm?

Schon seit ein paar Jahren breitet sich der Eichenprozessionsspinner in ganz Deutschland rasant aus, heißt es etwa von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Ein Grund dafür sind wärmere Temperaturen. In diesem Frühjahr waren die Bedingungen für die Raupen des Eichenprozessionsspinners besonders gut: Die Wärme sei spät gekommen – aber genau zum richtigen Zeitpunkt für die Raupen, sagen Insektenkundler und Förster. Deshalb gibt es derzeit mehr Einzeltiere als noch im Vorjahr. Vermutlich würden sich die Falter durch die frühe und schnelle Entwicklung auch früher entpuppen als sonst.

Wie sehen die Raupen aus – und wann sind sie aktiv?

Die Raupen schlüpfen ab April und durchlaufen dann sechs Larvenstadien, bevor sie zum Falter werden. Sie sehen zuerst gräulich aus, sind behaart und entwickeln dann einen braunen Streifen auf ihrem Rücken. Ab dem dritten Larvenstadium haben die Raupen dann besonders lange, helle Haare, heißt es von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Unter diesen hellen Haaren liegen die gefürchteten Brennhaare. Sie sind nur ein paar Millimeter lang, enthalten aber einen Giftstoff, das Nesselgift Thaumetopein – eigentlich zum Schutz vor Fressfeinden. Es kann aber eben auch Menschen schaden, mitunter sogar schwere allergische Reaktionen auslösen.

Welche Gefahren bringen die Raupen mit sich?

Die Raupen entwickeln die gefährlichen Brennhaare meist im Mai und Juni. Das Problem: Die Brennhaare sind nicht nur an den Raupen selbst, sondern verbreiten sich etwa mit dem Wind auch leicht in Parks oder Alleen und bleiben zum Beispiel an der Kleidung hängen. Die Haare brechen leicht, außerdem lösen sie sich bei jeder weiteren Häutung der Raupen und finden sich dann auch in den Nestern. Sie bleiben zudem lange giftig. Kommen Menschen mit diesen Härchen in Berührung, können die starke Reaktionen auslösen. Der Giftstoff dringt leicht in die Haut und die Schleimhäute ein und sich dort festsetzen. Es drohen Hautirritationen wie Quaddeln, Atembeschwerden, Augenreizungen und Hautentzündungen, mitunter führen die Reizungen sogar zu Bronchitis oder Asthma. Dazu können auch allgemeinere Symptome wie Schwindel, Müdigkeit oder Fieber auftauchen. Im Einzelfall können die giftigen Brennhaare sogar einen allergischen Schock auslösen.

Was kann man tun, wenn man selbst betroffen ist?

Die Raupen und ihre Nester in den Bäumen oder Parks sollten in keinem Falle berührt werden, heißt es von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Hat man den Verdacht, etwa nach einem Waldspaziergang oder Parkbesuch mit den Brennhaaren der Raupen in Kontakt gekommen zu sein, sollte man unbedingt Schuhe und Kleidung wechseln und heiß waschen. Auch eine heiße Dusche mit Haarewaschen ist wichtig. Brennhaare der Raupen, die am eigenen Körper zu sehen sind, kann man entfernen – etwa mit einem Klebestreifen. Es empfiehlt sich auch alles, was außer einem selbst in Kontakt gekommen sein sollte, zu waschen und zu reinigen – also etwa das Auto.

Bei starken Hautreaktionen sollte man zum Arzt gehen, bei Atemnot den Notdienst anrufen. Richtige Medikamente gegen die Reaktion auf das spezielle Nesselgift gibt es nicht, die Symptome können aber mit kortisonhaltigen Salben oder Antihistaminika behandelt werden. Wer Nester des Eichenprozessionsspinner entdeckt, sollte sie laut der Forstexperten umgehend dem zuständigen Gesundheits- oder Gartenamt oder den Forstämtern melden.

Wo findet man die Eichenprozessionsspinner?

Die weißgrauen Gespinste der Eichenprozessionsspinner kommen vor allem an Eichenstämmen und in den Baumkronen vor, mitunter auch an Hainbuchenstämmen. Die Falter und ihre Raupen bevorzugen warm-trockene Regionen, heißt es von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Das heißt: Lichte Eichenwälder, Waldränder, Alleen und Einzelbäume. Bis zu 300 Eier legen die Weibchen an junge Zweige der Bäume, oft im obersten Kronenbereich. Die Raupen ernähren sich von Eichenblättern.

Mitunter bedecken die grauen Raupen ganze Baumkronen mit ihren Nestern – auch in der Region Stuttgart und im Stadtgebiet kommt das in den vergangenen Jahren immer wieder vor. Betroffen sind dann auch Spielplätze, die Außenbereiche von Kindergärten, Schulen, Schwimmbädern oder Parks und Sportanlagen.

Woher kommt der Name Eichenprozessionsspinner?

Der Eichenprozessionsspinner selbst – also der Falter – ist eigentlich ein ganz unscheinbarer Nachtfalter. Der Name des Schmetterlings hängt mit den Raupen zusammen: Sie krabbeln nachts gemeinsam – also in einer Prozession – vom Nest zu ihren Nahrungsplätzen etwa in Baumkronen, bevorzugt eben die von Eichen.

Warum gibt es immer mehr Eichenprozessionsspinner?

Früher galt der Schmetterling als selten. Doch seit den 1990er Jahren verzeichnen fast alle Bundesländer in Deutschland eine starke Zunahme des Eichenprozessionsspinner. Grund für die starke Ausbreitung könnten Veränderungen durch den Klimawandel sein, heißt es vom Naturschutzbund. „Die schwankenden Wetterbedingungen können einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Eichenprozessionsspinners haben“, so der Nabu. Besonders starke Populationen wurden demnach immer dann beobachtet, wenn die Frühjahrsmonate mild waren und im Spätsommer – während des Falterfluges und der Eiablage – eher trockenes Wetter mit wenig Wind herrschte.

Schadet das den Bäumen und dem Wald?

Laut Nabu hat ein einmaliger Befall der Eichenprozessionsspinner für viele Eichenbestände keine großen Auswirkungen oder längerfristige negative Folgen. Die Eichen haben laut Forstexperten und Naturschützern ein hohes Regenerationsvermögen, können sich also gut erholen. „Wiederholter starker Befall und Kahlfraß hingegen kann die Eichen anfälliger für sekundäre Schädlinge wie Eichenprachtkäfer, Eichenmehltau oder Schwammspinner machen“, heißt es. Treten diese verschiedenen Arten gemeinsam auf, kann das durchaus dazu führen, dass die Eichen Schaden nehmen. Die Folge sind vor allem bei mehrjährigem Befall etwa Verluste beim Zuwachs und sogar das Absterben einzelner Bäume oder ganzer Baumbestände.

Werden die Eichenprozessionsspinner bekämpft?

Immer wieder setzen Städte und Gemeinden inzwischen Schädlingsbekämpfungsmittel ein, um den Eichenprozessionsspinner zu bekämpfen und die giftigen Raupen unschädlich zu machen. Auch in der Region Stuttgart wurden Spezialfirmen mit der Behandlung von hunderten Bäumen mit Insektiziden beauftragt.

Der Eichenprozessionsspinner hat aber auch mehrere natürliche Feinde. Dazu gehören zum Beispiel Ei- und Raupenparasiten wie die sogenannten Raupenfliegen, die Käferart Puppenräuber oder auch der Kuckuck. Der Vogel verspeist die haarigen Raupen, das Gift der Brennhaare macht ihm nichts aus, weil er seine Magenschleimhaut mit den Härchen herauswürgen kann.