Wenn Stuttgarts OB Luftgitarre auf der Bühne spielt und „Let’s-Dance“-Sieger Diego Pooth die Stimmung noch wilder macht, feiert die Aids-Hilfe ihren Ball – glamourös und solidarisch.
Unter den strahlenden Kristalllüstern der ausverkauften Alten Reithalle erlebt Stuttgart am Samstagabend einen der wenigen verbliebenen klassischen Bälle der Stadt – und sicher den ungewöhnlichsten: den Weihnachtsball der Aids-Hilfe Stuttgart. Diesmal steht er im Zeichen eines Jubiläums.
Die Aids-Hilfe feiert ihr 40-jähriges Bestehen. Vier Jahrzehnte Prävention, Beratung, Testangebote und der unermüdliche Kampf gegen Diskriminierung – ein Auftrag, der noch aktuell ist, aber anders, erfahren 300 Gäste in dieser rauschenden Ballnacht.
Eleganz trifft Haltung
Elegant oder extravagant – so lautet der Dresscode, und die Gäste erfüllen ihn mit Bravour. Glitzernde Roben, Smokingjacken, viel Glamour. Fast alle tragen die rote Schleife am Revers, das weltweit bekannte Symbol der Solidarität mit Menschen, die mit HIV leben. Ein wichtiges Zeichen in einer Zeit, in der Betroffene trotz medizinischer Fortschritte noch immer Ausgrenzung erfahren.
Auch viele Gäste der ersten Stunde feiern mit – darunter Langzeitpositive, die dank moderner Medikamente ein weitgehend normales Leben führen können. „Das Virus hat keine sexuelle Orientierung“, heißt es dazu auf der Bühne. Ein Satz, der die Haltung des Balls zusammenfasst.
Ein OB, der mittanzt – und Luftgitarre spielt
Schirmherr des Balls ist Oberbürgermeister Frank Nopper, der mit seiner Frau Gudrun Nopper den ersten Tanz des Abends eröffnet. Die Gäste sind beeindruckt, manch einer fragt sich: Führt hier der Mann oder die Frau? Die beiden schreiten gekonnt über das Parkett, als wollten sie der Stadtgesellschaft zeigen, wie selbstverständlich Solidarität heute sein sollte. Damit unterstreichen der OB und seine Gattin: Die Zeiten der Ausgrenzung und der Diskriminierung von queeren Menschen sind vorbei!
Ballettstar Eric Gauthier holt OB Frank Nopper obendrein bei seiner Mitmach-Nummer auf die Bühne. Meist tanzt er ein wenig zeitversetzt, aber mit sichtlich großer Freude. Und spätestens, als der OB zur Luftgitarre greift, erlebt ihn das Publikum als heißen Rocker. Gleichzeitig hört man im Saal: Wenn sich Frank Nopper genauso heftig fürs Regenbogenhaus einsetzt, geht’s doch noch vorwärts.
Einer freilich hat noch mehr drauf: Kurz nach Mitternacht schraubt „Let’s-Dance“-Sieger Diego Pooth, der Sohn von Verona Pooth, die Stimmung bei der Musik von DJane Alegra Cole noch mal weiter nach oben. Das Team der RTL-Show kommt soeben vom Auftritt in der Schleyerhalle ins Hotel Maritim zurück, ist noch voll im Partymodus drin. Durch den Abend führt gewohnt charmant SWR-Moderator Jürgen Hörig, der zwei prägende Figuren der queeren Szene auf die Bühne holt: Club-Ikone Laura Halding-Hoppenheit wird als eine des Botschafterteams der Aids-Hilfe begrüßt, sagt aber: „Ich bin seit 40 Jahren Botschafterin in der Illegalität“. Der Saal lacht, ihr Botschaft bleibt ernst: Man dürfe Menschen niemals auf ein Virus reduzieren. Ihr augenzwinkernder Appell „Trinkt und spendet!“ wird zum geflügelten Satz des Abends.
Ahmed Mnissi: Offenheit als Schlüssel im Kampf gegen HIV
Ein weiterer Botschafter ist Ahmed Mnissi. Der gebürtige Tübinger ist heute als Hair- und Make-up-Artist ein bekannter Kopf der Community – und seit Jahren ein internationales Gesicht der HIV-Aufklärung. 2018 machte er seine HIV-Diagnose öffentlich. „Wenn man nicht offener mit HIV umgeht, wird sich auch nicht viel bewegen“, war damals seine Erkenntnis.
Seitdem klärt er unter anderem an Schulen auf, spricht über Prävention, sexuelle Gesundheit und den Umgang mit Diskriminierung. Die ersten Reaktionen nach seinem Coming-out seien hart gewesen, erzählt er, Anfeindungen wegen seiner Erkrankung gehörten dazu. Doch heute empfindet er HIV für sich selbst nicht einmal mehr als Stigma. Dank moderner Medikamente habe er keine Nebenwirkungen, könne ganz normal leben. Mnissi plädiert an diesem Abend für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und für Offenheit – eine Botschaft, die im Saal viele erreicht und die Arbeit der Aids-Hilfe auf eindrückliche Weise unterstreicht.
Für großen Jubel sorgt der international gefeiert Countertenor Nils Wanderer, der demnächst in der Metropolitan in New York auftritt sowie Tänzerinnen und Tänzer von Gauthier Dance, deren Bühnen sich ebenfalls rund um die Welt befinden. Zur späten Stunde erleben die Gäste eine mitreißende Show des Friedrichsbau Varietés, das Ausschnitte aus dem aktuellen Programm „Größenwahn“ mit Glamour der 1920er zeigt.
Ernsthafte Zahlen: HIV-Diagnosen steigen wieder an
So fröhlich die Ballkulisse auch sein mag, die Zahlen sind erschreckend. 3200 neue HIV-Diagnosen wurden 2024 in Deutschland gemeldet. Damit sind die Zahlen erneut gestiegen, während Präventions- und Beratungsangebote zunehmend unter finanziellen Druck geraten. „Allein aus eigener Kraft können wir unsere Aufgaben nicht erfüllen“, sagt Bernd Skobowsky aus der Geschäftsführung der Aids-Hilfe. Vor allem unter Heterosexuellen breite sich HIV wieder stärker aus. Neben HIV-Aufklärung beschäftigen die Mitarbeitenden sich zunehmend auch mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten sowie mit Informationsarbeit für Migranten.
Spektakuläre Aktion am Montag am Riesenrad auf dem Schlossplatz
Zum Welt-Aids-Tag an diesem Montag, 18 Uhr, soll Stuttgart mit einer spektakulären Aktion am Riesenrad auf dem Schlossplatz und mit einer acht Meter hohen Dundu-Figur ein bundesweit sichtbares Signal setzen – etliche TV-Teams haben sich angekündigt. Eine rote Schleife wird an dem sich dann noch bunter leuchtenden Riesenrad gehisst.
Der Weihnachtsball der Aids-Hilfe ist glamourös, laut, fröhlich, lebensbejahend – und zugleich zutiefst politisch. Gegen Mitternacht folgt der Überraschungsmoment des Balls: Damiano Maiolini, Schlager-Pop-Sänger und Publikumsliebling, betritt die Bühne. Binnen Sekunden singt und tanzt der ganze Saal – ein Moment, in dem Freude über das Miteinander die ernsten Themen des Abends für kurze Zeit überstrahlt.
So viel Begeisterung hört Organisatorin Shirin Ramseier, dass sie spät in der Nacht sagt: „Der Ball sollte auch 2026 stattfinden.“