Raus aus der Filterblase Wenn man nur noch sieht, was einem gefällt

Durch Filterblasen wird die eigene Wahrnehmung immer wieder bekräftigt und uns wird bestätigt, dass alle anderen auch so denken. Foto: Unsplash/Mariano Nocetti

Durch Filterblasen entsteht ein einseitiges Bild der Welt ohne Gegenrede. Wie personalisierte Algorithmen entscheiden, wie wir die Welt sehen und wie man die Bubbles zum Platzen bringen kann.

Mut sich mit differenzierten Meinungen auseinanderzusetzen – das ist gar nicht so einfach. In Anbetracht, dass Algorithmen jeder Nutzerin und jedem Nutzer nur bestimmte Informationen in die Timeline spielen. So besitzt jede:r einen eigenen Strauß aus Informationen, die einen Diskurs erschweren.

 

Mittlerweile nutzen alleine in Deutschland 72,6 Millionen Personen Social Media. Google hat mit über 80 Prozent Marktanteil im Suchmaschinen-Markt eine monopole Stellung. Kostenlos ist beides – wir bezahlen mit unseren Daten. So landen Meldungen, Beiträge oder Nachrichten auf unserer Timeline, die zu uns und unserem Medienverhalten passen sollen. Konträre Meinungen tauchen hingegen sehr selten auf. Wissenschaftler: innen nennen dieses Phänomen Filterbubbles.

„Ähnliches hat sich schon immer zu Ähnlichem gesellt“

Der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger definiert die Filterblase in seinem Buch „Der (des)informierte Bürger im Netz” als „maßgeschneidertes Angebot an Informationen”. Mit jeder Interaktion, sprich jedem spontanen Link, Kommentar und Teilen, wird das Profil der Filterblase langfristig nachgebessert.

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Dass Filterblasen erst mit Beginn vom Web 4.0 entstanden sind, entkräftet Jens Vogelgesang von der Universität Hohenheim. Dort ist er Professor und Fachgebietsleiter für Kommunikationswissenschaft, insbesondere für Medien- und Nutzungsforschung. „Ähnliches hat sich schon immer zu Ähnlichem gesellt“, verdeutlicht er und spielt dabei auf das Prinzip der Homophilie an. Dieses besagt, dass Menschen sich gerne in Gruppen aufhalten, deren Mitglieder dieselben Werte, Ziele und Sympathien haben. Während sich die einen Gruppen nicht an Hundebildern sattsehen können, interessieren sich andere vor allem für Motorsport oder Interior Design.

Die eigene Wahrnehmung wird immer wieder bekräftigt

Doch durch Filterblasen entsteht ein einseitiges Bild der Welt: Das soziale Abbild, das wir durch soziale Medien und Suchmaschinen vermittelt bekommen, zeigt oft nicht das vollständige Bild vom aktuellen Diskurs und ist meist sogar von Meinungen anderer bereinigt. Die eigene Wahrnehmung wird immer wieder bekräftigt und uns wird bestätigt, dass die persönliche Meinung richtig ist und alle anderen auch so denken. Auch wenn Fakten im Allgemeinen nicht stimmen und nur die Meinung einer Minderheit reproduziert wird.

Raus aus dem Rabbit Hole

Filterblasen können weitreichende Folgen haben, wenn Nutzer:innen dabei in ein sogenanntes Rabbit Hole versinken. Wie bei Alice im Wunderland werden sie immer weiter in einen Sog aus Informationen gezogen. Existiert die Informationsquelle abseits der klassischen, etablierten Medien und verfolgt gewisse Ideologien, kann daraus eine verzerrte Realitätswahrnehmung resultieren. Die individuelle Einschätzung zwischen wahr und falsch wird erschwert, sodass alternative Fakten als absolute Realität wahrgenommen werden. Zur Vermeidung von starren Filterbubbles sollte die persönliche Meinung also stetig hinterfragt werden, um nicht in einem festgefahrenen Weltbild zu verharren.

Faire Diskussionen können nur in einer funktionierenden Demokratie stattfinden. „Ohne Gegenrede funktioniert Demokratie nicht”, erklärt Jens Vogelgesang. Es sei wichtig, sich über verschiedene Standpunkte auszutauschen, solange die Diskussion auf demokratischem Boden stattfinde. Er appelliert, „durch Gegenrede nicht entnervt zu werden”, sondern Mut zu fassen und sich mit differenzierten Meinungen auseinanderzusetzen.

Kommentarlinien vergleichen, aktiv selektieren

Wie Nutzer:innen aus ihrer Filterblase austreten können, erläutert Vogelgesang weiter: „Empfehlenswert ist es, gezielt verschiedene voneinander unabhängige Medienanbieter zu nutzen und die unterschiedlichen Kommentarlinien miteinander zu vergleichen. Lieber aktiv selektieren, als passiv konsumieren. So kann man dem Sog einer Filterblase entkommen. Wichtig dabei ist, laut Jens Vogelgesang, die Neugier, sich „Zeit für differenzierte Meinungsbildung zu nehmen, vielleicht lernt man ja was Neues.“

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